Die Unbestechlichen vom Lande

Krimi-Serie: Frau Holle und der Tote im Pool

| Lesedauer: 14 Minuten
Klaus A. Spieldenner
Der Mann liegt erschlagen im Wasser seines Gartenpools – war es seine eifersüchtige Frau?

Der Mann liegt erschlagen im Wasser seines Gartenpools – war es seine eifersüchtige Frau?

Foto: Ute Martens

Ein Toter liegt in einem Garten – und Dorothea Holle wundert sich, warum es am Tatort überall nach Urin riecht.

Polizeihauptmeister Schwereloß!“

„Hallo Siegfried, ich bin es, Dorothea!“

Mehrere Einsatzfahrzeuge waren mit eingeschalteten Sirenen den Papendorfer Weg heruntergerast und hatten den Mittagsschlaf von Dorothea Holle erheblich gestört. Noch während der Motor des elektrischen Relaxsessels kämpfte, um die Siekerin zurück in eine Sitzposition zu bringen, hatte sie ihren Freund, Siegfried Schwereloß, von der Großhansdorfer Polizeistation angerufen.

„Mensch Doro, du sollst mich doch nicht auf meinem Diensthandy anrufen. Außer, es handelt sich um einen Notfall.“

Die 63-Jährige befand sich in Erklärungsnot. „Da waren diese Sirenen und ich dachte ... brennt es hier in der Nähe?“

Sie spürte, wie sich der Polizeihauptmeister schwertat, ihre Ausrede zu akzeptieren.

„Ja, weißt du, ich befinde mich tatsächlich beim Kleingartenbauverein um die Ecke. Aber ... nun muss ich mich kümmern!“

Der freien Journalistin war klar, wenn Schwereloß auflegte, wurde weder ihre Neugierde noch ihr Interesse an der Story ihres Lebens befriedigt.

„Wollen wir nicht ... heute Abend ...?“, versuchte sie das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Seit der gewichtige Beamte sich mittels einer Abnehm-App um etliche Pfunde heruntergehungert hatte, wartete er noch immer vergeblich auf die Einladung seiner Freundin, über Nacht bleiben zu dürfen.

Wieder zögerte der Polizeihauptmeister.

„Mensch Doro, du machst mich fertig. Hier brennt die Luft ... es gibt einen Toten und die Kollegen vom Lübecker K1 sind auch schon da ...!“

Dorothea Holle hatte genug gehört. Sie stand von Sessel auf, schlüpfte in ihre Sneakers, warf die Haustür hinter sich zu und sprang auf ihr Rad. Schon war sie in Richtung Papendorfer Weg verschwunden.

***

Woher kommt der Gestank?

„Es riecht verdammt nach Urin hier“, flüsterte Dorothea, Schwereloß zu. Der Polizeibeamte hatte sie kommen sehen und abgefangen. Er schob seine Freundin seitlich neben eine Hecke und schnupperte in alle Richtungen. „Du hast recht, irgendwelche Pinkler. Sicher gibt es hier im Kleingartenbauverein keine öffentliche Toilette.“

Nur wenige Meter trennten das Paar vom niedrigen Jägerzaun einer Gartenlaube. Uniformierte waren dabei, eine Trennwand aus Zeltstoff aufzubauen. Dorothea hatte Glück. Unbemerkt konnte sie mit ihrem Handy Fotos vom Tatort schießen. Vor dem Gartenhaus hatte der Besitzer einen runden Swimmingpool aufgestellt. Einen dieser Pools, die Dorothea Holle schon lange ein Dorn im Auge waren. Musste denn die halbe Republik inzwischen einen Pool im Garten ihr eigen nennen? Klar waren die Menschen durch Corona lange Zeit zu Hause eingepfercht. Aber Wasser war wertvoll und endlich. Und überhaupt, dass die Kommune es zuließ, dass ihre Mitmenschen Hektoliter für Hektoliter Trinkwasser einer dämlichen Freizeitbeschäftigung opferten? Sie hatte sich innerlich in Rage gebracht und kämpfte dagegen an.

Schwereloß hatte Dorotheas versteckte Handbewegung mit dem Handy bemerkt. „Wehe, du veröffentlichst das Foto!“

Seine Freundin schüttelte den Kopf. Sie sah noch, wie eine leblose Person aus dem Pool gezogen und auf der Wiese ablegt wurde. Dann hatten die Beamten, zu ihrem Leidwesen, die Verhüllungsaktion erfolgreich abgeschlossen.

