Pinneberg
Pferdesport

Sie ist ihres eigenen Glückes Schmied

Foto: Melanie Mallon

Durchgesetzt in der Männerdomäne: Die Halstenbekerin Verena Stroth arbeitet als Hufschmiedin und hatte oft mit Vorurteilen zu kämpfen.

Halstenbek.  Einen Amboss schleppen, glühend heißes Metall mit Hammer und Zange bearbeiten, mit einem Schweißgerät hantieren, widerspenstige Patienten im Zaum halten - und das als Frau. Geht nicht? Verena Stroth ist der lebende Beweis, dass es doch geht. Die Halstenbekerin ist die einzige Hufschmiedin weit und breit, die einzige, die alle Pferde beschlägt. Vom Freizeitpferd über Dressur- oder Springkünstler bis hin zu Poloponys. Egal, ob die Tiere groß oder klein sind, unabhängig von deren Können – die 38-Jährige behandelt alle Pferde mit der gleichen Sorgfalt und Hingabe.

Dafür muss Verena Stroth zunächst wissen, wo ihrem Patienten der Schuh drückt. Um das herauszufinden, lässt sie den Vierbeiner erst einmal vorführen, geht mit ihm wie auf einem Laufsteg auf und ab.

Heute ist Uschi dran. Die Diagnose: Die Fuchsstute braucht vier neue Hufeisen, die jetzigen sind nach sechswöchigem Einsatz buchstäblich abgelaufen. Uschi war früher ein Problemfall. „Alle Reiter wurden abgeworfen, die hat jede Chance zum Buckeln und Herumbocken ausgenutzt“, sagt Besitzerin Fanny von Behr (23). Mittlerweile ist Uschi tiefenentspannt, lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Die Stute steht auf dem Hof und wartet geduldig auf den Service. „Die springt nicht zur Seite, selbst wenn ein Hund oder eine Katze vorbeihuschen. Die kennt den Ablauf sehr genau“, sagt Verena Stroth.

Ihr Start in den Beruf, eine reine Männerdomäne, ist holprig. Nach dem Abitur will die schlanke, drahtige Frau mit dem blonden, frechen Kurzhaarschnitt mehr über den Hufbeschlag für ihre eigenen Pferde wissen. Sie fragt bei mehreren Hufschmieden an – und kassiert eine Absage nach der anderen. Das Argument: Es ist ein harter Männerjob mit schwerer körperlicher Arbeit, nichts für schlanke Frauen.

„Ich war so empört, ich wollte es jetzt ganz genau wissen“, sagt die resolute Halstenbekerin. „Den Hufschmied Ulrich Rösner habe ich dann so lange bearbeitet, bis er völlig entnervt einem zweiwöchigen Praktikum zustimmte“, erinnert sich die 38-Jährige. Das unbezahlte Praktikum wird Woche um Woche verlängert. „Ich kam viel herum, ich durfte immer mehr an die Hufe ran. Zum Beispiel fragte der Circus Krone an, ob wir die Zirkuspferde machen könnten“, sagt Stroth. „Dann hatten wir eine Kuh und einen Esel mit komplett krummen Füßen. Die Hufe mussten ausgeschnitten, also begradigt werden, damit die Tiere wieder richtig laufen konnten. Das war spannend.“ Sie lernt schnell. „Ich wollte ja nichts anderes, letztlich waren es vier Jahre.“

Als Ulrich Rösner im Jahr 2008 mitten bei der Arbeit im Alter von 54 Jahren an einem Herzinfarkt stirbt, übernimmt Verena Stroth Werkzeug und Kundenstamm. „Am Anfang meiner Selbständigkeit bin ich schräg angeguckt worden. Ich kann mir gut vorstellen, einige haben gedacht, die packt es nicht. Es ist in der Tat ein Knochenjob“, sagt Stroth. Auch ein mitunter gefährlicher. „Ein Pferd hat ganz gezielt ausgeschlagen, ich flog durch die Stallgasse und dachte, mein Knie ist dahin. Da hatte ich längere Zeit Probleme“, erzählt Stroth.

Stroth hat in einer mobilen Schmiede alle Utensilien dabei

Sie hat in ihrer mobilen Schmiede alles dabei. In dem silberfarbenen Kastenwagen stapeln sich etwa 100 Hufeisen-Rohlinge. Bevor es an die Handarbeit geht, werden die alten Eisen heruntergezogen und begutachtet. „Vorne ist die Abriebskraft höher, und Uschi läuft ganz leicht nach innen.“ Die Hufeisen werden im Gasofen bei mehr als 800 Grad erhitzt, gegebenenfalls per Schweißgerät verändert und am Amboss individuell dem Huf angepasst. Die neuen Hufeisen glühen rot, jetzt muss jeder Handgriff sitzen, es geht um Sekunden. Es zischt, Rauch steigt auf, und die Handwerkerin kann einen Augenblick lang nichts mehr sehen.

Stroth geht es nicht nur darum, dem Pferd quasi neue Schuhe zu verpassen. Sie will auch Fehler im Bewegungsablauf korrigieren. Das ist eine Wissenschaft für sich. Sind Hufeisen aus Stahl, Aluminium, Kunststoff oder Titan am besten geeignet? Macht es Sinn, ein Polster zwischen Huf und Eisen zu legen, um den Druck besser zu verteilen? Ohne perfekt sitzende Hufeisen läuft bei Pferd und Reiter im Wortsinn praktisch nichts.

Ihre eigenen vier Pferde reitet sie in der Freizeit ohne Sattel und Trense. „Ich betrachte sie als Partner und nicht als Sportgeräte.“ In ihrem Beruf hat sich Stroth längst durchgesetzt, sie brennt für ihre Arbeit, trotz der Mühsal in ständig gebückter Haltung. „Ich liebe Tiere. Und bin mein eigener Herr. Mehr geht nicht“, sagt sie.