Die Unbestechlichen vom Lande

Krimi-Serie: Der Fluch vom Kreidebergsee

| Lesedauer: 15 Minuten
Angela L. Forster
„Was für eine Zicke. Wie gut, dass ich den Weibsen abgeschworen habe“, dachte Reporter Habbe Heiland, als er am Fundort der Leiche auf die zugegebenermaßen durchaus attraktive, aber recht spröde Kommissarin Eva Engel traf.

„Was für eine Zicke. Wie gut, dass ich den Weibsen abgeschworen habe“, dachte Reporter Habbe Heiland, als er am Fundort der Leiche auf die zugegebenermaßen durchaus attraktive, aber recht spröde Kommissarin Eva Engel traf.

Foto: Ute Martens

Habbe Heiland wird zu einer Moorleiche gerufen – der Lokalreporter merkt schnell, dass an der Sache etwas faul ist...

„An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand, sind die Fische im Wasser und selten an Land. Dudeldumdudeldumm“, sang Habbe mit. Er musste sich wachhalten. Heute früh um fünf Uhr war er aus Schaprode in die Heide zurückgekehrt. Auf dem Geburtstag eines Freundes war er versackt. Als das Lied aus dem Radio verstummte, lenkte Habbe auf den Seeparkplatz am Kreidebergsee in Lüneburg.

In der Lüneburger Heide geht so manches nicht mit rechten Dingen zu, hatte sein neuer Chef Fritz von Rosenbusch der Harburger Ausgabe des Hamburger Abendblatts gesagt, als er Habbe in sein Büro zitiert hatte. Eigentlich war heute sein freier Tag, und eigentlich wollte er nur Unterlagen holen, um den Artikel über die Kirchturmspitze zu Ende zu schreiben, sobald er sich in seiner neuen Lüneburger Wohnung aufs Ohr gehauen und ausgeschlafen hatte.

„Sie sind der beste Mann, den ich gerade habe, Herr Heiland.“

„Ich bin der einzige Mann, den Sie am Wochenende verdonnern können, einen Artikel zu schreiben, meinen Sie wohl. Also gut. Hauptsache es ist keine mystische Geschichte. Ich bin ein ernstzunehmender Journalist.“

„Nein, nur eine Wasserleiche, die vorgestern aus dem See gefischt wurde und …“, Fritz von Rosenbusch räusperte sich. „ … die angezogen war, wie im Mittelalter.“

„Wusste ich es doch. Erst der Mönch und jetzt ne hundert Jahre alte Wasserleiche. In Schaprode wurde vor zwanzig Jahren eine Leiche aus dem Hafenbecken gefischt, wissen Sie, wie die ausgesehen hat? Und die lag da nicht eine Woche.“ Habbe verzog das Gesicht.“

„In der Heide geht …“

„… geht so manches nicht mit rechten Dingen zu. Ja, das sagten Sie bereits.“ Habbe stöhnte. „Wo muss ich hin?“

„Zum Kreidebergsee. Ich hab ein Treffen mit Ihnen und Kommissarin Eva Engel vereinbart. Sie bearbeitet den Fall. Locken Sie ihr ein paar Infos aus der Tasche. Bei dieser Namenskonstellation – Heiland und Engel, sollte das himmlisch klappen. Montag will ich den Artikel auf meinem Schreibtisch sehen.“ Fritz von Rosenbusch lachte.

„Eva Engel“, knurrte Habbe, „die ist so gesprächig, wie alle in der Heide herumliegenden Steinblöcke.“

Was für eine Zicke

Hauptkommissarin Eva Engel stand am Seeufer und blickte über den im Morgenlicht glänzenden Lüneburger Kreidebergsee. Zögernd näherte sich Habbe. In seinem Schaprode ging es um ausgebüxte Katzen, den Maibaum, dem Küren der Matjeskönigin und nicht um nebulöse Geschichten. Aber sein Schaproder Chef hatte das Anzeigenblatt aufgelöst. Es gab kein Zurück. Er musste, ob er wollte oder nicht, sich in Harburg und der Heide arrangieren.

„Herr Heiland“, flötete Eva Engel. „Da sind Sie ja endlich.“

„Ich bin ein paar Minuten zu spät. Entschuldigung. Es ist etwas her, seitdem ich in der Heide war.“

„Haben Sie kein Navi?“

„Nein, in Schaprode ...“

„Dann legen Sie sich eins zu oder kaufen einen Stadtplan“, würgte sie Habbe das Wort ab.