Ein Mann mit grauer Schiebmütze, die Hände in den Hosentaschen, kam plötzlich auf sie zu spaziert. Dorothea spürte, wie Schwereloß kurz die Atmung einstellte und sein Körper erstarrte. Sie vernahm noch ein Murmeln, was wie ,übel‘ klang, dann hatte der Mann die beiden erreicht. Er legte zwei Finger an die Mütze und meinte: „Übler! Sie sind sicher die Zeugin ...!“

Sofort war Dorothea klar, es handelte sich um den Kommissar, der die Ermittlungen leitete. Schwereloß´ Blutvorrat hatte sich vollständig in seinen Kopf gesammelt. Sie hatte es ihm eingebrockt und musste den Freund da rausreißen.

„Nein, Herr Kommissar. Ich bin Dorothea Holle vom Hamburger Abendblatt. Der Beamte hier hat mir nahegelegt, etwas Abstand zum Tatort einzuhalten.“ Sie konnte erkennen, wie sich der Lebenssaft ihres Freundes wieder aufmachte, in die dafür vorgesehenen Venen und Adern zurückzufließen.

„... und das Fotografieren sollte ich sein lassen“, fügte sie noch an.

Zufrieden drehte sich Kommissar Übler um und lief zurück.

„Gerade noch mal gut gegangen!“, prustete Schwereloß und rieb sich den Schweiß von der Stirn.

Dorothea nickt und erkannte sofort ihre Chance. „Schatz, ich kenne den Toten“, versuchte sie es und tatsächlich fiel Schwereloß darauf herein.

„Wie, du kennst Schorsch Seiler, den Ahrensburger Autohändler?“

Siegfried schien am Gesichtsausdruck der Freundin die Überrumpelung bemerkt zu haben.

„Nein, Doro, renn‘ bitte damit nicht gleich zum Abendblatt. Das kann mich Kopf und Kragen kosten. Die wissen alle, dass wir beide ...“ Schwereloß blickte sich verängstigt um.

Dorothea spürte, es wurde Zeit die Notbremse zu ziehen. „Nein, keine Angst“, sie legte ihren Arm zärtlich um Schwereloß´ Schulter, „ich bin nur neugierig!“

Mit einem verstohlenen Winken, aber sichtlich erleichtert, spazierte der Beamte hinter die Polizeiabsperrung.

***

Treibt sich in der Gegend ein Mörder herum?

Die Story um den Tod von Schorsch Seiler ließ die Lokalredakteurin nicht los. Sie schrieb Schwereloß eine Nachricht und lud ihn für den Abend zum Grillen ein. Prompt hatte der Freund geantwortet und zugesagt.

Autohändler Schorsch Seiler, der Tote aus dem Pool, war für Dorothea Holle tatsächlich kein Fremder. Einige Male hatte man in der Zeitung über ihn und den öffentlichen Streit mit seiner Ehefrau geschrieben. Es ging um eine junge Geliebte, mit der sich der reiche Ahrensburger in seiner Gartenlaube traf. Der Presse wurden Fotos vom Liebespaar zugespielt und veröffentlicht. Vielleicht war Frau Seiler tatsächlich seine Mörderin? Aber musste sich der Alte nach vierzig Jahren Ehe noch eine dreißig Jahre jüngere Geliebte suchen?

„Ich habe magere Steaks gekauft, wie du sie liebst. Und dazu zwei Flaschen Diät-Bier, Siegfried!“, empfing Dorothea Holle ihren Freund am Abend. Sofort schöpfte Schwereloß Verdacht. Aber als sie ihn an sich zog und ihm einen Kuss auf die Nase hauchte, schienen seine Zweifel ausgeräumt.

Wenig später lenkte Dorothea das Thema erneut auf den Tod des Autohändlers. Sie hatte Siegfried ein kühles Bier geöffnet und in sich gekehrt und zufrieden saß er ihr, im Gartenstuhl auf der Terrasse, gegenüber.

