Die Unbestechlichen vom Lande

Krimi-Serie: Frau Holle und die zuckersüße Gefahr

| Lesedauer: 15 Minuten
Klaus E. Spieldenner
18. Folge Frau Holle und die zuckersüße Gefahr, 6. November

18. Folge Frau Holle und die zuckersüße Gefahr, 6. November

Foto: Ute Martens

Die Unbestechlichen vom Land – Folge 18: Dorothea Holle recherchiert einen cola-klebrigen Koma-Fall.

Nee, Siegfried, bidde nich starven!“

„Oh, du mien Kriemhilde, du hest mi verraden, aver ik war di liekers ümmer leev hebben…“

Siegfried Schwereloß sank in sich zusammen und rollte mit den Augen. Dorothea Holle, die, in ein Gewand aus Leinen gehüllt, über ihm kniete, konnte sich ein Schmunzeln nur ganz schwer verkneifen. Die Freundin des Polizeihauptmeisters war zur heutigen Veranstaltung der Stormarner Speeldeel offiziell als Redakteurin des Hamburger Abendblatts eingeladen worden. Sie hatte unterwegs nach Ahrensburg schon ausgerechnet: Für die 1.500 Zeichen plus zwei Fotos gab es knapp 150 Euro. Immer noch nicht genug für ein E-Bike, das sie sich nach dem Verlust des alten Cityrads auf der Jagd nach den Automatensprengern wünschte. Die Versicherung hatte, wie man betonte, großzügige 200 Euro für ihr defektes Fahrrad überwiesen und die Belohnung zur Ergreifung der Holländer brachte weitere 1.000 Euro ein. Doch E-Bikes kosteten inzwischen mehr als ein gebrauchter Kleinwagen.

***

Stimmte etwas mit der Cola nicht?

Der Vorhang in der Niederdeutschen Bühne war gefallen und draußen klatschte sich das Publikum die Hände wund. Siegfried sprang auf, griff Dorotheas Hand und zog sie hoch. Er drückte ihr ein zärtliches Küsschen auf die Nase und meinte: „Gut gemacht – dafür, dass du so kurzfristig für Angelina eingesprungen bist. Auch, wenn es nur ein plattdeutscher Satz war, den du zum Besten geben durftest.“

Bedrückt stand das Ensemble später in der Theatergarderobe.

„Und Angelina ist einfach umgekippt?“

Willi Wirker, der Produzent des Stückes (er spielte den Hagen von Tronje), nickte.

„Aber sie hat doch noch bis kurz vor dem letzten Vorhang keinerlei Anzeichen…“ Das Schluchzen zeigte die Betroffenheit der Sprecherin.

„Ich stand vor dem dritten Akt noch neben ihr...“, meldete sich Gundula Jensen erneut.

Dorothea wusste, die junge Frau arbeitete beim Zahnarzt Dr. Sven Taugnicht in Bad Oldesloe.

„Angelina hat den Rest der Flasche Cola Zero leer getrunken, ist noch mal für kleine Mädels und kam schon schwankend zurück. Dann lag sie plötzlich da. Ich habe die Sanitäter gerufen, den Rest kennt ihr ja …“

Dorothea mischte sich ein. „Eine ganze Flasche Cola hat sie getrunken?“

„Ja, aber das war normal bei ihr. Sie hat – wie alle wissen – Diabetes mellitus und muss viel trinken. Wasser mag sie nicht und darum besorgen wir zur Veranstaltung für Angelina immer zwei große Flaschen Cola Zero“, erklärte die Arzthelferin.

Doro schaute sich auf dem Tisch mit den Getränken um.

„Dort sehe ich nur Wasserkaraffen, eine halb leere Sektflasche und einige Tetra Paks O-Saft. Aber Cola…?“

Polizeihauptmeister Siegfried Schwereloß spürte, es war an der Zeit einzugreifen. Nun war die Exekutive gefragt. Bevor seine Freundin – so sehr er sie schätzte – den Fall übernahm.

„Und sonst ist dir nichts aufgefallen, Gundula?“, wollte der gewichtige Beamte wissen.

Die Frau überlegte und legte die Stirn dabei in Falten.

