Pinneberg
Halstenbek

Nach Drohmails: "Apfelfest-Bomber" in Berlin angeklagt

Am 20. März 2008 brachten zwei Justizbeamte Andre M. zum Prozess um den angeblich geplanten Bombenanschlag auf das Apfelfest von Rellingen (Archivbild).

Am 20. März 2008 brachten zwei Justizbeamte Andre M. zum Prozess um den angeblich geplanten Bombenanschlag auf das Apfelfest von Rellingen (Archivbild).

Foto: Kolarczyk

Andre M., der "Feuerteufel von Rellingen", soll in zahlreichen Mails mit Sprengstoffanschlägen und Tötungsdelikten gedroht haben.

Halstenbek. Nach Drohmails gegen Politiker und Behörden in ganz Deutschland hat die Berliner Generalstaatsanwaltschaft den 31 Jahre alten Andre M. angeklagt. Der als „Apfelfest-Bomber“ und „Feuerteufel von Rellingen“ bekannt gewordene Mann war am 4. April 2019 von einem Spezialeinsatzkommando in seinem Elternhaus in Halstenbek festgenommen worden.

Er soll laut der Anklage unter dem Absender „NationalSozialistische Offensive“ in E-Mails an Mitglieder des Bundestags, Gerichte, Polizeidienststellen, Behörden, Einkaufszentren und Medien mit Sprengstoffanschlägen und Tötungsdelikten gedroht haben. In der Anklageschrift sind 107 Taten zwischen Oktober 2018 und Anfang April 2019 aufgelistet. Andre M. soll geplant haben, Gewalthandlungen gegenüber staatlichen Einrichtungen und anderen Repräsentanten des „kapitalistischen Systems“ zunächst öffentlichkeitswirksam anzudrohen und später entsprechend seinen Fantasien von der Errichtung einer „nationalen sozialistischen Ordnung“ auch in die Tat umzusetzen.

Die Drohschreiben waren teilweise mit Forderungen verbunden. Teilweise soll sich der Angeklagte auch mit einem bisher unbekannten Mittäter, der unter dem Pseudonym „Wehrmacht“ weiterhin Drohschreiben verfasst, koordiniert haben. Die Anklage bei der Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin erfolgte daher wegen Anleitung zur Begehung schwerer staatsgefährdender Gewalttaten, Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten, schwerer Nötigung sowie versuchter räuberischer Erpressung und Bedrohung.

Andre M. stand bereits 2006 und 2007 vor Gericht

Andre M., dem in der Grundschulzeit ein angeblicher Herzfehler attestiert worden war, war schon früh verhaltensauffällig geworden. Bereits 2006 und 2007 stand er vor dem Amtsgericht Pinneberg – unter anderem wegen Bedrohung, Körperverletzung und Androhung erheblicher Gewalttaten. Im September 2007 verhaftete ihn dann ein Sondereinsatzkommando. Er soll gemeinsam mit seinem ebenfalls festgenommenen Freund Kevin W. einen Bombenanschlag auf das Rellinger Apfelfest geplant haben. Der Hinweis ging bei der Polizei zwei Tage vor der Veranstaltung ein. Bei Andre M. fanden die Ermittler Zitronensäure und Wasserstoffperoxid, die mit Hexamin ein explosives Gemisch ergeben. Einen Zigarettenautomaten in Ellerbek hatten sie damit erfolgreich in die Luft gejagt.

Für diese Sprengung und für mehr als 100 weitere Straftaten, darunter Sachbeschädigungen insbesondere an Autos sowie Brandstiftungen, wurde Andre M. von der Jugendkammer des Landgerichts Itzehoe 2008 zu dreieinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Vom Hauptanklagevorwurf – dem Anschlag auf das Fest – sprachen die Richter ihn und seinen Komplizen frei. Sie hatten Zweifel, ob tatsächlich ein konkreter Tatentschluss vorlag. Weil ein Gutachter ihm eine „abartige Persönlichkeitsstruktur“ attestierte, kam der damals 20-Jährige in eine psychiatrische Einrichtung.