Was für eine Zicke. Wie gut, dass ich den Weibsen abgeschworen habe, dachte Habbe. Er schnaufte und zückte sein Lederbüchlein. „Nun, Frau Engel, dann erzählen Sie. Wer ist die Leiche? Wie alt ist sie? Wer hat sie gefunden? War es ein Mord oder ein Unfall? Wie weit sind Ihre Ermittlungen? Unsere Leser wollen alles wissen.“

„Interessiert Sie auch das Sternzeichen und der Wagentyp des Opfers, Herr Heiland?“

„Ich nehme alles, was Sie wissen, solange Sie mich nicht auf den Arm nehmen.“

„Bei Ihrem Gewicht?“ Eva Engel blickte auf Habbes Altherrenbauch. „Und nur das Sie es wissen, hätte mich Ihr Harburger Chef, der mit meinem Chef befreundet ist, nicht gebeten, Infos an Sie herauszugeben, dann könnten Sie über das Liebesleben der Seerosen schreiben.“

„Schon klar, Frau Engel.“ Habbe setzte sein nettestes Lächeln auf, das er heute Morgen bieten konnte. Frauen mit Haaren auf den Zähnen kannte er zu genüge, und diese Engel war ein besonders ausgefallenes Exemplar.

„Prima. Dann kommen wir zum Thema.“ Eva Engel wies auf eine Schilfgruppe. „Hier wurde der Tote vorgestern gefunden. Er ist ertrunken. Laut unseres Rechtsmediziners lag der Tote, der keinerlei Spuren einer Fremdeinwirkung aufweist, bereits Jahrhunderte im See.“

„Was undenkbar ist, da der See kein Moorgebiet ist, in dem durch den sauren Boden Leichen konservieren. Und alle Leichen irgendwann rothaarig wiederauferstehen“, nuschelte Habbe, mit dem Blick im Notizblock klebend.

„Wie?“

„Moorleichen haben rote Haare, weil das saure Moorwasser die Haare rot färbt. Haben Sie das nicht gewusst?“ Habbe blickte in meerblaue Augen.

„Sicher hab ich das. Nur unser Tote hatte strohblonde Haare.“

„Kann es sein, dass sich die Rechtsmedizin ein paar Jährchen verschätzt hat?“ Habbes Blick klebte an Evas blonder Lockenmähne. Hätte ihm Rosenbusch nicht gesagt, dass sie dreiundfünfzig war, hätte er sie zehn Jahre jünger geschätzt.

„Rechtsmediziner Henry schätzt nicht, Herr Heiland, sondern gibt fundiertes Wissen in seinen Berichten weiter. Und wenn wir weiter könnten. Es ist verdammt heiß heute Morgen.“

„Sie mögen den Sommer nicht?“

„Nein.“

In der Heide gehen manchmal merkwürdige Dinge vor sich

Habbe dachte an die Rundflüge mit seiner Cessna über die Ostseeküste. Wie vermisste er die frische Meeresbrise, seinen Schaproder Hafen, die Fischbrötchen und die Menschen, die er seit Jahrzehnten kannte. Stattdessen durfte er sich in der Heide mit einer sauertöpfischen Kommissarin unterhalten. Habbe tippte mit dem Stift in seinem Lederbüchlein. „Hatte der Tote etwas bei sich? Einen Ausweis?“

„Nein. Wir fanden eine Pfeife. Ein Exemplar, das, wie seine Kleidung, aus den Anfängen des sechzehnten Jahrhunderts stammt. Er trug einen schwarzen Frackmantel mit Silberknöpfen, ein weißes Rüschenhemd, eine schwarze Bänderhose, wie schwarze geschnürte Lederstiefel – und die Kleidung ist aus keinem Kostümverleih, um Ihren fragenden Gesichtsausdruck zu beantworten, Herr Heiland.“

„Wollte ich nicht, aber … der Tote lag fünfhundert Jahre im See?“

„Richtig. Haben Sie nicht zugehört?“

„Frau Engel, es ist mein Beruf, besonders gut zuzuhören. Und dieses Detail wäre mir nicht entgangen.“ Bevor er sich auf ein weiteres Wortduell einließ, sagte Habbe: „Ein Mann lag fünfhundert Jahre im Kreidebergsee. Er ist keinem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen, also wird ein Unfall oder Suizid vermutet. Dazu kommt, dass der Tote so gut erhalten ist, als wäre er vorgestern, als man ihn fand, ertrunken.“

Eva Engel nickte.