„Muss ich mir Gedanken machen, dass sich ein Mörder hier in der Gegend rumtreibt? Vielleicht solltest du heute Nacht hierbleiben, mein starker Schatz, und mich beschützen?“

Schwereloß schmolz dahin, wie Butter in einer heißen Pfanne.

„Keine Angst, Doro, ich bleibe gerne. Habe mir extra für morgen freigenommen.“ Sein Brustkorb war deutlich angeschwollen. „Außerdem haben wir den Mörder, genauer gesagt, die Mörderin schon!“

Doro zeigte sich überrascht. „Spann mich bitte nicht auf die Folter. Irgendwie bin ich ja schon Teil der Ermittlungen. Ich werde auch nichts verraten.“ Sie versuchte einen Augenaufschlag und er zeigte Wirkung.

„Nun ja, also ... Kommissar Übler hat vor einer Stunde Seilers Frau in Hamburg festnehmen lassen. Sie wird dem Mord an ihrem Mann beschuldigt.“

„Was? Aber ...!“ Dorothea Holle war fassungslos.

„Ja, tatsächlich! Seiler wurde mit einem Stein gegen den Kopf geschlagen, während er den Pool reinigte. Die eifersüchtige Ehefrau hat ihn wohl überrascht und ihm eins übergebraten.“

„War er denn sofort tot?“, wollte die Journalistin wissen.

Schwereloß zuckte die Schultern. „Nun, die Rechtsmediziner glauben, dass er nach dem Sturz von der Poolleiter gefallen und im Becken ertrunken ist. Aber die Leichenschau muss das noch bestätigen.“

Schwereloß merkte, dass er sich um Kopf und Kragen redete. „Lass uns endlich grillen, Doro. Ich habe einen riesigen Kohldampf!“

***

Jede Menge Fingerabdrücke

Minuten später hatten die Flammen des Gasgrills eine Seite der Rindersteaks scharf angebraten und Schwereloß die Aufgabe übernommen, sie zu wenden.

„Aber dann hat man auf einem der Steine Blut und die Fingerabdrücke der Frau gefunden?“

Schwereloß tat, als ob er nichts verstanden hatte.

„Ich meine, ohne Beweise wird man ihr nichts nachweisen können. Doch du bist der Fachmann, Siegfried, und ich nur eine alte, neugierige Frau.“

„Alt? Nein! Außerdem hast du völlig recht. Die Spurensicherung hat auf dem Grundstück jede Menge Findlinge gefunden und eingepackt. Du hättest sehen müssen, wie ihr Transporter tiefergelegt war, als sie davon fuhren. Zum Schießen!“ Schwereloß hatte seinen Spaß und lachte.

„Die Fingerabdrücke ...?“

„Ja, ja, du nervst! Morgen wissen wir mehr. Dann wird der Untersuchungsrichter die Frau sicher dauerhaft wegsperren.“

Schwereloß hatte die Nacht in Dorothea Holles Haus verbracht. Zusammengekuschelt hatten sie vor einer Feuerschale gesessen und den sprühenden Funken beim Verglühen zugeschaut. Doch die Steaks, die Biere und die Chiasamen-Grütze mit Himbeeren zum Nachtisch hatten den 60-Jährigen so erschöpft, dass er schon bald im Gebäude verschwunden und auf der Couch eingeschlafen war. Dorothea war es recht und sie ließ ihn liegen. Als sein Schnarchen unerträglich wurde, packte sie ihre Decke und wechselte nach oben ins Gästezimmer.

Sie konnte nicht einschlafen und ihre Gedanken drehten sich um den Freund. Seine Körperfülle hatte sie inzwischen im Griff, aber was konnte man gegen das Schnarchen tun? Eines war sicher, so kam er ihr nicht ins Bett! Aber ging sie das Ganze zu rigide an? Sie hatte trotz des Alters wenig Erfahrung mit Beziehungen. Und wenn sie sich Siegfried nur von ihrer schlechten Seite zeigte, würde er sicher bald aus ihrem Leben verschwunden sein. Tief im Innern spürte sie starke Gefühle für den 59-Jährigen. Nein, ihre erste echte Liebesbeziehung nach Jahren voller Einsamkeit durfte sie nicht gleich versauen!