Dort blieb er bis Dezember 2013. Weil laut einem Gericht die weitere Unterbringung unverhältnismäßig wäre, kam Andre M. frei und zog wieder bei seinen Eltern in Rellingen ein. Wenig später begann in der Gemeinde eine Brandserie. Dutzende Autos gingen in Flammen auf, viele Tatorte lagen im Umfeld der Wohnung des Rellingers. Im September 2014 ertappten schließlich die Zivilpolizisten, die Andre M. wochenlang aus Nachbarwohnungen heraus beschattet hatten, ihn beim Anzünden von zwei Fahrzeugen. Er kam am 8. September erneut in Untersuchungshaft.

Letztlich konnte die Staatsanwaltschaft dem damaligen Rellinger nur ein Bruchteil der Pkw-Brandstiftungen nachweisen. Verurteilt wurde er am 10. Mai 2017 wegen drei versuchter Brandstiftungen an Fahrzeugen, sechs Sachbeschädigungen an Autos, einer falschen Verdächtigung sowie in einem Fall Vortäuschen einer Straftat zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren und elf Monaten Haft.

Sofort nach der Freilassung schrieb André M. Drohmails

Eine erneute Einweisung in die Psychiatrie stand nicht zur Debatte. Der psychiatrische Gutachter Dr. Thomas Bachmann hielt Andre M. zwar für brandgefährlich, weil er unter einer angeborenen Psychopathie leide und Züge einer Persönlichkeitsstörung aufweise. Allerdings befand der Gutachter, eine Therapie habe keine Erfolgsaussichten. Stattdessen könne dadurch die Gefährlichkeit des Angeklagten noch erhöht werden. Dieser sei „voll schuldfähig“. Auf der Basis dieses Gutachtens landete Andre M. hinter Gittern, wo er die zwei Jahre und elf Monate sowie eine frühere Reststrafe voll absaß. Im Herbst 2018 kam der heute 31-jährige frei – und bezog wiederum ein Zimmer bei seinen Eltern, die inzwischen in die Nachbargemeinde Halstenbek umgezogen waren.

Laut der jetzigen Anklage muss der Neu-Halstenbeker dann sofort mit dem Schreiben der Drohmails begonnen haben. Laut dem Oberstaatsanwalt Martin Steltner konnte Andre M. „aufgrund von Ähnlichkeiten zu früheren Vorgehensweisen ermittelt“ werden. In seinem Besitz hätten sich detaillierte Anleitungen zum Bau von Sprengvorrichtungen befunden, die aus dem Internet heruntergeladen und von dem Angeklagten teilweise ergänzt worden seien.

Die Drohmails des Halstenbekers hatten zum Teil gravierende Folgen. Im Januar 2019 räumte die Polizei Justizzentren in Potsdam und Wiesbaden, die Oberlandesgerichte in Köln, Naumburg und Schleswig sowie die Landgerichte in Magdeburg, Erfurt und Kiel. Im März wurden der Hauptbahnhof Lübeck, das Finanzamt Gelsenkirchen und das Rathaus in Flensburg evakuiert. Die Polizei suchte mit Spürhunden die Areale nach den angekündigten Sprengsätzen ab, fand allerdings nichts.

Auch die damalige Justizministerin Katarina Barley (SPD), diverse Bundestagsabgeordnete von Linken, Grünen und FDP und selbst die Schlagersängerin Helene Fischer, die sich gegen Rechtsradikalismus ausgesprochen hatte, soll Andre M. von Halstenbek aus mit Drohmails eingedeckt haben. Der 31-Jährige soll zu den Vorwürfen laut Abendblatt-Informationen schweigen. Ihm droht eine lange Haftstrafe – unter Umständen wäre auch Sicherungsverwahrung möglich.