Krimi-Serie

Die Unbestechlichen vom Lande: Am Boden zerstört

| Lesedauer: 15 Minuten
Timo Kramer und seine Patentochter Frida.

Timo Kramer und seine Patentochter Frida.

Foto: Ute Martens

Nichtsahnend fährt Lokalreporter Timo Kramer zur Verleihung des Kunstpreises. Da kommen Hund und Katze ins Spiel.

„Wir fahren zusammen zur Arbeit. Wie cool!“

Frida sitzt neben Timo im Auto, voller Tatendrang. Sie wird putzen gehen, vertretungsweise. Putzen findet Frida zwar weniger cool, aber die Bezahlung ist okay. Außerdem ist ihr Aktionsfeld heute eine Kunstgalerie, das hat Glamour. Geboten wird eine Vernissage mit Preisverleihung. „Skulpturen, Gemälde, echte Künstlerinnen und Künstler“, schwärmt Frida. „Und ich komme zusammen mit dem Mann von der Presse. Megacool.“

Die Krönung eines trostlosen Tages

Timo Kramer, der „Mann von der Presse“, ist eher gebremster Laune. Schön, dass sich seine Patentochter so freut. Mit 15 hat man noch Illusionen. Timo ist 34 und steht auf dem Boden der Tatsachen. Und Tatsache ist, dass bei dieser Veranstaltung die Jahresproduktion der „Kunstfreunde Kaltenkirchen“ ausgestellt wird. Hochkultur sieht anders aus, ahnt Timo. Trotzdem wird er als Lokalreporter darüber berichten. Die Krönung eines trostlosen Tages.

Timo wirft einen Blick in den Innenspiegel: Im Kofferraum seines betagten VW Golf peilt Max über die Rückbank nach vorn, eindeutig schuldbewusst. Vormittags hatten sie die Hundeschule besucht. Ein Desaster. Max, dem Welpenalter noch nicht ganz entwachsen, hatte jede Übung verweigert. „Sie müssen Max mit Leckerlis positiv verstärken“, hatte die Trainerin gefordert, zunehmend genervt. Doch Max zeigte sich nicht interessiert an Leckerlis. Dabei futtert der sonst alles, dachte Timo. Nächstes Mal biete ich ihm meine Sneakers oder irgendwelche Kabel an, die frisst er garantiert. Positive Verstärkung, dass ich nicht lache.

„Wieso liegt hier die Bergedorfer Zeitung?“ Frida fischt Bedrucktes aus dem Fußraum. „Ist doch gar nicht deine Lokalredaktion?“ Frida macht sich sofort über den Aufmacher auf der Frontseite her.

„Hat mir eine Bergedorfer Kollegin geschickt, der ich bei einer Recherche helfen konnte.“

„Die hier?“ Frida tippt auf das kleine Autorinnen-Porträt am Ende des Beitrags und liest laut. „Tiffany Schulze. Alberner Name. Trotzdem, hübsche Frau. Die Brille ist voll Panne, aber das lässt sich regeln. Seht ihr euch öfter?“

„Wann sparst du dir die plumpen Versuche, mich in eine Beziehung zu quatschen?“, reagiert Timo gereizt. „Ich hab’ die Frau nie getroffen. Und hab’s auch nicht vor!“

Frida grinst frech. „Diese Zeitung ist von letzter Woche. Warum bewahrst du die auf? Ich wette, nur wegen dem Foto von Tiffy, der blonden…“

Timo rupft seiner Patentochter das Zeitungsblatt aus der Hand, zerknüllt es einhändig zur Papierkugel und feuert es über die Schulter in den Kofferraum, wo Max die Kugel umgehend zerfetzt. Frida schweigt beleidigt und lehnt sich im Sitz zurück. Endlich Ruhe, denkt Timo. Und dass ich mir das Bild von Tiffany schon längst mit meinem Handy abfotografiert habe, muss Frida ja nicht wissen.

***

Der Hektische, die Diva und die Verhuschte

Das flache Gebäude im Gewerbegebiet zwischen Ohland-Center und Impfzentrum versprüht den Charme einer Behelfsbaracke. Davor parkt ein Wohnmobil, neben dem Timo seinen Wagen abstellt. Kaum sind sie ausgestiegen – Max muss, zu seinem Leidwesen, an die Leine – öffnet sich die Aufbautür des Wohnmobils. Die Frau, die sie nun zu Gesicht bekommen, steigt nicht einfach aus – sie erscheint. Kaftanartiges Gewand in Pfirsichfarbe, wirr bekritzelt mit kryptischen Symbolen.

