Pinneberg

Eine Ausstellung auf den Spuren der verlorenen Zeit

Der Künstler Thomas Judisch hat eine rätselhafte Garten-Idylle geschaffen.

Der Künstler Thomas Judisch hat eine rätselhafte Garten-Idylle geschaffen.

Foto: Katja Engler

In der Kunstremise in Pinneberg treffen Künstler aufeinander. Ihr Thema: Vergänglichkeit und was davon bleibt.

Pinneberg.  Wenn die Künstler um Marion Inge Otto Quoos (kurz: mioq) sich in der Kunstremise am Fahltskamp niederlassen, wo sie ihr Atelier hat, verwandelt sich das historische Fachwerkgebäude mit seinem sonnigen Garten in ein temporäres Zentrum vielfältiger geistig-ästhetischer Freiheit. Für ein volles Jahr ist dort jetzt wieder neue Kunst eingezogen: Cornelia Regelsberger, Thomas Judisch, Karl Boyke, mioq, Inken N. Woldsen, die Künstlergruppe feine menschen und weitere zeigen dort Werke, die selten extra für die Pinneberger Ausstellung entstanden sind, sondern „das, was wir schon produziert haben. Denn das wird so wenig gesehen“, sagt mioq.

Ein volles Jahr soll die Ausstellung bestehen bleiben, zu besuchen über die wechselnden Jahreszeiten und einmal monatlich geöffnet. Einzelne Werke, prophezeien sie, können dann vom Zahn der Zeit verändert worden sein, angerostet, verstaubt, vergilbt wie alles, was vergeht. Als Teil eines Kontinuums könne der Ausstellungstitel interpretiert werden, sagt mioq: Sie heißt „permanent punkt a“, „und wenn wir wollen, können wir das bis z fortführen“, so die Künstlerin. Sie freut sich, dass die vom Kreis geförderte Ausstellung in den Herbst verschoben werden durfte und sieht jetzt für alle Besucher die Chance, öfter vorbeizukommen und die Arbeiten dann mehrmals auf sich wirken zu lassen.

Im Innern des geschlossenen Zauns wird eine wilde Wiese wachsen

Thomas Judisch hatte in dem reetgedeckten Pavillon auf dem Rasen eigentlich etwas ganz anderes vorgehabt. Aber dann, beim Anblick des achteckigen Häuschens, als mioq ihm auch noch erzählt habe, dass dort ein Zaunkönig wohne, sei ihm eine völlig neue Idee gekommen, die er dann auch sofort in Angriff nahm. Auf Ebay kaufte er einen alten, patinaüberzogenen Holzzaun, schleppte ihn auf die Wiese und stellte daraus die Grundfläche des Pavillons nach. „Ich sehe das als abgesperrte Idylle“, sagt Judisch. Selbst ihm kommen bei dem Anblick viele Assoziationen. Er denkt an die Nordsee, an alte Gärten… Weder Ein-, noch Ausgang hat der neue Zaun. Im Innern soll nicht gemäht werden, sodass dort eine wilde Wiese emporwächst.

Den Kunst-Ort am Fahltskamp zu beleben, das funktioniere ganz gut, sagt mioq. Und drinnen gebe es viele historische Bezüge. Das ist wahr: Wer die Remise betritt, steht plötzlich auf einem Stück mit Lehm gefugtem Feldsteinboden. Erst weiter hinten ist ein Backsteinboden eingelassen worden, „wir haben hier schon bei minus fünf Grad gearbeitet“, erzählt mioq. Über den Köpfen sind mächtige Bohlen eingezogen, die Mauer ist Stückwerk aus verschiedenen modernen, manchmal auch alten Ziegelsteinen. Jahrhunderte sind vergangen, seit Handwerker das Bürgerhaus im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts gebaut haben.

Rettungsringe tragen in Corona-Zeiten die Aufschrift: Kunstretter

Die verronnene Zeit schon im Material sichtbar zu machen, dafür eignen sich Fahrradschläuche ganz hervorragend, findet mioq. Sie hat drei von insgesamt zwölf Stelen aufgestellt, die sie mit diesem „fantastischen Material“ ummantelt hat, ergänzt mit auf Streifen befindlichen Röntgen-Aufnahmen aus dem Jahr 2007. „Es geht darum, Zeit zu begreifen“, sagt mioq. Allein die Flicken darauf, die manchmal einfach nur aus schwarzem Klebeband bestünden, erzählten die vielfältigsten Geschichten.

Konkrete Geschichten erzählen normalerweise Bücher. Inken N. Woldsens „Strandbibliothek“ besteht aber aus hölzernen Fundstücken von der Nordsee, manche noch genau so, wie die Fischer ihre Kutter gestrichen haben: Blau. Sie erzählen, was niemand aufgeschrieben hat, aber greifbare Wirklichkeit eines rauen Lebens auf See ist. Und sie verweisen auf das Buch als eine gefährdete Art. Gefährdet wie die Kunst in Corona-Zeiten, für die die feinen menschen vorsorglich einige Rettungsringe beklebt haben, auf denen „Kunstrettung“ steht.

Karl Boyke schaut nicht sonderlich glücklich auf seine beiden Gemälde, die irgendwo zwischen Sonderborgs Informel und Francis Bacons Schmerzensbildern einen eigenen Weg suchen. Einem spontanen Gestus ist ein langwieriges „Daran-Herumbasteln“ gefolgt, sagt er: „Ich bin nie fertig mit der Kunst. Das ist ein Prozess, sich dem Bestmöglichen zu nähern, das man dann immer wieder in Frage stellt. Ich bleibe ein Zweifler.“

Eröffnung So, 6. September, 15 bis 18 Uhr, Kunstremise, Fahltskamp 30, Pinneberg. Danach offen am 20. September, 18. Oktober, 15. November und 20. Dezember…., bis 18. Juli 2021, immer von 15 bis 18 Uhr, Eintritt frei.