Kreis Pinneberg

Betrug: Falscher Polizist soll sechs Jahre in Haft

Seniorinnen erhielten, wie auf diesem Symbolbild, Anrufe – und übergaben dem Angeklagten Geld und Schmuck im Wert von 170.000 Euro.

Seniorinnen erhielten, wie auf diesem Symbolbild, Anrufe – und übergaben dem Angeklagten Geld und Schmuck im Wert von 170.000 Euro.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Staatsanwältin fordert harte Strafe für Hakan Ö., der Senioren um 170.000 Euro geprellt hat. Landgericht verkündet Urteil am Mittwoch.

Pinneberg/Itzehoe.  Falsche Polizeibeamte haben am Donnerstag in Pinneberg zugeschlagen. Vier Senioren meldeten sich bei der echten Polizei und gaben an, Anrufe von angeblichen Kripobeamten erhalten zu haben. Diese hätten vor einem bevorstehenden Einbruch gewarnt und nach Wertsachen gefragt. In allen Fällen fielen die Angerufenen nicht auf diese Masche herein.

Andere gingen den Betrügern in der Vergangenheit auf den Leim, überließen Geld und Schmuck dem vermeintlichen Polizeibeamten. Hakan Ö. hat diese Rolle gespielt. Seit Mitte August steht er vor dem Landgericht Itzehoe, weil er Senioren auf diese Weise um 170.000 Euro geprellt haben soll. Donnerstag war der elfte Verhandlungstag, bei dem die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung im Mittelpunkt standen.

13 Taten, die sich zwischen Oktober 2019 und Februar 2020 ereignet hatten, waren Bestandteil der Anklage. In zehn Fällen gelangte der Angeklagte an Beute, dreimal blieb es beim Versuch. Hakan Ö. soll etwa 140.000 Euro an Banknoten sowie Schmuckstücke im Wert von rund 30.000 Euro erlangt haben. Fünfmal war er in Hamburg aktiv, achtmal in Schleswig-Holsein. Unter anderem in Bad Oldesloe, aber auch in Norderstedt, Neumünster, Mölln und in Heiligenstedten fuhr der 22-Jährige vor. In Pinneberg besuchte er Elfriede K. am Ossenpadd, die 10.000 Euro von ihrem Konto abgehoben und weisungsgemäß in einem Umschlag im Briefkasten deponiert hatte. Viele der Opfer mussten in dem Mammut-Verfahren vor Gericht aussagen.

„Die Anrufe betrafen ausschließlich ältere, alleinstehende Damen“, so Staatsanwältin Thiel. Anrufer sei ein Mittäter aus einem Callcenter in der Türkei gewesen. Während dieser die Seniorinnen am Telefon hielt, habe ein Mittelsmann Kontakt zum Angeklagten aufgenommen, diesen zu den Adressen der Opfer gelotst und ihm mitgeteilt, wo er die Wertsachen finde. Thiel bescheinigte dem Angeklagten eine „hohe kriminelle Energie“. Sie bezifferte den Schaden auf 112.500 Euro, da Hakan Ö. bei seiner Festnahme die Beute aus der letzten Tat in Höhe von 63.000 Euro bei sich trug.

Dass der Angeklagte wie behauptet lediglich einen Anteil von knapp sieben Prozent erhielt, bezweifelte die Anklagevertreterin. Auch die Angabe von Hakan Ö., er sei drogenabhängig und habe aus den Erlösen seinen Konsum finanziert, hielt sie für eine Schutzbehauptung. Sie forderte für den geständigen Angeklagten eine Haftstrafe von sechs Jahren wegen eines erwerbs- und bandenmäßigen Betruges. Eine Einweisung des 22-Jährigen in eine Entziehungsanstalt, wie sie der psychiatrische Sachverständige Professor Dr. Hubert Kuhs empfohlen hatte, lehnte die Staatsanwältin ab.

„Sechs Jahre sind eine viel zu hohe Hausnummer“, entgegnete Verteidiger Erkan Özkan. Er erinnerte daran, dass der Angeklagte ein junger Mensch sei und eine zweite Chance verdient habe. Er sei knapp dem milderen Jugendstrafrecht „entwachsen“, habe zudem gleich nach seiner Festnahme ein umfassendes Geständnis abgelegt und beschrieben, wie er bei einem Türkei-Aufenthalt in die Fänge der Bande geriet.

„Er hatte nach der ersten Tat ein schlechtes Gewissen und wollte nicht mehr weitermachen, aber auf ihn wurde Druck ausgeübt.“ Auch seine Drogensucht habe dazu beigetragen, dass er „aus dem Teufelskreis nicht mehr rauskam“. Hakan Ö. habe sich zudem persönlich bei allen Opfern im Gerichtssaal entschuldigt. Özkan forderte für seinen Mandanten ein mildes Urteil – und die Therapie in einer Entziehungsanstalt anstelle einer weiteren Inhaftierung.

Hakan Ö. betonte in seinem letzen Wort, er sei in eine dumme Sache geraten. „Ich wünschte zutiefst, ich könnte das rückgängig machen, aber ich kann es nicht.“ Auch wünschte er, über Geld zu verfügen, um die Opfer zu entschädigen. Das Urteil wird am Mittwoch verkündet.

So schnell kann man zum Mittäter werden

Anrufwelle: Laut dem Kieler Landeskriminalamt kam es im vorigen Monat zu einer „Anrufwelle“ falscher Polizisten in Schleswig-Holstein. Die Tätergruppe agierte aus Callcentern mit Sitz in der Türkei – und sie werben in Deutschland vermehrt über Kleinanzeigen ahnungslose Bürger als Kuriere an.

„Kurierfahrer gesucht“: Um Seriosität vorzutäuschen, bedienen sich die Täter Namen und Logos existierender Firmen. Eine attraktive Vergütung und ein in Aussicht gestellter Arbeitsvertrag machen diese Arbeitsangebote auf den ersten Blick interessant. Die Beschäftigung soll laut Beschreibung aus Kurierfahrten für ein Münzkontor bestehen, das zu transportierende Gut bestehe aus Münzen und anderen Wertgegenständen. Wie es in der Anzeige heißt, legten die Kunden besonderen Wert auf ihre Anonymität.

Wertgegenstände: In Wirklichkeit schicken die Täter die angeworbenen Kuriere zu älteren Bürgern, die am Telefon durch Warnungen vor bevorstehenden Einbrüchen verunsichert und überzeugt worden sind, Geld und Wertgegenstände an einen vermeintlich echten Polizeibeamten zu übergeben. In der Regel erfolgen die Übergaben nicht direkt, sondern Geld und Wertgegenstände werden etwa unter der Fußmatte oder im Zeitungsfach des Briefkastens deponiert.

Mittäter: Durch die Abholung der Beute sind die Kuriere nun Mittäter eines gewerbs- und bandenmäßigen Betruges – und werden auch dementsprechend bestraft. Ende September konnte das LKA, das vor zwei Jahren eine eigene Ermittlungsgruppe für diese Fälle eingerichtet hat, eine auf diese Weise angeworbene Abholerin festnehmen. Auch ein Hintermann, der Beute aus anderen Bundesländern dabei hatte, ging den Fahndern ins Netz. Nach der Festnahme ebbte die Welle ab. Sieben Taten waren erfolgreich.