Die Gestalt behängt mit einigen Kilo Modeschmuck. Selbst designt – sowas gibt es unmöglich irgendwo zu kaufen, schätzt Timo. Das Gesicht maskenhaft zugekleistert unter einer Kosmetikschicht, deren Materialstärke vermutlich dem Make-up-Monatsbedarf von Olivia Jones entspricht. Immerhin, die Augen kann die Erscheinung noch öffnen, denn jetzt entdeckt sie die Kamera, die sich Timo umgehängt hat.

„Sie sind von der Presse, nicht wahr?“, flötet die Dame und tritt näher. „Überregional? International?“ „Interplanetar“, erwidert Timo trocken, „Landkreis Segeberg und alles, was direkt darüber liegt.“ Die Dame kaut noch an der Antwort, als zwei Leute aus dem Gebäude treten: ein hektisch wirkender Kerl und eine verhuschte Frau in schlichtem Sommerkleid.

„Ah, Sie haben sich schon gefunden“, jubelt der Hektische. „Meine liebe Yvonne, Herr Kramer ist von der Norderstedter Zeitung, aber das weißt du vielleicht schon…“ „Jetzt ja“, bemerkt Yvonne spitz. Was den Hektiker nicht bremst. „Herr Kramer, das ist Yvonne Chandon, eine der beiden Kandidatinnen für den Großen Preis der Kunstfreunde Kaltenkirchen.“ Der Hektiker himmelt Yvonne an. Wahrscheinlich geblendet vom flirrenden Modeschmuck, spekuliert Timo. Die Dame glitzert wie eine Discokugel.

Frida schaltet sich ein. „Entschuldigung, ich muss zur Arbeit. Ich soll hier putzen…“

„Auf Sie warte ich schon“, zeigt sich der Hektiker erfreut. „Ich bin Bernd Bohm, Vorsitzender der Kunstfreunde. Kommen Sie, ich zeig’ Ihnen, was anliegt.“ Bohm zieht los, Frida im Schlepp. Max zieht auch, nämlich an seiner Leine. Irgendwas an Yvonnes klobiger Handtasche scheint ihn brennend zu interessieren. Yvonne beäugt den Hund argwöhnisch. „Passen Sie bloß auf, dass Ihr Köter drinnen nichts kaputt macht!“ Timo nickt bloß und beäugt die Frau im schlichten Kleid. Neben der grellen Yvonne wirkt sie wie eine 25-Watt-Glühbirne neben einer Neonreklame. „Und Sie sind…?“ erkundigt sich Timo.

„Mina Sander. Die zweite Kandidatin für den Kunstfreunde-Preis“, antwortet die Verhuschte. Yvonne grinst spöttisch. „Es muss ja immer eine Nummer zwei geben. Sonst gibt es keine Nummer eins, nicht wahr, Mina?“ Damit geht Yvonne ab und ins Gebäude. Das heißt, sie geht nicht, sie entschwebt. Mina, Timo und Max folgen. Aber sie benutzen ihre Füße.

***

Kunst, Schnittchen und Prosecco

Timo ist kein Kunstexperte. Aber dass hier eher künstlerische Hausmannskost angesagt ist, kann er unschwer erkennen. Die Besucher amüsieren sich trotzdem, immerhin gibt es Schnittchen und Prosecco. Die beiden Preiskandidaten-Kunstwerke sieht man noch nicht. Die stehen hinter verschlossener Tür in einem Nebenzimmer. Allein Frida, von Bernd Bohm mit dem Schlüssel versorgt, darf nun reingehen und kurz durchwischen, dann wird auch dieser Raum fürs Publikum geöffnet.