„Es roch irgendwie nach Azeton, als ich mich über sie beugte.“

„Azeton? Woher kennst du denn diesen Geruch?“

„Benutzen wir bei uns in der Praxis, um Zahnbeinflächen oder auch Wurzelkanäle nach dem Ziehen erkrankter Nerven zu präparieren. Den Geruch habe ich täglich in der Nase.“

Schwereloß richtete sich in voller Größe auf. „Nun, als Polizeibeamter übernehme ich hier jetzt mal. Sucht nach den Cola-Flaschen. Bringt sie her. Am besten eingewickelt, damit wir später nicht noch eure DNA darauf finden. Dann geht es nämlich ins Café Viereck.“ Er lachte laut, aber niemand lachte mit.

***

Zucker in der zuckerfreien Cola?

Dorothea Holle war am nächsten Tag mit dem alten Hollandrad ihrer verstorbenen Mutter zum Polizeirevier nach Ahrensburg geradelt. Schwereloß schwieg zum Fall Angelina Domesos, also musste sie selbst hin, um dort in ihrer Eigenschaft als Redakteurin den aktuellen Stand zu erfahren. Das war sie der kranken Frau und den Lesern des Hamburger Abendblatts schuldig.

„Angelina wurde ins künstliche Koma versetzt. Man hat in ihrem Blut eine beachtliche Menge Zucker gefunden. Also genau den Zucker, der für sie Gift und Lebensbedrohung bedeutet. Über 700 von dem ... Zeug, ich bin ja kein Arzt!“, fluchte Schwereloß.

Dorothea war sprachlos. „Aber ihr glaubt doch nicht, dass sie sich selbst vergiftet hat? Und laut Gundula trank sie an dem Abend nur Cola Zero.“

Der Polizist zupfte nervös an seiner Jacke. Er schielte zum uniformierten Kollegen am Nachbarschreibtisch, der die beiden Streithähne schon eine Weile interessiert beobachtete.

„Nun, dir als Presse-Vertreterin darf ich sagen, dass die Flaschen bisher noch nicht aufgetaucht sind. Entweder jemand hat sie an sich genommen, ich vermute, des Pfandes wegen. Oder …“

„Oder, weil er jegliche Beweise verschwinden lassen wollte?“ Dorothea war in ihrem Element. „Komm, ich bring dich noch zur Tür .“

Draußen vor der Polizeiwache meinte Schwereloß: „Lass‘ bitte die Polizei die Ermittlungen führen. Wir haben Hinweise auf einen Neffen aus Glinde. Der Bursche hat Angelina in den letzten Tagen besucht und Geld von ihr verlangt.“

***

An diesem Abend hatte Dorothea lecker gekocht. Siegfried haute rein, als sei es das letzte Essen vor dem Nimmerleinstag.

„Und der Neffe hat also …“

Siegfried winkte ab. Er kannte seine Liebste inzwischen gut und drängte darauf, erst den Nachtisch zu kosten, bevor er berichten wollte.

Nachdem eine Portion Tiramisu in seinem Magen verschwunden war, wischte sich Schwereloß den Mund ab. Seine Freundin schaute ihn erwartungsvoll an.

„Weißt du, Doro, du kommst mir vor wie Miss Marple!“

Er lachte laut und bekam sich fast nicht mehr ein.

„Spinn nicht rum, wir sind eher wie Bonny und Clyde!“

Nun lachten beide ausgelassen.

„Also jetzt, was war mit dem Neffen?“

„Frau Domesos war ja, wie soll ich sagen, also sie stand nicht so sehr auf Männer. Eigentlich gar nicht. Oh Doro, wie soll ich es ausdrücken. Also sie hatte mehr Freude an Frauen.“

„Na und?“

„Sie war lange Jahre mit der Apothekerin liiert, einer Frau Witchnewski, hat sich erst vor kurzem von ihr getrennt. Angeblich wegen einer anderen.“

„Na, du kennst dich aber aus in Sachen Klatsch.“

„Ja, meine verstorbene Frau, Gott habe sie selig, las mit großer Begeisterung Durchhalteblätter. Die voller Klatsch und Tratsch, da ist einiges bei mir hängen geblieben.“

Er versuchte ein entschuldigendes Gesicht aufzusetzen.

