Kreis Pinneberg

Ernst Dieter Rossmann hört auf – und wirbt für Olaf Scholz

| Lesedauer: 6 Minuten
Alexander Sulanke
SPD-Bundestagsabgeordneter Ernst Dieter Rossmann am Dienstag neben einem Porträt von Annemarie Renger, die den Wahlkreis von 1953 bis 1969 vertreten hat.

SPD-Bundestagsabgeordneter Ernst Dieter Rossmann am Dienstag neben einem Porträt von Annemarie Renger, die den Wahlkreis von 1953 bis 1969 vertreten hat.

Foto: Alexander Sulanke

69-jähriger Elmshorner kandidiert 2021 nicht mehr für den Bundestag. Was seine Gründe sind und wie die SPD die Nachfolge regelt.

Pinneberg.  Ernst Dieter Rossmann sitzt vor einer mehr als lebensgroß aufgezogenen Fotografie von der früheren Bundestagspräsidentin Annemarie Renger, als er am Dienstag bekannt gibt, was für die Sozialdemokratie im Kreis Pinneberg eine Zäsur bedeutet. „Ich werde mich nicht erneut um eine Kandidatur für den Bundestag bewerben“, erklärt er. Seine Stimme strahlt die Ruhe selbst aus wie immer, das „nicht“ erscheint noch etwas leiser. Hat er das jetzt wirklich gesagt?

Hat er. Der 69-Jährige rechnet vor: Bei der Bundestagswahl 2021 ist er 70, am Ende der nächsten Legislaturperiode 74. Der Psychologe und promovierte Sportwissenschaftler deutet an, dass er das für zu alt halte. „Bundestagsabgeordneter ist nichts, das man auf lau macht“, sagt er. In einem Brief an die SPD-Ortsvorsitzenden schreibt der Elmshorner: „Alles hat seine Zeit. Und ich möchte, dass jetzt, an der Schwelle zu meinem achten Lebensjahrzehnt, diese besondere Herausforderung als Bundestags­kandidat/in in dann später als Bundestagsabgeordnete/r in andere, neue Hände übergeht.“

Rossmann wird 34 Jahre Volksvertreter gewesen sein

Annemarie Renger, die im Hochhaus über dem heutigen Parteibüro an der Pinneberger Friedrich-Ebert-Straße eine Wohnung hatte, vertrat den Wahlkreis Pinneberg von 1953 bis 1969. Ernst Dieter Rossmann ist länger dabei. In vier Landtags- und sechs Bundestagswahlkämpfen hat er sich zur Wahl gestellt – beziehungsweise zur Wahl stellen dürfen, wie er es selbst formuliert. Wenn er im kommenden Herbst aufhört, wird er 34 Jahre Volksvertreter gewesen sein, von 1987 bis 1998 im Landtag in Kiel und danach im Bundestag in Berlin. So lange wie zurzeit kein anderer Politiker aus Schleswig-Holstein. „Das ist eine sehr lange, sehr schöne Zeit“, so Rossmann. „Es war und ist ein großes Privileg, für das ich sehr dankbar bin.“

Er verspricht, sich jetzt nicht zurückzulehnen. Ganz im Gegenteil. Und dann malt er das Bild von einem Marathonläufer, „der noch mal kräftig zulegt, als er das Stadion schon vor Augen sieht“. Dafür spricht, dass sein Entschluss nicht spontan, sondern schon vor langer Zeit gefallen ist. „Als ich im Bundestagswahlkampf 2017 in Hainholz in Elmshorn das letzte Plakat mit meinem Bild darauf aufgestellt hatte, wusste ich, dass es das letzte war.“ Nun sei die Freude groß, noch ein Jahr arbeiten zu dürfen.

