Uetersen

Starfotograf Walter Schels zeigt Schönheit der Zerstörung

| Lesedauer: 5 Minuten
Anne Dewitz
Walter Schels steht neben dem Porträt von Joseph Beuys in seinem Fotostudio in Hamburg. In Uetersen werden seine „Faded Flowers“ gezeigt.

Walter Schels steht neben dem Porträt von Joseph Beuys in seinem Fotostudio in Hamburg. In Uetersen werden seine „Faded Flowers“ gezeigt.

Foto: Anne Dewitz

Der Hamburger Künstler experimentiert mit welken Blumen. Ergebnis im Museum Langes Tannen in Uetersen zu sehen.

Uetersen. Ein riesiges Porträt von Joseph Beuys empfängt Besucher des Hamburger Studios, und zwar mit eindringlichem Blick. „Den Beuys muss ich noch in die Galerie nach Düsseldorf schicken“, sagt Walter Schels. Er hat den berühmten Künstler mit Hut 1980 fotografiert, ebenso Andy Warhol. „Beide waren Weltkünstler, aber auch Clowns“, sagt der Hamburger Fotograf.

Fotograf Schels denkt nicht an Ruhestand

Aktuell, im großen Beuys-Jahr, sind die Porträts gefragt, die Schels 1980 im Format 130 x 100 Zentimeter mit dem Schwamm entwickelte, das Papier im abgedunkelten Studio an die Wand gepinnt. Weil die Ränder nicht fixiert, aber belichtet wurden, blieben sie dunkel.

40 Jahre lang lagerten die großen Papierrollen im Keller. „Die Prints waren verklebt“, sagt Schels. Vor einigen Jahren löste er sie im Wasserbad vorsichtig voneinander, dann trocknete und presste er sie unter einer schweren Glasplatte. „Eine Arbeit, die ich heute nicht mehr machen könnte“, sagt Schels.

Der Fotograf ist 85 Jahre alt, die Jahre, die er, über Becken gebeugt, in der Dunkelkammer verbrachte, die Schlepperei – all das macht sich bemerkbar. An Ruhestand, wie ihn andere Menschen in seinem Alter genießen, ist für ihn trotzdem nicht zu denken.

Im Welken sieht Walter Schels Schönheit

Wer Schels dieser Tage im Studio besucht, sieht nicht nur das große Beuys-Porträt, sondern auch Vasen und Töpfe mit vertrockneten Blumen. Alles Arbeitsmaterial. Nach Menschen und Tieren wendet sich der Fotograf seit zehn Jahren mit großer Experimentierfreude auch dem Blumen- und Pflanzenleben zu, vor allem dem Ende, dem Verwelken. Im Verfall entdeckt er noch viel Schönheit.

„Zum Fotografieren finde ich frische Blumen langweilig“, sagt der Lichtbildner. Bilder dieser Serie sind in der Ausstellung „Schön verwelkt“ im Museum Langes Tannen in Uetersen zu sehen. Sie beginnt am morgigen Sonnabend, 12. Juni. Zuvor stellte Schels 2004 schon einmal in Langes Tannen aus: „Große Tiere, kleine Tiere. Porträts von Tieren und Politikern.“

Fotograf Schels: „Ich bin chaotisch“

„Abfall ist eine Kunst für sich“, sagt Schels, der nichts wegwerfen kann, schon gar nicht alte Filme und Fotopapiere. Die Emulsion auf dem abgelaufenen Material verändert sich chemisch, es zeigen sich Schlieren und Flecken. Das Ergebnis ist Zufall.

„Das Schöne ist: Man bekommt nie, was man erwartet. Das Material fügt etwas Eigenes hinzu“, sagt Schels. Das Unperfekte macht für ihn den Reiz aus, Schönheit sieht er in der Zerstörung. So entstanden auch die wunderbaren Bilder vertrockneter Blumen. Die in Farbe erinnern teilweise an Aquarelle. Schels steht zudem vor einer großen Aufgabe. Er muss sein Archiv ordnen.

„Ich bin chaotisch“, sagt Schels. Das liege an seiner Vielfältigkeit. Zu viele Bilder liegen noch in Kartons, unsortiert. Schritt für Schritt geht es voran. „Wir schaffen das“, wiederholt er das in einem anderen Zusammenhang berühmt gewordene Mantra von Angela Merkel schmunzelnd. Auch die Kanzlerin hat er porträtiert, im Jahr 2005. Doch immer wieder drängen sich wichtigere Aufgaben als das Ordnen in den Vordergrund.

Porträtserien von Menschen in Extremsituationen

Schels, der 1936 in Landshut geboren wurde, geht selten ohne Kamera aus dem Haus. Ständig entdeckt er neue Motive, die er festhält. „Ich bin ein Knipser“, sagt er, „wenn es ernst wird, fotografiere ich auch.“ Bekannt wurde er mit seinen Schwarz-Weiß-Fotografien von Künstlern, Politikern, Prominenten.

Er porträtierte Tiere, hielt bei Geburten das erste Antlitz der Neugeborenen fest und im Hospiz das letzte von Sterbenden. „Geboren werden bedeutet, sterben zu müssen“, sagt der Fotokünstler. Und beides sei nicht lustig.

Mehrere Porträtserien von Menschen in Extremsituationen hat Schels im Laufe der Jahre abgeschlossen, an einer arbeitet er noch: Sie zeigt transsexuelle Jugendliche.

Schels verspürte ein Leben lang das Bedürfnis nach Unabhängigkeit, im Job und in der Liebe wollte er sich nicht binden. Bis er die Journalistin Beate Lakotta während eines Auftrages kennenlernte. „Wir haben zusammen Straßenmusiker porträtiert“, erinnert sich Schels. Zehn Jahre später erarbeiteten sie die Porträts-Serie im Hospiz. „Wir haben in der Zeit viel gelacht und geweint. Man lernt sich auch kennen“, sagt Schels. Sie wurden ein Paar und heirateten.

Die Ausstellung „Schön verwelkt“ wird am, Sonnabend, 12. Juni, um 16 Uhr eröffnet. Die Vernissage findet unter Einhaltung der Corona-Regeln draußen vor dem Museum Langes Tannen, Heidgrabener Straße, in Uetersen statt.

Die Bilderschau ist bis zum 22. August zu sehen und mittwochs, sonnabends, sonntags 14 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 2 Euro.

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