„Frau Engel, hier in der Heide gehen ja manchmal sehr merkwürdige Dinge vor sich. Ich hörte, der Kreidebergsee hat Teile des Lüneburger Ratssilbers aus dem neunzehnten Jahrhundert ausgespuckt.“

„Sie wurden gefunden, Herr Heiland“, berichtigte Eva Engel.

„Also gut“, sagte Habbe, „ich denke, dass der Mann, laut seiner Kleidung, kein einfacher Bürger war. Ich vermute einen Prinzen, Grafen oder zumindest einen Aristokraten. Stimmen Sie mir zu?“

Erneut nickte Eva Engel.

„Haben Sie weitere Details, die Sie mir zu diesem Märchen weitergeben können?“

„Herr Heiland, ich stehe Ihnen Rede und Antwort und mehr als alles, wozu ich in dieser Wärme Lust habe. Mir ist der Fall selbst unerklärlich, und ich würde ihn lieber heute als morgen abschließen. Aber deswegen lasse ich mich von Ihnen nicht veralbern.“

„Keinesfalls will ich Sie veralbern, Frau Engel. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Nein, ich schlage Ihnen eine Wette vor. Sie überprüfen Ihre Unterlagen, denn irgendwo muss es in den Ermittlungen eine Entgleisung geben. Habe ich recht und der Fall löst sich als „normaler Todesfall“ auf, was mir logisch erscheint, dann verspreche ich Ihnen eine erfrischende Überraschung. Behalten Sie recht und der Tote ist seit fünfhundert Jahren tot, laden Sie mich zum Fischbrötchenessen ein. Wo auch immer Sie die in der Heide herkriegen.“

„Was ist das für eine verdrehte Wette? Außerdem hasse ich Wetten und Überraschungen, von denen ich nicht weiß, worum es sich handelt. Das ist etwas für …“ Eva Engel verstummte. „Also gut, Herr Heiland. Ich melde mich“, zischte sie und verschwand Richtung Seeparkplatz.

„Ich habe seit Jahren keinen Besuch.“

Hoffentlich bald, dachte Habbe. Sein Magen knurrte. Doch Fischbrötchen am See gab es sicher nicht. Er verdrängte das Magenknurren, fotografierte die Fundstelle und den See aus jedem möglichen Blickwinkel und ging ein paar Schritte. Frische Luft, bevor er sich an den Schreibtisch setzte, würde ihm nach der durchzechten Nacht guttun.

Er hatte den See halb umrundet und wollte gerade umdrehen, als ihm ein mit Efeu bewachsenes Häuschen auffiel, vor dem eine alte Frau saß.

„Na, junger Mann, gefällt Ihnen mein Haus?“, sprach sie Habbe an.

Junger Mann, dachte Habbe. Nächstes Jahr wurde er sechzig. „Ja. Es sieht aus wie das Haus in Schaprode, in dem ich bis vor zwei Wochen zur Untermiete gewohnt habe.“

„Ich kenne das Dorf auf Rügen. Es hat einen sehr idyllischen Hafen.“

„Ja“, bestätigte Habbe, sich an Fietes Fischbrötchen erinnernd. Sofort begann sein Magen wieder zu knurren.

„Und was machen Sie in der Lüneburger Heide?“, fragte die Alte.

„Ich bin der Journalist Habbe Heiland. Mein Chef in Schaprode hat sein Blatt aufgelöst. Ich konnte in Rente gehen oder für Harburg und die Lüneburger Heide schreiben.“

„Verstehe. Kommen Sie. Ich habe Tee aus meinen Gartenkräutern gekocht und Haferkekse gebacken.“

„Ich möchte nicht stören“, sagte Habbe. Kräutertee und Haferkekse, so hungrig war er dann doch nicht. Allerdings konnte ein wenig Plauderei mit der Alten auch nicht schaden.

„Sie stören nicht. Ich habe seit Jahren keinen Besuch.“

„Der ist gut“, sagte Habbe, nachdem er den ersten Schluck Tee getrunken hatte. Er schmeckte angenehm nach Anis, und minütlich fühlte sich Habbe erholter. „Wie heißen Sie?“, fragte er die Alte, während er sein Notizbüchlein aufschlug.

„Rosi. Sind Sie am See, um einen Bericht über den toten Jüngling zu schreiben?“ Die Alte funkelte Habbe aus seegrünen Augen an.

„Ja. Sie wissen davon?“

„Es ist der Fluch des Kreidebergsees. Er holt jeden frisch vermählten Jüngling.“

Habbe stöhnte auf. Das passte. Wasserleiche und Schauermärchen. Er griff nach den nächsten Keks und lauschte der Erzählung der Alten.

