Pinneberg
Eisenbahn

Die „rasende Emma“ rollt wieder – eine Probefahrt

Eisenbahngesellschaft NEG testet bis Dienstag Betrieb auf der vor 55 Jahren stillgelegten Strecke zwischen Uetersen und Tornesch.

Uetersen/Tornesch. Mit Kamera in der Hand stapft Dominik Schilling (29) durch das hohe Gras, blickt dann durch den Sucher. Für dieses Motiv ist er extra aus Hamburg angereist: Unter grauem Himmel steht ein rot-weißer Triebwagen der Norddeutschen Eisenbahngesellschaft (NEG) auf Schienen, zwischen denen Unkraut sprießt. Baureihe 5047, Baujahr 1994. Er wirkt etwas verloren an der Kreuzung Ossenpadd/Kleine Twiete in Uetersen. Normalerweise hält hier keiner.

Tag eins des sechstägigen Testbetriebs. Bis Dienstag kommender Woche fährt der Triebwagen zwischen Uetersen und Tornesch hin und her. Probeweise. Die NEG interessiert sich dafür, die Strecke zu reaktivieren. Die Verantwortlichen wollen nun herausfinden, ob das Angebot ankommt und was die Anlieger dazu sagen. Von Uetersen geht’s zum sogenannten Bierbahnhof an der Stadtgrenze, dann weiter nach Tornesch und wieder zurück. Einmal die Stunde, drei Kilometer Strecke, elf Minuten Fahrt. Eine Sensation für Einheimische und Eisenbahnfans.

Die Stationen: Roll-Asphalt und Holztreppen

Neben Dominik Schilling laufen noch weitere Fahrgäste um den Triebwagen, fotografieren ihn aus allen Winkeln. Dann steigen sie über Roll-Asphalt und Holztrittstufen ein. Die Station: ein Provisorium. Doch das stört hier niemanden, die Stimmung ist entspannt. Um 12.12 Uhr geht es los. Etwa 20 Menschen sitzen im Abteil. NEG-Lokführer Arne Hensen steuert den Triebwagen, fährt mit höchstens Tempo 50. Er hat sich freiwillig für den Testbetrieb gemeldet. Gegen Mittag löst ihn ein Kollege ab. Doch jetzt geht es erst einmal vorbei an Wohnhäusern, Spielplätzen, Feldern. Immer wieder schauen Passanten wie ungläubig hoch, zücken ihre Smartphones.

Seit 55 Jahren rattern nur noch Güterwaggons über die Gleise – und ganz selten historische Züge. Pendler, die von Uetersen nach Tornesch fahren, nehmen den Bus oder das eigene Auto. Seit 1965 ist der Personenverkehr auf der Bahnstrecke eingestellt. Schon länger wünschen sich viele Einwohner ihre „rasende Emma“ zurück. Eine Bezeichnung, die eigentlich nur noch Zeitzeugen kennen, Menschen wie Kristott Frank (76). Mit seiner Frau möchte er einkaufen gehen und die Strecke testen. Früher sah die anders aus. „Es ging vom Stadtbahnhof nahe dem Hafen über den Ostbahnhof und Baßhorn bis nach Tornesch.“

Echte Eisenbahnfans fahren gleich wieder zurück

Auch Rentner Ernst-Günther Lichte probiert den Testbetrieb aus. Er interessiere sich für die Wiederbelebung der Strecke, sagt: „Wichtig ist, dass man sie ohne großes Nachdenken nutzen kann. Im 20-Minuten-Takt und als Direktverbindung nach Hamburg, das hätte Charme.“

Nächster Halt: Bierbahnhof gegenüber vom Uetersener Futterhaus. Eine Person steigt zu, weiter geht es. Auch ein Hund ist an Bord. Seine Halterin Petra Thormählen möchte mit ihrem Australian Shepard Teddy nach Tornesch zum Bäcker. „Ich möchte einfach mal schauen und mitfahren“, sagt sie. Nur wenige Fahrgäste scheinen zufällig an Bord zu sein. Nach elf Minuten: Ankunft in Tornesch. Bis auf etwa fünf Eisenbahnfans, unter ihnen Dominik Schilling, steigen alle aus. Auf dem Bahnhofsvorplatz schießen verwunderte Passanten Fotos. Neugierige werfen einen Blick ins Führerhäuschen zu Arne Hensen. Nach 14 Minuten geht es zurück nach Uetersen. Mit dabei: Johanna Ewald (19). Sie kommt aus der Schule in Elmshorn. Normalerweise steigt sie in den Bus nach Uetersen, um nach Hause zu kommen. Doch auch sie hat vom Testbetrieb gehört. „Nur die Zeiten sollten anders sein. Öfters wäre gut, sonst macht es keinen Unterschied zum Bus.“ Das sieht auch Ozdilek Altin (34) so. Ihr Sohn geht in Moorrege in die fünfte Klasse, eine Bahnverbindung nach Uetersen wäre praktisch. An der Ecke Jürgen-Siemsen-Straße läuft ein Jogger mit Kopfhörern über die Gleisen. Erschrocken springt er zur Seite, als der Lokführer hupt. An den neuen Verkehrsteilnehmer müssen sich einige offenbar noch gewöhnen.

Ein Fahrgast war früher Lokführer der „rasenden Emma“

Auch ein besonderer Zeitzeuge ist mit an Bord: Reimer Andresen stand als Lokführer der Uetersener Eisenbahn zu Diensten. Bis 1965 steuerte er die „rasende Emma“ – bis die Verbindung eingestellt wurde. Auf einem NEG-Flyer steht „Tradition trifft Innovation“. Ob das klappt, wird sich zeigen. NEG-Geschäftsführer Ingo Dewald zeigt sich optimistisch: Wenn das Angebot gut ankommt, könne man in zwei Jahren die Strecke „schick machen“. Mit dabei ist auch Nordbahn-Chef Simon Kuge. Er unterstütze das Projekt. Der Testbetrieb sei zunächst einmal ein Vorgeschmack.

Das Abteil ist jetzt voll. Mittendrin: Dominik Schilling. Er wird die Strecke am Ende dieses Tages sechsmal gefahren sein.