Itzehoe

Falscher Polizist prellt Senioren um 170.000 Euro

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Arne Kolarczyk
Die Gruppe, der Hakan Ö.  angehörte, agierte aus einem Callcenter in der Türkei und setzte auf die Masche „Falsche Polizisten“.

Die Gruppe, der Hakan Ö. angehörte, agierte aus einem Callcenter in der Türkei und setzte auf die Masche „Falsche Polizisten“.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Der Angeklagte Hakan Ö. räumt vor Gericht ein, als Abholer der Gruppe fungiert zu haben. Die Anrufe kamen aus einem Callcenter in der Türkei.

Pinneberg/Norderstedt/Itzehoe.  Seine Taten bezeichnete Hakan Ö. als „sehr großen Fehler“. Der könnte den 22-Jährigen für mehrere Jahre ins Gefängnis bringen. Der Türke soll sich als falscher Polizist ausgegeben und gemeinsam mit mehreren Komplizen Senioren um ihr Hab und Gut gebracht haben. 13 Taten sind vor dem Landgericht Itzehoe Bestandteil der Anklage, in drei Fällen blieb es beim Versuch. Hakan Ö. soll etwa 140.000 Euro an Banknoten sowie Schmuckstücke im Wert von 30.000 Euro erlangt haben.

Die Masche war dabei stets dieselbe. Ein angeblicher Polizeibeamter meldet sich telefonisch bei den älteren Opfern und macht ihnen Angst. In ihrer Nachbarschaft sei eingebrochen worden, der Angerufene sei als Nächstes an der Reihe. Oder es wird behauptet, ein krimineller Bankmitarbeiter habe Geld vom Konto des Opfers abgehoben und durch Falschgeld ausgeglichen. Bei allen Geschichten ist das Ende stets gleich: Der vorgebliche Polizist fordert die Angerufenen auf, ihre Konten bei der Bank leerzuräumen und das Geld, eventuell in der Wohnung vorhandene Barmittel sowie ihren teuren Schmuck sicherheitshalber der Polizei anzuvertrauen. Zu diesem Zweck werde in Kürze ein Beamter vorbeikommen.

Hakan Ö. war laut Anklage dieser Abholer. Zwischen Oktober 2019 und seiner Festnahme im Februar 2020 fuhr er kreuz und quer durch den Norden, um Geld und Wertgegenstände der Opfer einzusammeln. Fünfmal war er in Hamburg aktiv, auch in Bad Oldesloe, Neumünster, Mölln und in Heiligenstedten fuhr der 22-Jährige vor.

Am 9. Januar besuchte Hakan Ö. laut Anklage Elfriede K. am Ossenpadd in Pinneberg. Zuvor war ihr weisgemacht worden, dass ein Einbrecher festgenommen worden sei, bei dem die Anschrift der alten Frau gefunden wurde. Die hob 10.000 Euro von der Bank ab, packte das Geld weisungsgemäß in einen Umschlag und legte ihn in den Briefkasten. Der Angeklagte hatte dann leichtes Spiel.

Ähnlich lief es am 20. Januar bei Eva W. in Norderstedt. Die glaubte ebenfalls an das Märchen vom bevorstehenden Einbruch, holte 12.000 Euro von der Bank, packte 5000 Euro aus ihrer Wohnung sowie einen Diamantring im Wert von 4000 Euro und eine goldene Uhr im Wert von 6000 Euro dazu. Den Umschlag deponierte sie wie gefordert unter der Fußmatte vor der Wohnungstür.

Die größte Beute machte der 22-Jährige am 18. Februar bei Ursula B. in Mölln. Die legte ebenfalls 9000 Euro unter die Fußmatte. Weil sich der falsche Polizist kurz nach der Übergabe nochmals telefonisch bei ihr meldete und ihr auf den Kopf zusagte, dass sie mehr Geld besitzen müsse, stellte sie eine Einkaufstüte mit 54.510 Euro in den Hausflur. Kurz nach dieser Tat wurde der Angeklagte festgenommen.

„Mir tut das alles sehr leid“, ließ der 22-Jährige, der in Deutschland geboren wurde, über seinen Verteidiger Erkan Özkan ausrichten. In der schriftlichen Einlassung legte der Angeklagte ein umfassendes Geständnis ab, beantwortete danach alle Fragen des Gerichts. Namen der Hintermänner will er nicht nennen. „Die haben mich und auch meine Familie bedroht, ich habe Angst.“

Hakan Ö. will 2017 in einer türkischen Stadt einen Mann kennengelernt haben („Er war so etwas wie mein Vorbild“), der dort ein Callcenter betrieb. „Ich wusste nicht, welche Geschäfte er dort macht.“ Er habe, so der Angeklagte, dort 2018 kurzzeitig gearbeitet. „Es ging um Solaranlagen, das war alles legal.“

Im Sommer 2019 sei er nach Hamburg zurückgekehrt, habe dort bei seiner Familie gelebt, keinen Job und kein Geld gehabt. „Ich fing wieder an zu kiffen, brauchte dafür immer mehr Geld.“ Da sei der Anruf vom Freund aus der Türkei gerade recht gekommen. „Er wusste über meine Situation Bescheid und hat mir einen Job angeboten.“ In diesem Gespräch habe er zum ersten Mal von der Betrugsmasche erfahren – und eingewilligt, als Abholer zu fungieren. Bis auf einen Fall, wo er als Polizeischüler angekündigt und von einer Seniorin in die Wohnung gebeten wurde („Mir war das sehr unangenehm“), habe er Geld und Schmuck immer vor der Tür oder im Briefkasten vorgefunden.

„Mir ging es darum, meinen Konsum zu finanzieren.“ Einen Anteil von 40 Prozent, wie es in der Anklage steht, will der 22-Jährige nicht erhalten haben. Fünf bis zehn Prozent habe er behalten dürfen, den Rest per Western Union in die Türkei überweisen müssen. Laut Hakan Ö. bestand die Gruppe aus dem Telefonisten, der alt klingende Namen aus den Telefonbüchern raussuchte und dann den Betrugsanruf startete, dem Mittelsmann, der den Kontakt zwischen Telefonisten und Abholer hielt, und ihm als Abholer. „Ob es mehr als einen Telefonisten gab, weiß ich nicht.“ Er habe nur den Freund gekannt, der als Mittelsmann fungierte und ihm Namen und Abholort durchgab. Nach seinen Touren sei er nach Hause gefahren, habe einen Videoanruf gestartet und quasi vor den Augen der Komplizen den Umschlag geöffnet. War Schmuck drin, habe er Anweisungen erhalten, wo er diesen abzuliefern habe. „Das waren ständig andere Leute, die ich am Hauptbahnhof getroffen habe.“

Die Zeit in der U-Haft sei ihm eine Lehre. „Bei mir hat es Klick gemacht, ich will jetzt eine Therapie machen.“ Seine Taten täten ihm leid. „Ich würde den Schaden gern wieder gutmachen, aber das ist mir finanziell nicht möglich.“ Die Kammer hat zwölf weitere Termine angesetzt, will elf der 13 Opfer hören. Ein Urteil könnte Ende Oktober fallen.

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