Kreis Pinneberg

Grüne Pazifisten bei der Bundeswehr in Appen

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Burkhard Fuchs
Grüne zu Besuch bei den Olivgrünen: Nadine Mai, Kreisgeschäftsführerin, und Jens Herrndorff, Bundestagskandidat, vor der Kaserne in Appen.

Grüne zu Besuch bei den Olivgrünen: Nadine Mai, Kreisgeschäftsführerin, und Jens Herrndorff, Bundestagskandidat, vor der Kaserne in Appen.

Foto: Burkhard Fuchs

Mit Jens Herrndorff und Nadine Mai erstmals Grünen-Politiker zu Gast in Kaserne. Verteidigungsministerin kündigt Besuch an.

Appen. Eine Annäherung der besonderen Art: die Grünen zu Besuch bei den Olivgrünen. Zum ersten Mal haben mit Nadine Mai, Kreisgeschäftsführerin der Grünen, und Jens Herrndorff, Wahlkreiskandidat für die Bundestagswahl am 26. September, Spitzenvertreter der Partei die Unteroffizierschule der Luftwaffe besucht. Nach dem Gespräch mit Kommandeur Oberst Thomas Berger in der noch Marseille-Kaserne genannten Bundeswehrdependance (siehe Infokasten) kündigten sie an, den Kontakt künftig intensivieren zu wollen.

Unteroffizierschule als Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor

So möchte die Abgeordnete Mai im Kreistag anregen, eine feste Partnerschaft mit der Unteroffizierschule einzugehen, ähnlich wie sie die Standort-Kommunen Appen und Uetersen seit vielen Jahren pflegen. Bei ihrem Besuch erfuhren die beiden Politiker auch, dass die Umbenennung des militärischen Stützpunktes in Jürgen-Schumann-Kaserne, nach dem getöteten Piloten der 1977 entführten „Landshut“-Maschine, kurz bevorsteht.

„Die Unteroffizierschule spielt eine wichtige Rolle für das Leben im Kreis Pinneberg, als Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor“, sagte Bundestagskandidat Herrndorff, der auch Kreisvorstandssprecher der Grünen ist. „Wir müssen mit ihr in den Dialog treten und dabei einen kritischen Blick auf die Bundeswehr behalten.“

Dazu gehöre die Darstellung der Bundeswehr nach außen, die in der Gesellschaft nicht heroisiert werden dürfe. Die Haushaltsmittel für die „Parlamentsarmee“ sollten an die genau zu definierende Auftragslage angepasst sein. Zugleich gelte es auch, den Einsatz der Bundeswehrsoldaten im Ausland und auf internationalen Konfliktfeldern „anzuerkennen und zu würdigen, dass sie dort ihr Leib und Leben riskieren“, sagte Herrndorff.

„Wir Grüne sind eine pazifistische Partei“

Nadine Mai betonte, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gerade für die Bundeswehr heute wichtig sei, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. Denn jeder zehnte der 270 Standortsoldaten ist weiblich, also eine Soldatin. Jede siebte der zurzeit 350 Lehrgangsteilnehmer ebenfalls.

Die Grünen hätten mit der Unterorganisation „BundeswehrGrün“ analog zu „PolizeiGrün“ sogar eine feste Abteilung in der Partei gegründet, die sich konkret mit diesen Fragen und Verteidigungsstrategien befassen soll, erklärte Mai. Ein Mitbegründer dieser neuen Organisation, Benjamin Schulte aus Quickborn, der an der Helmut-Schmidt-Bundeswehruniversität lehre, hätte ihren Besuch in Appen begleiten sollen, habe aber aus Krankheitsgründen kurzfristig absagen müssen.

„Wir Grüne sind eine pazifistische Partei“, machte Kandidat Herrndorff deutlich. Darum sollte das oberste politische Ziel immer sein, militärische Konflikte von vornherein zu vermeiden und es gar nicht erst zu Bundeswehreinsätzen kommen zu lassen.

