Pinneberg

Jubiläumsausstellung – Die Akte eines Provokateurs

| Lesedauer: 6 Minuten
Katja Engler
Er malt gern nackte Frauen und sagt: „Es gab schon Tumulte bei Ausstellungseröffnungen.“ Nun sind Werke Erhard Göttlichers in der Drostei zu sehen.

Er malt gern nackte Frauen und sagt: „Es gab schon Tumulte bei Ausstellungseröffnungen.“ Nun sind Werke Erhard Göttlichers in der Drostei zu sehen.

Foto: Katja Engler

Der Künstler Erhard Göttlicher wird 75 Jahre alt und stellt in der Drostei aus. Was er besonders gern malt.

Pinneberg. Ohne eine gewisse Reibung ist eine Ausstellung des Künstlers Erhard Göttlicher kaum zu besuchen. Das ist in der Drostei, in der am Sonntag eine Schau zum 75. Geburtstag des Malers eröffnet wird, nicht anders als an den zahllosen anderen Orten im In- und Ausland, an denen das künstlerische Schwergewicht des Nordens bereits ausgestellt hat. Die Schau in Pinneberg lässt einige Schaffensjahrzehnte Göttlichers Revue passieren, ohne sich in einer klaren Chronologie festzubeißen.

Erhard Göttlicher stellt in der Drostei aus

Im großen Raum des ersten Stocks lässt sich ein Rundgang trefflich beginnen. Die Nahansichten der riesigen Schiffsrümpfe, die Göttlicher in gewohnt halb lasierender Malweise in übereinander aufgetragenen hauchdünnen Schichten vor Ort im Hamburger Hafen gefertigt hat, werden natürlich niemanden aufregen. Ebenso wenig die Uferansichten von Helgoland. Warum auch? Sie sind ästhetisch anzusehen, farblich zurückgenommen, und der Umgang mit den aus der Linie zusammengesetzten Flächen ist gekonnt, mit Vorder- und Hintergrund, aber wenig Tiefe.

Diese Ansichten aus dem Trockendock sind jedoch nicht das Erste, worauf der Blick fällt. Der bleibt vielmehr gegenüber dem Eingang auf den gedehnten Bäuchen zweier nackter Frauen hängen, die ein Kind erwarten und die Erhard Göttlicher mit großem Genuss und mehrfach gemalt hat. „Es gab schon Tumulte bei Ausstellungseröffnungen“, erinnert sich Göttlicher leise feixend. Er kennt das, wenn Frauen oder auch Damen sich lauthals über seine „Schmierereien“ aufregen und darüber, dass der weibliche Körper, wenn Göttlicher ihn malt, selten ästhetisch wirkt.

„Göttlicher mag keinen Selbstbetrug“

„Wir leben in diesen Kosmetikwelten“, sagt da sein Bekannter, der Galerist Augustin Noffke. Die Akte von Erhard Göttlicher, die eben nicht so glatt seien, erführen deshalb durchaus Kontroversen. Ja, so ist das. Für das Magazin „Stern“ hat Göttlicher öfters gemalt und gezeichnet und dabei nicht mit beißender Kritik gespart. In seinen Illustrationen zu dem Roman „Schindlers Liste“ gab er einem SS-Mann die Züge eines früheren Uetersener SS-Mannes, denn er wohnt in Uetersen. „Das hat mir Drohungen eingebracht. Ich hab es trotzdem gemacht“, erzählt er.

