Erstaunliche Geschichte

Warum Pinneberg einst eine eigene Universität hatte

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Manfred Augener
Einst war Pinneberg Universitätsstadt: Studentinnen und Studenten 1947 oder 1948 auf dem Weg zur Vorlesung, Stühle wurden mitgebracht. Im Hintergrund die Hauptwache der Kaserne.

Einst war Pinneberg Universitätsstadt: Studentinnen und Studenten 1947 oder 1948 auf dem Weg zur Vorlesung, Stühle wurden mitgebracht. Im Hintergrund die Hauptwache der Kaserne.

Foto: The Story of the Baltic University / archiv Domeyer

In einem heutigen Hotel erinnert kaum noch etwas an die Bildungsstätte. Doch vor 75 Jahren lernten hier 800 Studenten.

Pinneberg. Drei neue Gäste stehen mit ihrem Gepäck vor dem „Budget Hotel“ An der Raa, haben für ihren Aufenthalt in Pinneberg günstige Zimmer gebucht. Dem dunklen Metallschild an der Vorderfront des Fachwerkhauses schenken sie nur einen flüchtigen Blick. „Baltische Universität“ ist dort zu lesen, darunter die jeweilige Übersetzung in drei Sprachen. Litauisch, Lettisch und Estnisch. Und dann noch „1946-1949“. Klingt rätselhaft. Was kaum ein Hotelgast und nicht viele Einheimische wissen dürften: Das unscheinbare Schild dokumentiert einen ganz besonderen Abschnitt der Pinneberger Geschichte. Denn vor 75 Jahren war Pinneberg Universitätsstadt.

Pinneberg hatte mal eine Universität

Mehr als 800 Studenten und 150 Hochschullehrer aus Estland, Lettland und Litauen lernten, lehrten und forschten für zwei Jahre in der Baltischen Universität, die in mehreren Gebäuden der ehemaligen Eggerstedt-Kaserne untergebracht war. Es gab acht Fakultäten: Philosophie, Wirtschaftswissenschaften/Rechtswissenschaften, Mathematik/Naturwissenschaften, Agrarwissenschaften, Medizin, Architektur/Bauingenieurwesen, Chemie sowie Maschinenbau. Das stattliche Fachwerkhaus, eine frühere Kantine der Kaserne und jetziges „Budget Hotel“, war damals Sitz der Universitätsverwaltung.

Viele Balten flüchteten vor der Roten Armee in den Westen

Zwei Jahre lang, von 1947 bis 1949, lief der Lehr- und Forschungsbetrieb in Pinneberg, bevor die Alliierten die Baltische Universität auflösten. Doch was bedeutet dann die Zeitspanne „1946-1949“ auf der Gedenktafel? In diesem dreijährigen Zeitraum, erläutern Wolfgang J. Domeyer und Johannes Seifert von der VHS-Geschichtswerkstatt Pinneberg, sei die Zeit des Unibetriebes in Hamburg vor der Verlagerung nach Pinneberg enthalten. Seifert: „Die Baltische Universität war in dem damals noch geschlossenen Museum für Hamburgische Geschichte untergebracht, bevor sie nach Pinneberg umziehen musste.“

Doch wie kam Pinneberg überhaupt zur Ehre, als Standort einer Universität in Betracht zu kommen? Die Geschichte der Baltischen Universität ist eng mit dem Zweiten Weltkrieg und den Nachkriegswirren verknüpft. Die Balten gehörten zu den sogenannten Displaced Persons (DP) – Zivilpersonen, die sich kriegsbedingt außerhalb ihres Heimatstaates aufhielten, ohne Hilfe nicht zurückkehren oder sich in einem neuen Land ansiedeln konnten.

Allein in der Pinneberger Kaserne waren 1945 Tausende DPs unterschiedlicher Nationalitäten untergebracht. DPs waren vor allem Zwangsarbeiter und Zwangsverschleppte der NS-Herrschaft, ehemalige KZ-Häftlinge und Osteuropäer, die nach Kriegsbeginn entweder freiwillig eine Arbeit in Deutschland aufgenommen hatten – oder 1944 vor der sowjetischen Armee geflüchtet waren. So wie viele Balten.

