Pinneberg
Sportförderung

Der Mann mit dem Fingerspitzengefühl geht

Kapitän zur See Michael Giss (am Pult),

Kapitän zur See Michael Giss (am Pult),

Foto: Ulrich Stückler

Drei Jahre hat Lars Apitz die Hamburger Bundeswehr-Sportfördergruppe in Appen geleitet. 41 Sportsoldaten verabschieden ihren Chef

Appen.  Um 14.42 Uhr geschieht im Festsaal von Haus 2 auf dem Gelände der Appener Marseille-Kaserne etwas, das dem uneingeweihten Beobachter ein wenig paradox erscheinen mag. Vor 41 angetretenen Sportsoldaten sowie rund 50 Gästen fordert Kapitän zur See Michael Giss die Athleten in Uniform dazu auf, mit dem Schlachtruf des Landeskommandos Hamburg ihrem Kameraden Respekt zu zollen. Und so ertönt rund 14 Straßenkilometer von der Landesgrenze der Hansestadt entfernt dreimal lauthals ein „Wir in“ – „Hamburg!“, während dem Mann, dem diese Ehrung gilt, die Rührung deutlich anzusehen ist.

Es ist der letzte Akt der Verabschiedung von Oberstabsbootsmann Lars Apitz. Drei Jahre lang hat der ausgebildete Kampfschwimmer die Sportfördergruppe Hamburg in der Marseille-Kaserne geleitet. Nun geht es zu neuen, spannenden Aufgaben. Der 49 Jahre alte Ehemann und Vater einer insgesamt zehnköpfigen Patchwork-Familie darf ab Sommer 2019 in Newport (Rhode Island) US-amerikanische Feldwebel ausbilden. Der begeisterte Triathlet übernimmt also gewissermaßen auch eine Botschafterrolle in den USA.

In gewisser Weise Repräsentanten sind aber auch die jungen Frauen und Männer, die sich an diesem Tag zu Apitz’ Verabschiedung und der Amtsübergabe an dessen Nachfolger Nils Vollrath (40) eingefunden haben. Sind sie doch als Teil der insgesamt 744 durch die Bundeswehr geförderten Athleten – 80 davon in der Fördergruppe Hamburg – angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung des Leistungssports auch ein Aushängeschild für die moderne Armee, welche die Bundeswehr sein will. Angesichts ihrer neuen internationalen Aufgaben muss sie dies auch sein.

Aber sie sind halt auch sensible Athleten, die ihre Leistung unter anderen Bedingungen optimal entfalten, als es vielleicht bei normalen Soldaten der Truppe der Fall ist. „Fingerspitzengefühl ist in meiner Position ungemein wichtig gewesen und wird es auch für meinen Nachfolger sein, den ich jetzt schon ein wenig um seine kommenden Aufgaben beneide“, sagte Apitz in seiner Abschiedsrede. „Als Fördergruppen­leiter ist man Bindeglied zwischen den Sportverbänden, in deren Obhut wir unsere Sportsoldaten ja übergeben. Die wohl wichtigste Aufgabe ist, den Sportsoldaten den Rücken bestmöglich von allen administrativen Vorgängen freizuhalten, damit sie sich voll und ganz ihrem Sport widmen können.“

Denkmodell: Zusammenlegung mit dem Olympiastützpunkt

Was Apitz’ mit den „kommenden Aufgaben“ für seinen Nachfolger meint, erläutert er in seinen Abschiedsworten. Da sei auch die angedachte Angliederung der Sportfördergruppe an den Olympiastützpunkt in Hamburg. Als grober Zeitrahmen sei zwar frühestens an 2024 zu denken, aber: „Hier kann etwas zusammenwachsen, was eventuell auch zusammengehört.“ Nutznießer sollen die Frauen und Männer sein, um die es bei der Sportförderung schließlich geht. Konzen­tration von Kompetenz und Trainingsmöglichkeiten an einem Ort wäre schon durch kurze Wege eine Erleichterung für alle Parteien.

Doch die Motivation, sich für zuerst elf Monate, danach oft weiter als Zeitsoldat der Bundeswehr anzuvertrauen, hat dann doch tiefgreifendere Gründe für die jungen Athleten. „Ich habe hier das Gefühl, mich zu hundert Prozent auf meinen Sport konzentrieren zu können. Mein Ziel sind ja die olympischen Spiele 2020 in Tokio“, sagte zum Beispiel die Gefreite Viktoria Huse. Die Hockeyspielerin vom Club an der Alster ist erst seit drei Monaten beim Bund. „Davon war die Hälfte Grundausbildung, die für uns genauso abläuft, wie für alle Rekruten“, sagte die 23-Jährige. „Durch diese völlig neuen Erfahrungen mit Schießtraining, Geländeübungen oder Exerzieren erhält man einen ganz neuen Blickwinkel.“

Gerade in der strengen Bundeswehrwelt sieht Richard Schmidt auch einen Vorteil. Der Oberfeldwebel ist mit kurzer Unterbrechung seit 2006 in der Sportfördergruppe. „Du lernst Disziplin, Ordnung, Teamfähigkeit. Die Zeit hier prägt jeden in einer Form“, sagte der Achter-Ruderer. „Und als Athletensprecher erfahre ich viel über die Existenzsorgen der Sportler. Du kannst halt im zivilen Leben nicht voll arbeiten und dabei auf Weltklasseniveau trainieren. Die Bundeswehr und ihre Förderung ist ein Grundbaustein für unser Leben.“