Nahezu alle seine Akte haben etwas Provozierendes an sich, das sich nicht leicht fassen lässt. Sehr körperlich wirken sie, diese meist üppigen Frauen. „Viele empfinden das als schmutzig“, sagt Augustin Noffke. Es sei eine brüchige Wirklichkeit, die Göttlicher da male. „Die Provokation steckt ihm im Blut. Erhard Göttlicher mag keinen Selbstbetrug und keine Lügen.“

Göttlicher ist ein Bewunderer Alfred Hrdlickas

Das hat er womöglich mit einigen Malerkollegen gemeinsam, die etwas älter sind als er. Der 1946 geborene Göttlicher stammt aus Österreich. Bis zu seinem 14. Lebensjahr musste er sechs verschiedene Schulen besuchen, weil seine Mutter beruflich viel unterwegs war und er zwischen Graz und Deutschland halbjährlich hin und her pendelte. In Österreich waren die Künstler seit den 70er- Jahren mit Vehemenz dabei, in der trüben Vergangenheit ihrer Väter zu fischen und sich gegen das Vertuschen und Verschweigen aufzubäumen.

Dazu befragt, bestätigt Göttlicher, dass er den Bildhauer und Maler Alfred Hrdlicka bewundert hat, der in seiner Positionierung gegen die Unmenschlichkeit des Krieges in der Tat extrem war. So extrem, dass viele Menschen seine ekstatischen Körperwelten gehasst haben. Am Hamburger Dammtor-Bahnhof ist es deshalb Mitte der 80er-Jahre bedauerlicherweise bei einem Fragment seines Gegendenkmals geblieben.

Kunst als Kritik an der Gesellschaft

Auch andere körperbetonte Kollegen wie Rudolf Hausner oder Ernst Fuchs schätzt Göttlicher. Allesamt Künstler, die jeder auf seine Weise die Öffentlichkeit provozierten und verstörten. Dass Künstler nicht nur schön malen, sondern von sich geben dürfen, was ihnen an der Gesellschaft missfällt, hat er bei einer Flasche Rotwein bei einem Freund begriffen. Da hat der damals noch sehr junge Erhard Göttlicher zum ersten Mal Bob Dylan gehört.

Seitdem sind Jahrzehnte ins Land gegangen. Zu vielen Themen hat Göttlicher sich ausgelassen, seien es die Wurzeln des deutschen Nationalismus oder das Gesicht der Macht, dem die Drostei-Besucher Auge in Auge gegenüberstehen. Schon technisch ein Meisterwerk, aber auch, was den unbestimmten Ausdruck zwischen Überheblichkeit, Monstrosität und Kleinmütigkeit angeht.

Vernissage in der Drostei am 12. September

Ebenso meisterhaft gelungen ist der Akt „Marlies im Bett“. Auch diese Frau blüht kraft ihres rosigen Fleisches, an dem sich der geneigte Betrachter sattsehen mag. Darüber hinaus erreicht die ungewöhnliche Art, wie Göttlicher die sie umhüllende Decke gemalt und wieder abgetupft hat, grandios changierende Effekte, die das plastische Moment ein Stück weit wieder aufheben. Fürs Amüsement taugt auf jeden Fall Göttlichers Version von Manets „Frühstück im Grünen“.

Oft aber konfrontiert der Maler die Betrachter seiner Werke mit Anzeichen von Deformation und Verfall, mit Körpern, die schwitzen, oder nackten Leibern, bei denen der Kopf fehlt. Menschen, deren Nacktheit er so ausstellt, dass sie nur mehr über ihren Leib wahrgenommen werden. Auf die Spitze treibt er das mit einer lebensecht realistischen Skulptur, für die eine nackte 18-Jährige Modell saß. Diese Figur sitzt im Obergeschoss, umgeben von unbekleideten, meist üppigen Frauenbildern und nur wenigen Männer-Akten. Feiert er hier den Triumph der Weiblichkeit oder spielt er mit der Gier des Voyeurismus?

Ausstellung „Körper. Landschaften“ Vernissage: So, 12. September, 11 Uhr. Teilnahme nach Voranmeldung unter Tel. 04101/21030 oder info@drostei.de. Bis 24. Oktober, geöffnet Mi-So von 11-17 Uhr Eintritt: 4 Euro, erm. 2 Euro. Studierende, Freiwilligendienste sowie Inhaber Sozialpass zahlen keinen Eintritt.

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