Pinneberg
Kampfsport

Der Leistungsgedanke dient als Lebenselexier

Jamil Tarkhani beim Training in seiner Tornescher Kampfsportschule

Jamil Tarkhani beim Training in seiner Tornescher Kampfsportschule

Foto: Frederik Büll / HA

Der Kummerfelder Kickboxer Jamil Tarkhani gewann fünf Turniere in Folge in den USA – seit rund 30 Jahren startet er nun schon bei Wettkämpfen.

Kummerfeld. Prügeleien sind Jamil Tarkhani zuwider. Gekämpft wird ausschließlich im Kickbox-Ring. „Darauf bin ich sehr stolz. Es gab nie Konflikte, weder in der Jugend noch während meines Erwachsenenlebens“, sagt der 49 Jahre alte Kummerfelder. Schon früh entdeckte er seine Liebe zum Kampfsport. Sein Vater kam in den 1960er-Jahren aus Tunesien nach Deutschland und lernte in der Hansestadt seine zukünftige Frau kennen. Bereits im Alter von sechs Jahren knüpfte der gebürtige Hamburger die ersten Kontakte zur Kampfsportszene.

Vorher probierte er es mit einer anderen Sportart aus. „Ich habe bei Altona 93 Fußball gespielt, bin aber mit Schimpf und Schande gescheitert“. Er sei eben für einen Mannschaftssport ungeeignet. Damals hat es ihn „rasend“ gemacht, wenn es für ihn als Stürmer mit seinen Mitspielern in der Offensive gut lief, „der Torwart aber gepennt“ habe. Tarkhani wechselte zum Individualsport – auch beeinflusst von dem Hype um die actiongeladenen Bruce Lee-Filme – und blieb dabei.

Der Leistungssportler wirkt wie jemand, der gerne die Zügel fest in der Hand hält, zumindest wenn es um seinen Sport geht. Dieser nämlich ist seine große Leidenschaft, seitdem er, beginnend mit Taekwondo, über Kung Fu letztendlich mit 13 Jahren beim Kickboxen landete. Die Ansprüche an die eigene Leistung und sich selbst waren und sind immer noch hoch. Seit 2013 nahm er an fünf Fünf-Sterne-Kickbox-Turnieren in den USA in der Schwarzgurtklasse teil – der 94,5 Kilogramm schwere Athlet gewann sie allesamt: In Dallas, dann bei den US Open in Orlando, die Lonestar Open in Austin, ein großes Turnier in Philadelphia und zuletzt in Tampa. Gekämpft wird im Point-Fight-System. Das heißt, nach jedem erfolgreichen Treffer wird der Kampf für die Punktvergabe kurz unterbrochen. Ein K.o.-Schlag führt sogar zur Disqualifikation.

Pro Turnier waren es zwischen vier und sechs Kämpfe, ehe der Triumph feststand. Sein letzter Finalgegner, 39, war zehn Jahre jünger. „Ich kämpfe nur in den USA. Vielleicht vor zwölf oder 15 Jahren zuletzt in Deutschland. In den Staaten ist die Qualität der Kämpfer am höchsten und alles ist viel professioneller“, so Tarkhani, der seit 1992 von der texanischen Kampfsportgröße Al Garza unterstützt wird und noch heute als einer der wenigen Europäer in den USA antritt und dort auch Teil des „Houston Team Texas“ ist.

Seit seiner Zeit bei der Bundeswehr bestreitet der Inhaber der 1997 gegründeten Tornescher Kampfsport- und Fitness-Schule Sinawali (zu deutsch: Verpflichtung/Verbindung) Kickbox-Kämpfe und holte Welt- und Europameistertitel sowie den afrikanischen Kontinental-Titel. Wie so oft im Kampfsport gibt es zahlreiche unterschiedliche Verbände. Jeder von diesen stellt jeweils einen Titelträger. Für den gelernten Groß- und Außenhandelskaufmann bedeutete der Fokus auf den Kampfsport gleichzeitig Verzicht auf die angenehmen Dinge des Lebens, die nicht immer gerade als gesundheitsfördernd gelten.

Er versprüht die Aura der inneren Ruhe eines typischen Kampfsportlers

„Wenn man bei Wettkämpfen erfolgreich sein will, braucht man ein gewisses Maß an Disziplin. Geraucht habe ich nie, im Jahr trinke ich nicht einmal eine Flasche Wein.“ Drogen und muskelaufbauende oder leistungssteigernde Substanzen waren seit jeher tabu. „Klar kennt man Leute, die damit hantiert haben. Kurzfristig mag es etwas bringen, aber auf lange Sicht schadet es nur. Von denen ist heute keiner mehr aktiv“, sagt Tarkhani, der diese Aura der inneren Ruhe eines typischen Kampfsportlers versprüht.

Verheiratet ist der Kickboxer, Kinder hat er jedoch keine. „Ich habe immer hier in der Kampfsportschule jede Menge Kinder um mich herum. Aber die Verantwortung für eigene wollte und konnte ich bei diesem Lebenswandel nicht tragen“, so die ehrliche Antwort des Sportlers. Beim Turnier in Tampa (Florida) herrschten 46 Grad, in hiesigen Gefilden waren es acht. „Als vollsozialisierter Norddeutscher“ sei „die Hitze ein zusätzlicher Gegner“ gewesen. Eine Woche vor der Veranstaltung reiste er zur Akklimatisierung an, wochenlang vorher wurde intensiv trainiert und streng Diät nach einem Ernährungsplan gehalten. Doch die asketische Lebensweise missfällt Tarkhani, der nicht abstreitet „recht ehrgeizig“ zu sein, mittlerweile schon. „Es nervt dann doch, dass ich die richtig leckeren Sachen nicht zu mir nehmen darf.“

Und auch der Zahn der Zeit nagt an ihm, wie er zugibt. „Mit 30 steckst du das alles noch locker weg, aber ich gehe auf die 50 zu. Dann weiß man schon, dass die Karriere nicht ewig weitergeht und man viel längere Erholungssphasen braucht.“ Waren es früher noch sechs Großturniere im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sind es heutzutage maximal noch zwei.

In Houstons Kampfsportszene könnenLeute mit seinem Namen etwas anfangen

Dies und die langjährige Teilnahme an US-Kämpfen, reicht, um in der dortigen Kickbox-Szene einen gewissen Bekanntheitsgrad zu haben. „Im Supermarkt werde ich jetzt nicht unbedingt erkannt. Aber in Houstons Kampfsportszene können die Leute mit meinem Namen etwas anfangen“, sagt er und lächelt. Der große Sprücheklopfer scheint Jamil Tarkhani nicht zu sein. Dass er als kleiner Junge auf dem Fußballfeld in Altona stinksauer rumgezetert hat, ist kaum vorstellbar. Doch schon damals blieb er ruhig und prügelte sich nicht.

In der nun 30 Jahre währenden Karriere des Kickboxers haben sich jedoch Unmengen an Schlägen und Tritten angesammelt – aber allesamt nur im Ring.