Kreis Pinneberg

Jacob Heidtmann – Das ist der Olympionike aus Pinneberg

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Nico Binde
In Pinneberg geboren, auf dem Hamburger Rathausmarkt fotografiert und nun mit dem Ticket für die Olympischen Spiele in der Hand: Schwimmer Jacob Heidtmann ist als einer der ersten Deutschen nominiert worden.

In Pinneberg geboren, auf dem Hamburger Rathausmarkt fotografiert und nun mit dem Ticket für die Olympischen Spiele in der Hand: Schwimmer Jacob Heidtmann ist als einer der ersten Deutschen nominiert worden.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Weltklasse-Schwimmer Jacob Heidtmann ist als einer der Ersten für die olympischen Spiele in Tokio nominiert – nach einem harten Jahr.

Pinneberg.  Es war kein leichtes Jahr für Jacob Heidtmann. Das ist bei Spitzenathleten nicht anders als bei Normalbürgern. Nach der Absage der Olympischen Spiele 2020, den ungewissen Trainingsmühen danach und reisetechnischen Wirrungen in der Corona-Zeit lautete die Devise für den 26 Jahre alten Weltklasse-Schwimmer bei fortlaufenden Kosten eigentlich nur: Durchhalten. Weitermachen. Für den großen Traum eines jeden Sportlers – die Teilnahme an Olympischen Spielen.

Und nun, im Mai 2021, scheint wirklich alles gut zu werden für den in Pinneberg geborenen Ausnahmeathleten. Als einer der ersten deutschen Sportler ist er am Mittwoch für die Reise nach Japan nominiert worden.

65 Tage vor der Eröffnungsfeier hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) zunächst 54 Athleten und Athletinnen benannt. Neben Tischtennis-Rekordeuropameister und Rio-Fahnenträger Timo Boll sowie Schwimm-Doppelweltmeister Florian Wellbrock gehört auch Jacob Heidtmann zum ersten Block, der nach mehr als einem Jahr schwieriger Qualifikationen nominiert wurde. Außer den Schwimmern haben auch Schützen, Segler, Sportkletterer und Tischtennisspieler ihr Ticket sicher. Vom 23. Juli bis zum 8. August wollen sie Deutschland in Tokio unter wahrscheinlich immer noch ungewöhnlichen Bedingungen bestmöglich vertreten.

Der Sportler lebt und trainiert in den USA für Olympia

Jacob Heidtmann war in diesem seltsamen Jahr länger in seiner alten Heimat, als er normalerweise geplant hatte. Seit 2019 lebt der Schwimmer in San Diego, Kalifornien, um dort bei Dave Marsh im Team Elite zu trainieren. Dort knackte Heidtmann, ein Lagenspezialist, auch die Norm für die Olympischen Spiele 2020 – die dann verschoben wurden und alle bis dahin erreichten Leistungen nicht mehr viel wert waren. Mitten in den Vorbereitungen für die Spiele in diesem Jahr blieb er dann bei zwei längeren Heimataufenthalten in Hamburg stecken. Einmal war sein Visum abgelaufen und er musste in Quarantäne, das zweite Mal verweigerten ihm die US-Behörden zunächst die Einreise nach einem Wettkampf in Ungarn.

Der junge Sportler kam bei seinem Bruder in Barmbek unter – und bei seinen Eltern in Borstel-Hohenraden. Dort musste er sich mit Getränkekisten, ein paar Gewichten seines Bruders und einem Boxsack im Keller fit halten. Zwischenzeitlich habe er sogar angeboten, „die Fenster zu putzen“. Immerhin konnte er das Gehalt für den US-Trainer in dieser Zeit mindern, die Miete für seine nicht billige WG in San Diego blieb aber. „Das knallt schon ganz schön rein“, sagte Heidtmann damals.

Schwimmer Heidtmann verlässt sich auf seine Eltern

Schließlich kostet das Leben in einem der teuersten Bundesstaaten der USA viel Geld. Etwa 2000 bis 3000 Euro pro Person rechnen Heidtmann und sein Mitbewohner, der Schwimmer Marius Kusch, monatlich für Miete, Essen und das Honorar für die Trainer. Die Entscheidung, ein weiteres Jahr alles dem großen Ziel unterzuordnen und die Lebensplanung anzupassen, sei nicht einfach gewesen. Ein wichtiger Anker sind dabei die Eltern. Erst vor ein paar Tagen veröffentlichte Heidtmann bei Instagram ein Bild von sich und seinen Eltern mit den Worten: „Ohne euch wäre ich nicht da, wo ich bin. Thank you Mom & Dad.“

Profi-Schwimmer haben nicht das Einkommen von Bundesliga-Fußballern. Um das Finanzielle zu regeln, arbeitete der gebürtige Pinneberger neben seinem Studium der Sozialökonomie deshalb auch daran, seinen Status als Sportsoldat bei der Bundeswehr zu verlängern. „Jacob ist sehr, sehr tough“, sagt sein Mitbewohner und Trainingspartner Kusch über ihn. „Es ist schwer, ihn kleinzukriegen.“

Gut möglich, dass diese Mentalität von Trainer David Marsh abgefärbt hat. Die Schützlinge des Amerikaners haben zusammen schon 46 Olympia-Medaillen abgeräumt, darunter auch die sechs goldenen von Ryan Lochte. „Der ist so eine Art Yoda“, sagt Marius Kusch über den Mann, den er während seines Studiums in North Carolina kennengelernt hatte und dem nun auch Jacob Heidtmann vertraut.

Beide Schwimmer genießen nebenbei natürlich auch die Annehmlichkeiten in Kalifornien. Im Pazifik surfen etwa, das machen sie regelmäßig. Doch Jacob Heidtmann wird dafür demnächst erstmal nicht mehr so viel Zeit haben. Denn der nächste Stopp heißt: Tokio.

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