Pinneberg
Kreis Pinneberg

Als eine Gruppe Frauen Rellingen schockierte

Silke Faber (l.) und Dorathea Beckmann sind beim Rellinger Frauentreff von Anfang an dabei.

Silke Faber (l.) und Dorathea Beckmann sind beim Rellinger Frauentreff von Anfang an dabei.

Foto: Katja Engler

Vor 20 Jahren gründeten sie in der konservativen Gemeinde den Frauentreff – ein Erfolgsmodell. Erstmals fällt der Treff nun aus.

Rellingen.  Ein Kaffeekränzchen zum Tratschen und Lästern war der Rellinger Frauentreff nie. Eher eine lockere Runde aufgeschlossener Frauen, die sich weiterbilden und austauschen wollten, und zwar untereinander. Ohne Männer. Weil dann die Atmosphäre ungezwungener und freier sei. In diesem Jahr wird der Frauentreff nun 20 Jahre alt. Zeit, zurückzuschauen und natürlich nach vorn.

Die ehemalige Gärtnerin Silke Faber und die Theologin Dorathea Beckmann, Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde, waren von Anfang an dabei. Sie haben den Frauentreff vor 20 Jahren mit anderen aus der Taufe gehoben, und „das war damals nicht unumstritten“, erinnert sich Beckmann. Im Herbst 1999 hatten acht, neun Frauen die Gründung vorbereitet und waren dann auf Dorathea Beckmann zugekommen. „Weil es für erfolgreiches Arbeiten mit vielen Akteurinnen einer Stabsstelle bedarf, die den Überblick hat, koordiniert, informiert, berät und vieles mehr“, sagt Silke Faber. Die Mitglieder des Turnvereins, die ihnen einen Raum im Turnerheim in Aussicht gestellt hatten, hätten gefragt, warum denn nur Frauen dabei sein sollten.

Beckmann war es dann, die dafür warb, dass der Frauentreff Frauen vorbehalten bleibt: „Wir wissen, dass Frauen untereinander mit einem anderen Blickwinkel und einem anderen Gefühl an Dinge herangehen. Das war damals ziemlich neu, frauenspezifische Themen ins Programm zu nehmen“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Und im konservativen Rellingen sei das schon „ein sehr politischer Anfang“ gewesen, aus dem viele Initiativen hervorgegangen seien, so Beckmann.

Treff fällt am 8. April erstmals nach 245 Abenden aus

Deren Arbeit sei von der des Frauentreffs nicht zu trennen, meint Silke Faber: „Gleichstellungsarbeit ist Vernetzungsarbeit, die eine Gemeinde in vielen Bereichen durchdringt und hier hilfreich und weitreichend unterstützt.“ Insofern stehe der Treff auch für ein 20 Jahre erfolgreicher Gleichstellungsarbeit in Rellingen. „Deshalb hoffe ich, dass die politischen Akteure und Akteurinnen in Rellingen, allen voran die Mitglieder der CDU-Fraktion, verantwortungsvoll im Sinne einer gelingenden Fortführung dieser so wichtigen Arbeit entscheiden.“ Dorathea Beckmann geht nämlich demnächst in den Ruhestand.

Vom Frauentreff ist Silke Faber bis heute total überzeugt: „Es macht mich stolz, dass alle Beteiligten es geschafft haben, die Institution in Rellingen aufzubauen und zu erhalten.“ 245 Abende haben in diesen 20 Jahren stattgefunden, ohne dass ein einziger abgesagt wurde. Das ist jetzt, im April 2020 übrigens anders, der Länderabend der Autorin Aurelia L. Porter, der für den 8. April geplant war, fällt aus wegen der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus’.

In diesen 20 Jahren referierten Frauen über wilde Gärten, Erziehungsthemen, Hexen, Heilerinnen und Hebammen, Literatur, Frauengeschichte, den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben, Heilklänge, Stressbewältigung, oder sie tanzten Biodanza – ein schier unerschöpfliches Spektrum. Der Rellinger Kleidermarkt ist daraus entstanden, und schon früh haben die Frauen des Ortes ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Themen aufgegriffen. Schon im Herbst 2000 ging es zum Beispiel um Wohnprojekte der Zukunft. Um den Umgang von Frauen mit Finanzen, um selbstsicheres Reden und darum, selbstbewusst gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu verlangen.

„Mir geht es bis heute darum, deutlich zu machen, welche Strukturen hinter solchen Themen stecken“, beschreibt die Gleichstellungsbeauftragte die politische Dimension. Zugleich geht es um Toleranz und Offenheit anderen Kulturen gegenüber, die sich in den Länderabenden spiegeln. „So haben wir über die Jahre mindestens 20 Länder kennengelernt, die uns jeweils eine Rellingerin vorgestellt hat“, erzählt sie.

Nun ist es weder so, dass sich all diese Themen erledigt hätten, noch dass sich die Runde permanent verjüngt. Im Gegenteil: „Wir sind zwar kein fester Kreis, aber wir sind miteinander alt geworden. Ich gehe bald in den Ruhestand. Da ist es ganz wichtig, dass eine junge Kollegin andere Veranstaltungsformate entwickelt. Und das ist nicht leicht, weil dafür die Stunden kaum ausreichen.“

Jüngere Frauen aus dem Ort kommen also eher nicht. „Es ist auch schwierig, wenn man kleine Kinder zu Hause hat, zu unseren Veranstaltungen zu kommen. Und ich habe den Eindruck, die jungen Frauen holen sich ihre Informationen aus dem Netz“, sagt Dorathea Beckmann. Das Wichtige am Frauentreff sei aber, sich gegenseitig leibhaftig kennenzulernen und zu erkennen, dass andere Frauen ähnliche Probleme oder Themen hätten.