Pinneberg

Virtueller Rundgang durch die Frühwerk-Ausstellung

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Kay Schmütz und Annika Utech, IT-Spezialisten der Firma Dataport, erstellen mit ihrer Spezialkamera den virtuellen Rundgang durch die Ausstellung in der Drostei.

Kay Schmütz und Annika Utech, IT-Spezialisten der Firma Dataport, erstellen mit ihrer Spezialkamera den virtuellen Rundgang durch die Ausstellung in der Drostei.

Foto: Katja Engler

Vom 4. April an sind die 160 Werke von junger Künstler aus Schleswig-Holstein in der Drostei wenigstens virtuell zu sehen.

Pinneberg.  Seit der Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“ zeigen Jugendliche überall auf der Welt wieder, was in ihnen steckt. Wegen des Coronavirus’ ist das zwar etwas ins Stocken geraten, spiegelt sich dafür aber an anderen Orten wider. Die traditionelle Frühwerk-Ausstellung in der Pinneberger Drostei ist so ein Ort. Dort wird ohne Publikum eine Ausstellung eröffnet, die teilweise eine Qualität und Relevanz zeigt wie lange nicht mehr. Viele der 160 Werke von 60 jungen Künstlern aus ganz Schleswig-Holstein gehen tief, und von diesem Freitag an sind sie bis 10. Mai in einem digitalen Rundgang zu betrachten, der von der Website der Drostei aus zugänglich ist: www.drostei.de.

Annika Utech und Kay Schmütz, beide IT-Spezialisten der Firma Dataport, sind gerade dabei, den zweiten digitalen Rundgang zu filmen. Das geschieht über 360-Grad-Fotografie mit einer Kamera, die sechs Linsen und einen Infrarotsensor besitzt. Im ersten Obergeschoss macht diese Kamera 140 Scans: „Sie erfasst einen relativ großen Winkel“, erklärt Annika Utech, „sie kann mithilfe eines Motors eigenständig rotieren. Dann müssen selbst wir den Raum verlassen oder hinter der Kamera mitlaufen, damit wir nicht im Bild sind.“

Über weiße Kreise auf dem Drosteiboden, die vom heimischen Bildschirm aus gut erkennbar sind, können Nutzer sich dann durch den Raum bewegen. Eine 3-D-Punktwolke verhindert Verzerrungen, der Infrarotscanner liefert die sogenannten Tiefeninformationen. Die Qualität ist frappierend.

„Wir überlegen uns vorher, wo sich ein Besucher hinstellen würde, und wählen dabei eine dem Objekt entsprechende durchschnittliche Blickhöhe“, erklärt Schmütz. Skulpturen müssen mit der Kamera langsam umschritten werden, damit die unterschiedlichen Blickwinkel am Ende das Gefühl vermitteln, das dreidimensionale Objekt wirklich zu umrunden. „Wir versuchen, dass das digitale Nutzererlebnis einem echten Ausstellungsbesuch möglichst nahekommt. Wir können den realen Gang ins Museum nicht ersetzen, aber Lust aufs Museum machen und Leuten, die in Coronazeiten sehr eingeschränkt sind, eine Alternative bieten“, so Schmütz.

Rund fünf Stunden drehen sie auf allen Etagen der Drostei, im Anschluss folgt die Verarbeitung aller Bilddaten, die noch mal eineinhalb Tage in Anspruch nimmt. Im Kreis Pinneberg ist die Drostei die erste Kulturinstitution, die in diesem Jahr digitale Rundgänge anbietet, das jüdische Museum in Rendsburg und das Itzehoer Kreismuseum Prinzeßhof arbeiten inzwischen auch mit der Firma Dataport zusammen, die sich in öffentlicher Hand befindet.

Dem Alter der jugendlichen Künstler entsprechend, sind wie sonst auch der Blick in die eigene Seele und die Identitätssuche ein Thema. Ronja Holtorf macht diese Suche auch zu einer Frage nach der eigenen kulturellen Identität in Zeiten der alle überfordernden Globalisierung, die die deutsche Sprache zurückdrängt und durch die englische ersetzt. Im Obergeschoss erweitert Leah Simonsen in einem malerischen Meisterwerk die Selbstbefragung zu einem gespenstischen Familienporträt, in dem die Mitglieder aneinander gefesselt sind.

Massive Kritik fand sich immer schon in den Frühwerk-Ausstellungen, aber jetzt ist sie schärfer, persönlicher und besser formuliert. Ein fotografisches Meisterwerk ist Daniel Shenderov mit einem rätselhaften Schlangen-Bildnis gelungen. Es heißt: „Der Blick in die Seele“. Die Kamera blickt in das offene Auge der Schlange – ein Tier, das wie ein Mensch kunstvoll fotografiert wurde.

In eine völlig aseptische Supermarkt-Szenerie aus bunt aufgereihten Plastikprodukten hinter Plastikvorhängen hat Henry Kipke einen einsamen Menschen mit Plastiktüte überm Kopf gesetzt, und ganz in der Ecke des Bildes, ja, da steht eine Corona-Bierdose. Vielleicht mangelt es hier an der Technik, aber deutlich hat Kipke seinen Blick auf die aktuellen Gefahren gelenkt.

Kritik am persönlichen oder am allgemeinen Konsumverhalten formuliert auf ganz andere Weise Celina Hollaender mit ihrer 18 Fotos umfassenden Serie „Food Porn“ – lauter Arrangements von Speiseresten, jeweils fein säuberlich in einem Ausguss-Sieb liegend.

Dem Bewusstsein für die Verbundenheit mit der Natur helfen diverse andere Arbeiten auf die Sprünge. Mal werden Landschaften gemalt, mit märchenhaft buntem Himmel oder im Mondenschein, mal steht da ein Holzstuhl, der mit Moos, Efeu und Kork so ausstaffiert wurde, dass seine Herkunft von einem Baum wieder gezeigt wird. Besinnung ist ein großes Thema. Das wird bleiben.

„Frühwerk“: Ausstellung geplant bis 10.5., Drostei, Dingstätte 23, eigentlich Mi–So 11– 17 Uhr, Eintritt drei, erm. 1,50 Euro.

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