Grünen-Politiker: Grundsätzlich gegen Rüstungsexporte

Dabei könnte eine Präventivstrategie zur Konfliktvermeidung erfolgversprechend sein, die Nadine Mai mit „feministischer Außenpolitik“ beschrieb. Damit meint sie eine Politik, die grundsätzlich und überall gleichberechtigte Familienstrukturen unterstütze und als klares Bildungsziel vorgebe. „Wenn wir unsere Ressourcen darauf konzentrieren, die Länder zu unterstützen und miteinander in Frieden zu leben“, so Mai, „ist das eine nachhaltige Konfliktvermeidungsstrategie.“

Für Kreisvorstandssprecher Herrndorff müssen Waffenlieferungen ganz eng mit solchen Friedensüberlegungen verbunden sein. „Ich bin grundsätzlich gegen Rüstungsexporte“, sagte der Bundestagskandidat. Diese sollten generell vermieden werden, nicht nur in Länder, die als Konfliktherde oder Krisengebiete gelten. „Wir sollten in der Verteidigungsstrategie immer auf Frieden und Abrüstung setzen“, sagte Nadine Mai nach dem Besuch der Kaserne.

Beeindruckt zeigten sich die Politiker von den technischen Möglichkeiten und der digitalen Kompetenz am Bundeswehrstandort Appen. „Es gibt überall WLAN und die digitale Ausstattung ist hochmodern“, so Mai. Als Mutter schulpflichtiger Kinder wisse sie aus der Coronakrise genau, dass dies beim „Homeschooling“ vielerorts nicht der Fall sei.

Grünen-Politiker loben Arbeit der Soldaten

Auch das gesellschaftliche Engagement der Unteroffizierschule hoben die grünen Politiker heraus. So beteilige sie sich gerade vorbildlich an dem Aufruf des Kreisfeuerwehrverbandes, Hilfslieferungen für die Menschen in den überfluteten Gebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zu organisieren.

118 Soldaten aus Appen waren monatelang im Kreisgesundheitsamt eingesetzt, um mögliche Ansteckungen von Corona-Infizierten nachzuverfolgen. Zurzeit sind nach Angaben der Bundeswehr noch 30 Soldaten in den Impfzentren in Elmshorn und Prisdorf beschäftigt, um Anmeldungen zu bearbeiten. „Das ist alles sehr lobenswert“, sagte Nadine Mai.

Gerade dieses soziale Engagement der Bundeswehr trage dazu bei, ihr Image in der Bevölkerung aufzuwerten, glaubt die Grünen-Politikerin. „Das schafft Nähe und ein positives Bild von ihr in der Gesellschaft.“ Der Kreistag sollte deshalb einen festen Dialog mit der Unteroffizierschule schaffen, wie er ihn auch mit anderen wichtigen Einrichtungen wie dem Kreisjugendring, seinen Gesellschaften oder den Nahverkehrsbetrieben unterhalte.

Kramp-Karrenbauer benennt Kaserne um

Die Kaserne in Appen, seit 1976 nach Kampfflieger Hans-Joachim Marseille aus dem zweiten Weltkrieg benannt, wird voraussichtlich noch in diesem Jahr offiziell in Jürgen-Schumann-Kaserne umbenannt.

Schumann, beim Geiseldrama der „Landshut“ 1977 in Aden (Südjemen) ermordet, hatte auf dem Militärflughafen in Appen gelernt. Nach Abendblatt-Informationen wartet die Kaserne derzeit auf die Genehmigung zur Umbenennung durch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Im Herbst könnte die Unteroffizierschule dann feierlich umbenannt werden.

Geplant ist auch, das Hörsaalgebäude, das wegen seiner Form „Flieger“ heißt, in Feldwebel-Laabs-Zentrum zu benennen. Karl Laabs rettete mehr als 100 Juden das Leben.

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