Timo fragt sich gerade, wie es wäre, gemeinsam mit Tiffany Schulze über die Veranstaltung zu lästern – da reißt seine Patentochter die Tür zum Nebenzimmer auf, panisch: „Onkel Timo…!“ Wenn Frida ihn Onkel nennt, brennt der Baum, weiß Timo. Mit Max an kurzer Leine stürmt er vor, erreicht gleichzeitig mit Bohm, Yvonne und Mina die Verbindungstür und schiebt sich mit ihnen ins Nebenzimmer, wobei Bohm als Letzter die Tür rasch hinter sich schließt. Auf einem Holzpodest steht eine obskure Keramik. Daneben ist ein leerer Platz. Das, was dort stand, liegt nun auf den Bodenfliesen. Als Scherbenhaufen.

„Meine Skulptur“, jammert Mina. Yvonne giftet sofort Frida an: „Sie haben ein Unikat vernichtet! An Minas Stelle würde ich Sie auf Schadenersatz verklagen!“ „Ich war’s nicht“, wehrt sich Frida. „Das lag da so, als ich reinkam!“ Mina weint leise, Yvonne schnaubt verächtlich, Bohm ist ausnahmsweise sprachlos. Max zerrt an der Leine, Timo hält ihn zurück und sieht sich um. Abgesehen vom Podest ist der Raum unmöbliert. Ein Fenster steht auf Kipp, zwecks Ventilation. Um durch diesen kleinen Spalt eine Skulptur vom Podest zu blasen, hätte es einen Orkan gebraucht. Heute weht kein Lüftchen.

„Was jetzt?“ fragt Bohm entnervt. „Weitermachen“, plädiert Yvonne energisch. „Die Leute wollen die Preisverleihung sehen! Und eine Kandidatin gibt’s ja noch…“ Bohm überlegt nur kurz, nickt dann. „Tut mir leid, Mina. Aber ich kann die Leute nicht einfach nach Hause schicken.“

Jetzt ist Mina sprachlos, dafür schnaubt Yvonne zufrieden und geht zusammen mit Bohm zurück in die Ausstellung. An der Tür wendet sich der Vorsitzende zu Frida um: „Sie räumen die Scherben weg, dann gehen Sie. Wir behalten uns rechtliche Schritte vor.“ Bevor Timo seine schluchzende Patentochter verteidigen kann, schließt sich die Tür hinter Bohm und Yvonne. Außerdem zerrt Max jetzt mit aller Macht an der Leine. Er will unbedingt zu den Scherben, wittert und zieht. Das macht Timo neugierig. Er drückt Frida die Leine in die Hand, geht auf alle Viere und sieht sich die Trümmer aus nächster Nähe an.

Zwischen den Scherben steckt ein merkwürdiges Ding. Sieht aus wie ein kleiner Drops und riecht streng. Timo nimmt es und zeigt es Mina. „Gehört das zu Ihrer Skulptur?“ Sie verneint. Timo hält das Dropsding in Richtung Max – der Hund dreht durch, schnappt danach und reißt wild an der Leine. Timo lässt Max daran schnuppern, dann erhebt er sich und betrachtet die obskure Skulptur auf dem Podest. Was die darstellen soll, erschließt sich ihm nicht. Aber Yvonnes Kunstwerk hat mehrere Löcher. In einem versteckt Timo das Dropsding, nimmt Frida die Leine ab und reicht ihr seinen Autoschlüssel. „Wir treffen uns draußen. Und du, Max: such!“ Timo öffnet die Tür, Max saust hindurch und zieht den Reporter hinterher. Er gehorcht mir tatsächlich, wundert sich Timo. Da ist offensichtlich eine „positive Verstärkung“ am Werk.

***

Ein Hund, der verrückt nach Katzenleckerlis ist

Frida und Mina hocken bei geöffneten Türen im Wagen und steigen aus, als Timo mit Max herankommt und triumphierend eine klobige Handtasche auf der Kühlerhaube abstellt. „Die ist von Yvonne“, erkennt Mina, „hat sie die so einfach rausgerückt?“ „Stand unter ihrem Stuhl“, grinst Timo. „Sie selbst ist voll damit beschäftigt, ihren Fans Vorträge über kreative Schübe zu halten. Und gleich beginnt die Preisverleihung, da achtet sie eh auf nichts anderes mehr. Max ist schnurstracks zur Tasche gelaufen. Irgendwas ist damit.“

„Was ist drin?“ drängelt Frida gespannt. Timo leert den Tascheninhalt: diverse Kosmetikartikel kullern über die Blechhaube. Autoschlüssel fürs Wohnmobil. Und eine angebrochene Tüte mit dem Bild einer Katze darauf. Max bellt begeistert und versucht, auf die Haube zu springen. Timo stellt seinen Fuß auf die Leine und schüttelt etwas aus der Tüte in die hohle Hand: lauter Dropsdinger! Er lässt die Ladung zu Max hinab rieseln – der stürzt sich begeistert darauf und verputzt sie.

