Corona-Pandemie

Pinnebergs Gesundheitsamt am Limit – Bundeswehr muss helfen

Einsatz in der Pinneberger Kreisverwaltung in Elmshorn: Oberstleutnant Axel Feist leitet das Kreisverbindungskommando Pinneberg und ist dort für die Behörden der erste Ansprechpartner der Bundeswehr.

Einsatz in der Pinneberger Kreisverwaltung in Elmshorn: Oberstleutnant Axel Feist leitet das Kreisverbindungskommando Pinneberg und ist dort für die Behörden der erste Ansprechpartner der Bundeswehr.

Foto: Bundeswehr/Händler / HA

Die Behörde kommt kaum noch hinterher, Kontaktpersonen zu ermitteln. Was zu dieser Situation geführt hat.

Kreis Pinneberg. Das zunehmend dynamische Corona-Infektionsgeschehen bringt das Gesundheitsamt des Kreises Pinneberg an seine Grenzen. Das Team um Leiterin Dr. Angelika Roschning hat die Bundeswehr um Hilfe gebeten. Soldaten ermitteln nun Personen, zu denen Infizierte Kontakt hatten – ein Schritt, den auch die von der Pandemie stark betroffene Bundeshauptstadt Berlin gegangen ist. Trotzdem stelle sich die Lage weiterhin schwierig dar, so Roschning. „Im Moment haben wir gerade so genügend Mitarbeiter.“

Insgesamt 30 Menschen seien derzeit für ihre Behörde im Einsatz. Doch auch sie haben gegen die steigenden Infektionszahlen zu kämpfen. Der Inzidenzwert im Kreis habe die 25er-Marke pro 100.000 Einwohner mittlerweile überschritten und stelle das Gesundheitsamt damit weiter vor jede Menge Arbeit. „Wenn die Zahlen weiter so steigen, denke ich nicht, dass eine ausreichende Nachverfolgung der Infektionsketten noch möglich sein wird“, so Roschning. Ab einer Größenordnung von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner könne das Kreisgesundheitsamt nicht mehr genügend Kapazitäten stellen. Daher appelliert sie an alle, ihre persönlichen Kontakte freiwillig stark zu reduzieren. „Sonst sind deutliche Einschränkungen nötig.“

Das neuartige Virus hatte das Kreisgesundheitsamt vor neue Herausforderungen gestellt. Corona brachte Aufgaben wie das Entwickeln von Teststrategien und Hygienekonzepten mit sich, aber auch Allgemeinverfügungen mussten geschrieben werden. Der Punkt, an dem die Kapazitäten nicht mehr reichten, sei kurz vor den Herbstferien gekommen. „Da hatten wir einen Tag, an dem wir aus sieben Schulen mehrere Fälle gemeldet bekommen hatten“, sagt Roschning. Es war der Tag, an dem sich die Mitarbeiter ihrer Grenzen klar geworden seien.

Pro Infiziertem schon mal 45 Telefonate notwendig

Seit eineinhalb Wochen helfen nun die Bundeswehrsoldaten im Kampf gegen die Pandemie mit. „Vor allem helfen sie bei der Nachverfolgung von Infektionsketten“ sagt Franziska Köpcke, Mitarbeiterin des Team Infektionsschutz im Gesundheitsamt. Dazu gehörten die Personenermittlung, das Kontrollieren der Listen mit Kontaktpersonen und schließlich die Kontaktaufnahme selbst. Wie viele Gespräche dabei pro infizierter Person geführt werden müssten, sei sehr unterschiedlich. „Das können fünf oder auch mal 45 sein“, so Köpcke weiter. Pro Telefonat müsse man mindestens eine halbe Stunde einplanen sagt Dr. Ulrike Evermann, Leiterin des Teams Infektionsschutz.

Hinzu komme das Einpflegen der Kontaktinformationen in das Programm des Gesundheitsamtes. „Das Problem der Infektionsketten ist vor allem, dass viele Leute nicht wissen, wo sie sich angesteckt haben könnten“, so Evermann weiter. Dadurch könne sich die Arbeit für die Ermittlung einer Infektionskette sehr strecken. Allein Evermann selbst hat daher seit Beginn der Corona-Pandemie insgesamt schon etwa 450 Überstunden geleistet. Denn auch am Wochenende muss das Kreisgesundheitsamt besetzt sein. Dass die Infektionszahlen montags trotzdem niedriger sind als unter der Woche, liege vor allem daran, dass die Arztpraxen sonntags geschlossen seien und damit weniger getestet werde, meint Evermann. „Ich denke, dass auf keinen Fall der Eindruck vermittelt werden sollte, dass das Kreisgesundheitsamt Wochenende macht. Hier werden zahlreiche Überstunden geleistet“, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Kai Vogel aus Pinneberg, der das Gesundheitsamt nun besucht hat.

Schuleingangsuntersuchungen ausgesetzt

Auch wenn die Bundeswehrsoldaten eine große Hilfe für den Kreis Pinneberg darstellen, so mussten auch sie erst einmal eingearbeitet werden. Durch die vermehrte Arbeit durch die steigenden Infektionszahlen stelle aber selbst diese notwendige Maßnahme ein Problem dar. „Das Einarbeiten kostet natürlich auch Zeit, die uns später bei den Kontaktpersonenermittlungen fehlt“, sagt Dr. Angelika Roschning. Trotzdem kann sich die Leiterin des Gesundheitsamtes auch vorstellen, zukünftig noch mehr Soldaten für den Kreis einzusetzen.

Dass ihre Behörde an ihre Grenzen stößt, zeigt auch das Einstellen der Schuleingangsuntersuchung seit vier Wochen. „Diese werden wir vorerst bis zum 4. November aussetzen“, sagt Roschning. Ob die Untersuchungen danach wieder wie gewohnt stattfinden können, sei aufgrund der steigenden Corona-Infektionszahlen jedoch fraglich.

Die Probleme des Gesundheitsamtes sind nun auch bei Politikern angekommen. Bei einem Gespräch am Dienstag haben sich der SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Dieter Rossmann (SPD), der Landtagsabgeordnete Kai Vogel und Hannes Birke, Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion, mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über die Herausforderungen der Coronapandemie ausgetauscht. Dabei waren sie sich einig, dass Corona „ein Weckruf“ sei, „wie man sich auf zukünftige Pandemien bestmöglich vorbereitet“, wie Dr. Ernst Dieter Rossmann sagt. Mit dem Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst seitens des Bundes und der Länder solle nun ein erster Schritt zur Unterstützung des Gesundheitsdienstes gegangen werden, von dem auch der Kreis Pinneberg profitieren würde.