Als die Rote Armee ein Jahr vor Kriegsende das Baltikum erreichte, flohen viele Einwohner nach Deutschland und Schweden, schrieb der Publizist Arnolds Grāmatiņš in einem Beitrag zum 50. Jahrestag der Gründung der Baltischen Universität. „Am Ende waren es 200.000 Esten, Letten und Litauer.“ Die meisten dieser Flüchtlinge waren gut ausgebildet, waren Universitätsdozenten, Führungskräfte aus Verwaltung und Wirtschaft oder Lehrer. Auf eine Rückkehr in die Heimat nach Kriegsende hofften die meisten von ihnen, allerdings war eine Zukunft unter sowjetischer Herrschaft kaum eine Option, man musste sich völlig neu orientieren.

Wie Pinneberg zu einer Universität kam

Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, organisierten die Flüchtlinge eigene Schulen für die Kinder, schreibt Grāmatiņš. Aber auch für Abiturienten und Studenten musste es weitergehen. Da die meisten Hochschulen in Deutschland zerbombt und die wenigen Studienplätze heiß begehrt waren, entschlossen sich damals lettische Professoren, eigene akademische Kurse in der Nähe einer deutschen Universität zu gründen. In Hamburg trafen sie Kollegen aus den anderen baltischen Staaten. Sie begannen, eng zusammenzuarbeiten, bildeten ein Organisationskomitee, legten Lehrpläne und eine Verfassung für eine Baltische Universität mit acht Fakultäten fest. Offizielles Datum der Universitätsgründung: 9. Januar 1946.

Nach ersten Anfängen im Verwaltungsgebäude des Deutschen Rings zog die Baltische Universität teils in Baracken-Lager, teils in das zerbombte und herzurichtende Museum für Hamburgische Geschichte ein – doch schon bald stellte sich heraus, dass die Universität nicht in Hamburg verbleiben konnte. Zunächst wurde als Ersatz die frühere Torpedoschule in Eckernförde angeboten, danach kam die ehemalige Luftwaffenkaserne in Pinneberg ins Gespräch.

Nicht zuletzt dank des Engagements vieler Studenten wurden die Räumlichkeiten der Kaserne hergerichtet und bewohnbar gemacht, sodass im Januar 1947 der Vorlesungsbetrieb der Baltischen Universität in Pinneberg aufgenommen werden konnte.

Balten lebten sich in Pinneberg ein

Die Gruppe der Balten wuchs, man lebte sich ein in Pinneberg. In dieser Zeit wurden laut Grāmatiņš mehrere Studentenkorporationen gegründet. Erste Kontakte mit den Einwohnern Pinnebergs entstanden auf sportlichem Sektor, es gab Wettkämpfe von Dozenten und Studenten mit dem Schachclub Pinneberg. Studenten der Landwirtschaft hatten Kontakte zu den großen Bauernhöfen, angehende Forstwirte praktizierten in Baumschulen der Region. „Nach einer Statistik vom November 1947 lebten in der Eggerstedt-Kaserne 159 baltische Dozenten mit 805 Studenten“, schreibt Seifert in „Pinneberg – historische Streiflichter“.

Letztlich aber geriet die Baltische Universität in Pinneberg immer mehr unter Druck, „es zeigte sich, dass aus der Baltischen Universität keine dauerhafte Einrichtung werden sollte“, so Seifert. „Die alliierten Behörden hatten kein Interesse daran, baltische oder polnische Institutionen in Deutschland längerfristig zu erhalten. Sie boten den Bewohnern stattdessen die individuelle Auswanderung besonders in die USA, nach Kanada und Australien an.“

Pinneberg: Internationale Schule setzt Tradition fort

Nach Auflösung der Baltischen Universität Ende September 1949 wuchs die Hoffnung in der Pinneberger Verwaltung, die Kaserne als zusätzlichen Wohnraum nutzen zu können, doch die Anlage blieb DP-Lager und ging erst am 1. Juli 1950 in deutsche Verwaltung über.

Das weiße Fachwerkhaus An der Raa ist eines der letzten Zeugnisse der Pinneberger Universitätsstadt-Ära – gilt aber offenbar als nicht schutzwürdig und ist auf Landesebene lediglich noch als ehemaliges Kulturdenkmal aufgeführt. Von dem ehemaligen Wachhäuschen der Kaserne steht ohnehin nur noch eine Ruine – es dürfte wohl bald abgerissen werden.

Immerhin ist der Standort der ehemaligen Baltischen Universität heute wieder eng mit Lehren und Lernen verbunden: Seit 2016 ist die Privatschule International School Campus auf dem früheren Pinneberger Kasernengelände ansässig, auf dem vor 75 Jahren Studentinnen und Studenten für Mathematik, Philosophie und Medizin paukten.

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