„Verrückt nach Katzenleckerlis“, konstatiert Timo kopfschüttelnd. „Dieser Hund hat eindeutig ein Identitätsproblem. Yvonne besitzt vermutlich eine Katze?“ Mina nickt. „Einen Kater. Pablo. Deshalb ist sie immer im Wohnmobil unterwegs. Damit sie ihn mitnehmen kann.“ Timo greift sich den Wohnmobilschlüssel und grinst verschmitzt. „Mal sehen, was Pablo so drauf hat.“

***

Wer ist denn nun der Übeltäter?

„Meine Skulptur verkörpert stofflich die Unvollkommenheit des Universums“, doziert Yvonne. Sie steht neben dem Podest mit ihrem Kunstwerk, vor sich die versammelten Kunstfreunde, die an ihren Lippen hängen. Jedenfalls diejenigen, die in diesem Moment noch nicht an akuter Proseccolähmung leiden. Also die Wenigsten, aber das bremst keine Künstlerin, die über ihr Werk spricht. „Die Vertiefungen darin entsprechen den Abgründen der menschlichen Natur. Sie sagen uns: Nichts, wirklich nichts auf dieser Welt bleibt heil…“

Etwas quetscht sich durch den offenen Spalt des gekippten Fensters und zieht alle Blicke auf sich – sogar die der Proseccolahmen. Ein dunkler Schatten flitzt heran, entert mit einem Satz das Podest, prallt gegen die Skulptur. Schatten und Kunstwerk stürzen ab, was dem Schatten entschieden weniger schadet. Es ist ein Kater, der zwischen den Scherben genau das erbeutet, was er begehrt. Und damit flüchtet – die Gardine hinauf, ab durch den Fensterspalt, weg ist er.

Die Menge ist fassungslos, Bohm in der ersten Reihe schlägt die Hände vors Gesicht, Yvonne steht schockstarr. Durch die Tür zum Ausstellungsraum halten Einzug: Timo mit Kater Pablo auf dem Arm, Frida mit Max an der Leine und Mina mit Wut im Bauch. „Du hast meine Skulptur zertrümmert, du Schlange!“ schreit sie ihrer Kontrahentin entgegen. „Hast mein Kunstwerk mit Leckerlis gespickt und deinen Kater draufgehetzt!“

„Gut trainiert, der Kleine. Reagiert auf positive Verstärkung. Besuchen Sie mit ihm eine Katzenschule?“ Timo setzt den Kater auf den Boden. Pablo läuft sofort zu seiner Herrin, springt ihr auf den Arm und lässt sich kraulen. „Entschuldigung“, schluchzt Yvonne, „vor allem an dich, Mina! Deine Skulptur war fantastisch, aber ich wollte unbedingt gewinnen – verzeih mir…“ Bohm ist mit den Nerven fertig: „Und wer kriegt jetzt den Preis? Herr Kramer – was machen Sie da?“

Timo schnappt sich den Papierkorb, in dem Frida die Scherben von Minas Skulptur entsorgt hat, entleert ihn auf Yvonnes zerdeppertes Kunstwerk, mischt mit dem Fuß einmal kurz durch und wendet sich ans Publikum. „Werte Damen und Herren, der diesjährige Preis der Kunstfreunde Kaltenkirchen geht zu gleichen Teilen an Mina Sander und Yvonne Chandon für ihr beeindruckendes Gemeinschaftswerk mit dem Titel: ‚Am Boden zerstört‘!“

***

„Du Irrer.“ Frida sitzt neben ihrem Patenonkel im Auto und kann noch immer nicht fassen, was Timo da eben erfolgreich abgezogen hat. „Aber falls mal jemand den Weltfrieden retten muss, bist du eindeutig qualifiziert.“

„Ich und Max, mein gehorsames Hündchen“, grinst Timo, löst eine Hand vom Lenkrad und wirft ein Katzenleckerli nach hinten, wo Max es sich lässig aus der Luft schnappt.

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