***

„Ich könnte doch über den Tod von Schorsch Seiler berichten!“ Dorothea Holle stand in der Ahrensburger Redaktion des Hamburger Abendblatts und versuchte Bernd Leimhüttel, dem Redaktionsleiter, diese Idee schmackhaft zu machen. Der hagere Mittvierziger schüttelte vehement den Kopf.

„Ich hab‘ Insiderwissen und Fotos vom Tatort!“

Leimhüttel stutzte kurz. „Nein, Dorothea, darauf haben wir schon unsere Star-Redakteurin Karla Blitz von der Hamburger Redaktion angesetzt. Gib ihr alles, was du hast. Das wird helfen.“

„Aber, wie soll ich meinen Traum von einem spannenden Artikel realisieren, wenn du es nicht erlaubst?“

Der Redaktionsleiter stütze den Kopf in seine Hände und schien mit sich zu ringen.

„Ja, Ja! Vielleicht habe ich etwas Spannenendes für dich.“

Als Dorothea Holle die Redaktion verließ, hatte sie den Auftrag, einen Artikel über den zunehmenden Luftverkehr am Himmel über dem Kreis Stormarn zu schreiben. 1.500 Zeichen und ein Foto hatte Leimhüttel ihr zugebilligt. Kein Fisch – kein Fleisch, ärgerte sie sich und radelte nach Hause.

***

Hat das Ganze etwas mit den Flugzeugen zu tun?

Die Fluglärm-Recherche aus Daten der Deutschen Flugsicherung ergab, dass Flugzeuge im Landeanflug schon zwischen Ahrensburg und Großhansdorf auf den Fuhlsbüttel-Leitstrahl einlenkten. Und das in extrem niedrigen Höhen bis zu 300 Meter über ihren Köpfen. Apropos Köpfe, was war mit dem toten Seiler? Ob Siegfried noch schlief? Zurück in Siek, rief sie ihn an.

„Mensch Doro, ich bin schon wieder am Tatort. Die Spusi konnte auf den Findlingen keine brauchbaren Spuren finden. Nun suchen wir die ganze Gegend nach dem Tatwerkzeug ab.“

„Ich komme mal rüber!“ Noch bevor Siegfried Schwereloß antworten konnte, hatte Dorothea das Gespräch beendet.

Fluglärm erschreckte die Radlerin auf ihrem kurzen Weg. Gerade wurde ihr bewusst, wie laut die Maschinen doch waren und wie niedrig sie über Siek einschwebten. Sie machte sich auf dem Rad klein und wollte fast den Kopf einziehen. Wenn bei solch einem Schwergewicht die Motoren versagten und der Pilot notlanden musste ... so, wie damals auf dem New Yorker Hudson...! Auf der Wandse konnte sie nicht landen, vielleicht auf dem Großensee, lachte sie. Aber es reichte, wenn von der Maschine etwas abfiel, eine Tür, oder...?

Plötzlich fiel Dorothea der Zeitungsbericht über eine Inderin ein, die vom Eisblock einer Flugzeugtoilette getroffen und schwer verletzt wurde. Als sie gestern bei der Hütte ankam, stank es doch fürchterlich nach Urin! Heftig trat sie in die Pedale.

***

Frau Seiler hatte Dorothea Holle zum Kaffee eingeladen und packte ihr gerade ein zweites Stück Marzipan-Torte auf den Porzellanteller.

„Ohne sie, Frau Holle, säße ich schon in der Todeszelle!“, übertrieb die Frau, noch sichtlich angespannt von den Ereignissen der letzten Tage.

„Wie sind Sie nur darauf gekommen, dass der Urinbrocken aus einer Flugzeugtoilette meinen Mann getötet haben könnte? Sogar die Kripo lag völlig daneben.“

Dorothea Holle grinste stolz und griff zur Kuchengabel: „Es war einfach Zufall. Erst stank es bei der Gartenlaube nach Urin. Dann die Maschine über meinem Kopf und mir fiel ein, dass sich so ein Eisbrocken im Poolwasser schnell auflöst. Ich habe nur eins und eins zusammengezählt. Und einfach Dussel gehabt mit meiner Behauptung!“

„Nein, nein, ich habe Dussel gehabt, Frau Holle. Dussel, dass es Sie gibt!“

Alle Folgen der Krimi-Serie finden Sie auf abendblatt.de ebenso wie die ganzen Folgen als Podcast zum Anhören.

Viel Vergnügen!

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