Mit dem Konjunkturpaket zufrieden

Mit der momentanen Arbeit in der Koalition ist der Parlamentarier sehr zufrieden. „Es ist eine Legislatur­periode, in der ganz viel Sozialdemokratie umgesetzt wird“, sagt er. „Wann beschließen wir schon mal über 200 Milliarden Euro?“ Er nennt beispielsweise die Grundrente, von der in ganz Deutschland rund 1,3 Millionen Rentner profitierten, davon schätzungsweise 50.000 und damit überproportional viele in Schleswig-Holstein, seinen Worten zufolge der „Lohnkeller des Westens“. Auch die aktuell beschlossene Erhöhung des Mindestlohnes stufenweise auf 10,45 Euro helfe den Menschen im Land.

Über das jüngst beschlossene Konjunkturpaket sagt er zufrieden: „Das ist ja nicht nur eine Corona-Schutzpolitik. Damit sind auch richtungsweisende Zukunftsentscheidungen getroffen worden.“ Und nennt beispielhaft die Förderung von E-Mobilität und Wasserstofftechnologien. Er ist sicher, dass „eine Bundesregierung ohne Sozialdemokratie eine deutlich schlechtere Regierung sein würde“. Knapp 30 seiner 34 Abgeordnetenjahre wird Rossmann der an der Regierung beteiligten Partei angehört haben. 1998 und 2002 hat er den Wahlkreis direkt gewonnen, viermal ist er über die Landesliste ins Parlament gekommen.

Bewerber können sich noch bis zum 2. August melden

In den Wahlumfragen hinkt die SPD unterdessen unverändert hinter der CDU hinterher. Ernst Dieter Rossmann hat eine glasklare Meinung, wer der SPD 2021 zu einem guten Wahlergebnis verhelfen kann. „Ich bin sehr dafür, dass Olaf Scholz Kanzlerkandidat wird“, sagt er. Das sieht auch der Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Thomas Hölck so: „Scholz kann Krisen meistern. Und Scholz kommt bei den Arbeitnehmern so an, dass man sich auf die SPD verlassen kann.“

An Hölck liegt es nun, die Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger zu organisieren. Seit dem
2. Juni können sich Bewerberinnen und Bewerber melden. Das Wissen, dass der Amtsinhaber nicht mehr antreten möchte, mag noch mal eine neue Dynamik in diesen Prozess bringen. Die Bewerbungsfrist läuft noch bis zum 2. August. Am 5. Dezember werde die Partei den Nachfolger oder die Nachfolgerin nominieren, sagt der Kreisvorsitzende Thomas Hölck. In welchem Rahmen das geschehen wird, sei derzeit noch nicht absehbar.

Und welche Fähigkeiten müsse mitbringen, wer auf ihn folge? Rossmann möchte sich da vom Grundsatz her nicht äußern. Dann zitiert er Johannes Rau: „Man muss die Menschen mögen, um gute Politik zu machen.“

Und was plant Michael von Abercron (CDU)?

Der CDU-Abgeordnete Michael von Abercron (67) aus Elmshorn kann sich eine zweite Legislaturperiode im Bundestag gut vorstellen. „Ich werde mich wieder um eine Kandidatur bewerben“, sagte der promovierte Agrarwissenschaftler aus Elmshorn dem Abendblatt am Dienstag auf Anfrage. „Ich bin zwar schon ein bisschen älter, aber ich bin ja noch neu im Parlament. Und ich wünsche mir, Kontinuität in meine Arbeit zu bringen.“ Er habe immer betont, dass er kein Zwischenkandidat sein wolle.

Von Abercron gewann 2017 den Wahlkreis Pinneberg mit 39,7 Prozent der Erststimmen direkt und zog daraufhin erstmals in den Bundestag ein. Er hatte sich zuvor parteiintern gegen die Hasloher Ärztin Dagmar Steiner und den Elmshorner Kole Gjoka, Inhaber einer Autopflegefirma, durchgesetzt.

Die Neubesetzung war notwendig geworden, weil der bisherige CDU-Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretär Ole Schröder aus Rellingen seinen Rückzug aus der Politik erklärt hatte. Ihm als Kreisvorsitzender folgte Christian von Boetticher.

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