„Und der Neffe soll es gewesen sein? Er soll seine Tante vergiftet haben?“

„Halt, Stopp! Was sagst du da? Vergiftet? Nein, die Sache ist nur die: Hagen Pavarosi arbeitet bei Ahrens-Plexi, die stellen Plexiglasplatten her. Pavarosi hat wohl beim Neubauprojekt Am Weinberg eine Eigentumswohnung gekauft und sich dabei finanziell übernommen. Da hat er sich hilfesuchend an seine Tante gewandt. Angelina, gebürtige Italienerin, ist Galeristin und ihre Galerien in Ahrensburg und Lübeck laufen wie geschnitten Brot. Man kann also sagen … sie ist ganz schön betucht. Und nicht nur, was das Leinen der Bilderrahmen betrifft.“

Schwereloß lachte über seinen Witz. Hörte aber sofort auf, als er Doros ernsten Blick wahrnahm.

„Ich meine, das Haus in der Parkstraße und so. Und im Falle des Falles ... erbt Pavarosi ...alles.“

„Oh!“

Doro hatte für heute genug erfahren und wollte ihre junge Beziehung nicht aufs Spiel setzen.

„Wie wäre es mit einem Absacker?“

Siegfried bekam das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht.

***

„War die Apothekerin auch bei der Aufführung?“, wollte Doro beim gemeinsamen Frühstück am nächsten Tag wissen. Siegfried weilte inzwischen meistens bei ihr, hatte aber seine Wohnung in Ahrensburg noch behalten.

„Das kann ich gar nicht sagen. Muss mal auf die Reservierungen schauen.“

***

Hat die Apothekerin ihre Finger im Spiel?

Dorothea Holle suchte später nach einem Vorwand die Hunnau-Apotheke beim Rathausplatz in Ahrensburg zu besuchen und nach einigem Zögern humpelte sie durch die offenstehende Tür hinein. Sie setzte eine schmerzverzerrte Miene auf und trat, leise stöhnend, an die Theke. Die Angestellte im weißen Kittel schaute betroffen auf die Kundin und fragte: „Guten Tag, haben Sie sich verletzt?“

„Nicht schlimm!“, stöhnte Doro und schaute sich neugierig nach der Inhaberin um.

„Aber Sie humpeln doch. Ist das der Grund Ihres Besuches?“

„Ja, ja, Eine Salbe wäre nicht schlecht.“

„Salbe? Wo wollen Sie die denn auftragen? Um welche Schmerzen in Bein oder Fuß handelt es sich genau?“

Doro wurde es langsam zu dumm. Was wollte die Frau noch alles wissen? Das war ja kein Verhör.

„Ist Frau Witchnewski nicht da?“

„Warum? Ich glaube, Sie sollten besser einen Arzt aufsuchen. Ich kann Ihnen eh nur eine rezeptfreie Salbe gegen Gelenkschmerzen verkaufen.

„Gelenkschmerzen, ja, das ist es.“ Doro hatte ihr schmerzverzerrtes Gesicht wieder aufgegeben, als sich eine hintere Tür öffnete. Frau Witchnewski trat zu den Kassen. Sie trug ihre blonden Haare offen und Doro war sicher, sie waren gefärbt. Trotz Brille und Maske sah man ihr an, dass sie geweint hatte. Die Augen hinter den Gläsern gerötet, machte sie nervöse Bewegungen mit den Händen.

„Habe ich da meinen Namen gehört?“

Dorothea nickte. „Mein Beileid, Frau Witchnewski.“

„Beileid? Um Gottes willen, wer ist gestorben?“

Die freie Redakteurin bemerkte, wie die Frau zu zittern begann.

„Ach, ich bin ganz durcheinander. Ich wollte nur sagen, schlimm, dass Angelina so krank ist. Ich kenne sie gut.“, schwindelte Dorothea.

Die Apothekerin machte einen Seufzer, Tränen kullerten über ihre Wangen. Dann drehte sie sich plötzlich um und verschwand in die Richtung, aus der sie gekommen war.

Die hat mit der Vergiftung der Frau sicher nichts zu tun, mutmaßte Dorothea Holle. Sie hängt noch an Angelina und würde ihr nichts antun.

„Was ist nun mit der Salbe?“

„Ach, geht mir schon besser!“

Dorothea rannte aus der Apotheke.