Schauermärchen vom Kreidebergsee

„Zur Sommersonnenwende im sechzehnten Jahrhundert geschah es. Prinzessin Rosalin aus der Burg am Kalkberg heiratete den Grafen Raimund von Falkenstein. Rosalin war unendlich glücklich. Eines Abends sagte ihr Angetrauter, er würde noch einen Spaziergang am See machen. Als am nächsten Morgen die Nacht dem Tageslicht wich, wurde Raimund gefunden. Bäuchlings niedergestreckt, lag er mit dem Kopf im trüben Wasser zwischen Schilfrohren und Modder. Sieben weitere Jahre, immer zur Sommersonnenwende, nachdem Rosalin einen neuen Mann erwählt hatte, geschah gleiches Unglück. Von da an sah man Rosalin nur selten. Meist strich sie bei Nacht durch die Lüneburger Gassen wie ein räudiger Hund, der es auf die Ratten aus den Kellerlöchern abgesehen hatte. Wobei ihr schlafloses Wandeln nicht grundlos schien, denn auf den Tag genau, in drei Monaten, an ihrem dreißigsten Geburtstag, sollte auch sie der Fluch der Ahnenfamilie Falkenstein dahinraffen. So dachte Rosalin. Dass der Ahnenfluch der Familie nur alle mit ihr verehelichten Männer dahinraffen würde, blieb ihr verschwiegen.“

„Herr Heiland! Herr Heiland! Aufstehen!“

„Was? Was ist los?“ Habbe blinzelte gegen das Sonnenlicht und das Rütteln an seinem Arm an.

„Was treiben Sie am späten Nachmittag noch immer hier? Spaziergänger haben uns gerufen, weil hier ein Penner seit Stunden offensichtlich seinen Rausch ausschläft.“

„Ich hab nicht geschlafen, sondern mich mit Rosi unterhalten.“ Habbe setzte sich auf und sah sich um. Wo war das Häuschen? Wo Rosi mit dem Tee und den Keksen? Hier war nichts als eine verwitterte Holzbank, die vor einem zerfallenen Schuppen stand.

„Welche Rosi? Sie haben geträumt. Aber ich weiß jetzt, wie der Tote heißt. Raimund von Falkenstein. Er hat vor vier Tagen geheiratet. Es war eine Mittelalterhochzeit. Aber nicht die Braut wurde auf der Hochzeit entführt, sondern der Bräutigam. Inzwischen wissen wir außerdem, dass Jonas, sein Freund, ihn ins Wasser gestoßen und zugesehen hat, wie er ertrank, weil er wusste, dass Raimund nicht schwimmen konnte. Er war eifersüchtig, weil Raimund ihm die Frau ausgespannt hat.“

„Wie sagten Sie, hieß der Tote?“

„Raimund von Falkenstein.“

„Falkenstein“, wiederholte Habbe. Nachdenklich wischte er Kekskrümel von seinem Hemd.

„Ja. Warum?“

„Das ist der Name, den …“ Habbe zögerte. „Aber die Rechtsmedizin …“

„Herr Heiland, es ist mir peinlich.“ Eva Engel rutschte neben Habbe auf die Bank. „Ihr Einwand ließ mir keine Ruhe. Ich bin in die Rechtsmedizin gefahren. Henrys Assistent … nun, er untersucht mittelalterliche Todesumstände.“

„Und?“, drängelte Habbe.

„Sie hatten recht. Falkenstein lag, wie es in Henrys Bericht steht, zwei Tage und nicht fünfhundert Jahre im See. Ich hab den falschen Bericht aus dem Stapel der Untersuchungsergebnisse gegriffen, als ich gestern wegen eines anderen Falles im Institut war. Es war mein Fehler. Ich muss Ihnen für Ihren Einwand danken. Ohne Sie wäre ich nicht erneut in die Rechtsmedizin gefahren und hätte den Fall mit einem zwielichtigen Protokoll abgeschlossen. Mein Chef, und Ihrer dazu, hätten mich für die Unwahrheiten umgehend strafversetzt.“

„Das heißt, ich hab die Wette gewonnen.“ Habbe schmunzelte und dachte an seine Cessna D-Evil, die seit gestern auf dem Lüneburger Flugplatz stand und auf den ersten Heiderundflug wartete. Aber erst musste er nach Hause und den Artikel für die Zeitung schreiben. Ausgeschlafen hatte er ja jetzt.

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