Pinneberg
Kreis Pinneberg

Rechtsradikale zieht es in die sozialen Netzwerke

Jörn Folster beobachtet genau, was Rechtsradikale auch in sozialen Netzwerken veröffentlichen.

Jörn Folster beobachtet genau, was Rechtsradikale auch in sozialen Netzwerken veröffentlichen.

Foto: Daebeler / HA

Szene ist öffentlich weniger wahrnehmbar, sagt Jugendschützer des Kreises Pinneberg. Aber im Verborgenen existiere sie noch.

Kreis Pinneberg.  Jörn Folsters besorgter Blick geht nach rechts. Nicht nur politisch. Sondern auch auf der Landkarte. Denn das, was gerade im nordöstlich gelegenen Nachbarkreis Segeberg geschieht, lässt aufhorchen. Dort versucht ein bekannter Neonazi, ein auf rassistischer Ideologie basierendes Netzwerk namens „Aryan Circle“ aufzubauen. Wie sieht es im Südwesten Schleswig-Holsteins aus? Gibt es dort auch Tendenzen? Wie ändert sich die Taktik Rechtsradikaler? Dass die sich ändert, ist für Folster, den für Prävention zuständigen Jugendschützer des Kreises Pinneberg, klar.

Nachzuvollziehen ist das am Beispiel der „Jugend für Pinneberg“, die viele Jahre im Internet hetzte. Damit ist es vorbei. Jedenfalls auf den ersten Blick. „Deren Webseite gibt’s nicht mehr“, bestätigt Folster. Das bedeute jedoch keineswegs, dass die Organisation, die der Verfassungsschutz noch 2017 als „einen der wenigen noch vorhandenen strukturierten aktionistisch-neonazistischen Personenzusammenschlüsse“ bezeichnete, Geschichte ist. „Die haben ihre Aktivitäten in soziale Medien verlagert“, so Folster. Dort werde in geschlossenen Gruppen in einer Art Blase kommuniziert.

Zudem nutzten Rechtsradikale neben WhatsApp, Facebook und dergleichen beliebte und auf den ersten Blick unverdächtige Handy-Spiele für ihre Zwecke. Diese Entwicklung bestätigt das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet. Das Netzwerk hat kürzlich 14 Games wie beispielsweise „Clash of Clans“ und „Candy Crush“ unter die Lupe genommen. Und festgestellt, dass sich in sechs der 14 geprüften Spiele von Nutzern erstellte radikale Inhalte, darunter Hakenkreuze und fragwürdige Spielernamen wie „Heil Hidler“ und „Die Judentöter“, fanden.

Schon Kinder und Jugendliche kämen so mit antisemitischen Tendenzen in Berührung, heißt es. Bedurfte es vor einigen Jahren eines kurzen Spaziergangs vorbei an mit Aufklebern versehenen Laternenmasten, um einen Eindruck von der rechtsradikalen Szene in der Region Pinneberg zu gewinnen, muss heute das Handy gezückt und gezielt geforscht werden. „Den Laternenpfahl haben wir mittlerweile alle in der Hosentasche“, sagt Folster.

Verfassungsschutz nimmt die Entwicklung ernst

Beim schleswig-holsteinischen Verfassungsschutz nimmt man die Entwicklung ernst. Insbesondere die Szene der Neuen Rechten schaffe „Plattformen zum Austausch und zur ideologischen Arbeit“, hieß es schon im Bericht der Verfassungsschützer von 2018. Nicht selten entstünden auf diese Art und Weise „komplexe Denkfabriken“.

Allerdings gibt es auch heute noch Aktionen, die ohne Smartphone sichtbar sind. So standen auch 2019 wieder schwarze Kreuze an Straßen im Kreis Pinneberg, wie Jörn Folster bestätigt. Rechtsextreme stellen die Kreuze auf, um an angeblich von Ausländern getötete Deutsche zu erinnern. Fotos der Aktion werden anschließend auch in sozialen Medien verbreitet. Eines steht für Jörn Folster fest: Eltern kommt heutzutage eine größer werdende Bedeutung zu, wenn es darum geht, junge Menschen vor radikalen Menschenfängern zu schützen. Von Handy-Kontrollen und Verboten hält er nichts, von politischer Diskussion und Aufklärung am heimischen Tisch hingegen viel.

Aber auch dieser wichtige Bereich der Prävention sei vom gesellschaftlichen Wandel berührt. Mütter und Väter arbeiteten immer länger, und auch die Schule nehme viel mehr Raum ein als früher. „Wichtige Traditionen wie das gemeinsame Essen gehen verloren“, sagt Folster. Um damit Gelegenheiten, zu sprechen, zu verstehen und aufzuklären. „Wir dürfen die jungen Menschen nicht verlieren“, mahnt der Jugendschützer, der an Schulen Fachveranstaltungen zum Thema Prävention organisiert.

Rechtsradikale: Kreis Pinneberg sorgte immer wieder für Schlagzeilen

Der Kreis Pinneberg sorgte in der Vergangenheit immer wieder für Schlagzeilen, wenn es um Rechtsradikale ging. Anhänger der zu Gewalt neigenden Kameradschaft „Combat 18 Pinneberg“ landeten 2005 vor Gericht. Im April 2018 kam es in Appen zu einer Razzia wegen des Verdachts rechtsterroristischer Pläne einer Gruppierung namens „Nordadler“. Und im Oktober 2019 wurde bekannt, dass die im Fall des Mordes am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke benutzte Waffe womöglich aus Beständen von „Combat 18 Pinneberg“ stammt.

Auf die Frage, wie eng der Draht zum schleswig-holsteinischen Verfassungsschutz ist, hat der Pinneberger Jugendschützer Folster Antwort: „Es gibt ein Netzwerk des Landes, zweimal im Jahr werden wir über Erkenntnisse informiert.“ Allerdings gehe es dann vor allem um Entwicklungen in ganz Schleswig-Holstein, weniger um regionale Auffälligkeiten.