***

Siegfried Schwereloß saß in der Küche und vor sich auf einem Pappteller standen drei Berliner. In der Hand hielt er einen Vierten und hatte diesen gerade angebissen.

„Hast du Besuch eingeplant, Schatz?“, wollte Doro wissen.

„Besuch?“, hustete er überrascht, den ersten Bissen noch nicht gänzlich verarbeitet.

„Ja, wer sonst soll die restlichen Berliner essen? Doch nicht du?“

Schwereloß war sich sicher, der Blick seiner Lebensgefährtin hing irgendwo zwischen seiner Brust und den Oberschenkeln.

„Nein, nein. Zwei für mich, zwei für dich“, grinste er und schob den Rest des Berliners in den Mund.

„Dann will ich das mal glauben.“

Dorothea wusch sich die Hände und griff nach dem süßen Hefegebäck.

„Was machst du eigentlich schon hier, Siggi?“

„Ich habe frei genommen.“

Schwereloß wischte sich einen Rest Marmelade von den Lippen.

„Ich war eben dabei, als sie Pavarosi festgenommen haben. Der roch vielleicht nach Azeton! Das wird in riesigen Mengen bei der Produktion von Plexiglas eingesetzt. Gundulas guter Nase haben wir zu verdanken, dass der Fall so schnell geklärt wurde.“

„Gundulas Nase also?“

Schwereloß nickte und schaute zögernd zum Tablett. Dann griff er erneut zu.

„Hat er denn gestanden?“

Schwereloß schüttelte den Kopf. „Nein, er weist alle Schuld von sich“, prustete er.

***

Ist am Ende doch alles ganz anders als gedacht?

Seit einer Stunde saß Dorothea Holle vor ihrem Notebook und las sich durch Seiten mit ärztlichen Berichten zum Thema Diabetes. Man klärte dort über das Risiko einer Überzuckerung auf. Bei erhöhtem Blutzucker könne eine stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes und des Körpers auftreten. Die sogenannte diabetische Ketoazidose. Sie führte – so die Ärzte – für betroffene Personen ins diabetische Koma. Waren die Blutzuckerwerte extrem über 250 mg/dl (und bei Frau Domesos waren es laut Siegfried über 700 gewesen) trat verstärktes Wasserlassen, Durstgefühl, Übelkeit und Erbrechen auf. Auch der Geruch von Azeton war in der Atemluft der Betroffenen zu riechen.

Azeton?

Erklärte sich so die Wahrnehmung von Gundula Jensen?

Aber wieso nahm Frau Domesos, bewusst oder unbewusst das gezuckerte Getränk zu sich? Sie kannte sich doch am besten damit aus, was ihr schadete.

„Doro, Doro, gut, dass ich dich erreiche!“

Das Handy hatte geklingelt und Siegfrieds aufgelöste Stimme war zu hören.

„Siegfried, was ist passiert?“

„Die Wende, die Wende!“

„Welche Wende?“

„Die Reinemachfrau der Speeldeel, Lena Hinrichsen, war eben auf dem Revier. Sie besuchte mit beiden Kindern die Vorstellung und die hatten während der Aufführung unbemerkt eine der beiden Flaschen Cola Zero aus der Garderobe leer getrunken. Daraufhin ist Frau Hinrichsen in den Laden um die Ecke und hat eine Neue gekauft. Leider gab es dort kein Cola Zero. Verstehst du?“

„Ja, ja. Und du weißt schon, das Azeton ein Stoffwechselprodukt ist, das zum Beispiel bei Insulinmangel entsteht. Azeton-Geruch im Atem deutet auf eine Ketoazidose hin. Also nix mit dem Plexiglas-Typen!“

„Echt? Was du alles weißt! Aber keine Sorge, der junge Mann ist schon wieder bei seiner Familie und Angelina aus dem Koma aufgewacht.“

„Und wo sind die leeren Flaschen?“

„Die Kinder hatten sie mitgenommen. Zu wenig Taschengeld, vermute ich.“

Beide schwiegen für einen Moment.

„Ich hatte also doch Recht, Schatz!“

„Wieso hattest du recht, Siegfried?“

„Ja, mit dem Pfand.“

Dorothea Holle hielt das Handy etwas vom Kopf weg. Das schallende Lachen ihres Freundes verursachte bei ihr Kopfschmerzen.

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