Uetersen

Geschichten eines "Kiez-Bullen" – unter Pseudonym

| Lesedauer: 6 Minuten
Thomas Pöhlsen
Der Autor (damals 22) 1964 am Ausrüstungskai in Hamburg-Altona (heute Kreuzfahrtterminal), an dem früher die Fischdampfer ankamen

Der Autor (damals 22) 1964 am Ausrüstungskai in Hamburg-Altona (heute Kreuzfahrtterminal), an dem früher die Fischdampfer ankamen

Foto: Privat

Der Uetersener Paul Tinner hat die Erlebnisse seiner 42 Dienstjahre bei der Polizei Hamburg in einem Buch zusammengefasst.

Uetersen.  „Du musst das aufschreiben.“ Dieser Satz ist immer wieder gefallen, wenn Paul Tinner aus seiner Zeit als Polizist in Hamburg berichtete. Manches hat er erlebt in seinen 42 Dienstjahren, kann Geschichten von amüsant bis dramatisch, von schockierend bis unglaublich erzählen. Irgendwann hat er sich dann hingesetzt und handschriftlich auf DIN A4-Blättern angefangen. Als die ersten Reaktionen positiv ausfallen, ging er dazu über, am Computer zu schreiben. Bei der Arbeit kann auf ein umfangreiches Archiv zurückgegriffen werden, das er sich privat angelegt hat. Irgendwann steht fest: „Das muss als Buch veröffentlicht werden.“ So entsteht „Kiez, Koks und Kojak-Birne“, sein Weg vom Streifenpolizisten zum Drogenfahnder.

Ein Buch ist dabei herausgekommen in klarer, den Lesern packender Sprache. Literarische Ambitionen hegt er nicht, dafür wird das pralle Leben eines Polizisten und der Menschen, mit denen er zu tun hat, geschildert. Der Leser findet Zugang zu einer Welt, die ihm sonst verborgen bleiben würde.

Geboren in Uetersen und immer noch in der Region lebend, muss er sich 1960 am Anfang seiner Laufbahn an viel Neues gewöhnen. So kommen verzweifelte Ehefrauen in die Altonaer Wache, deren Männer zur See fahren und nach dem Anlegen nicht nach Hause wollen. Sie gehen in Kneipen wie die von Berni Fick und dem Schellfischposten, um die bar ausgezahlte Heuer in Bier und Schnaps umzusetzen. Die Frauen fragen sich, wie sie die Mieten zahlen, die Kinder ernähren sollen. Die Freunde und Helfer kassieren die Seeleute ein, stecken sie zur Ausnüchterung in eine Zelle, „selbstverständlich zu ihrem eigenen Schutz“, und der übrig gebliebene Rest der Lohntüte wird der Gattin übergeben.

Das „beste Einbruchsdezernat in Deutschland“

Nach den Jahren als „Greenhorn“ auf der Wache Thedestraße geht es erst zum Jugendschutz, dann zum Fahndungstrupp Altona. Als ziviler Ermittler ist er mitten drin, als Wiener Zuhälter Anfang der 1980er-Jahre versuchten, das Geschäft rund um die Reeperbahn zu übernehmen. Die Hamburger Luden wehren sich erfolgreich, also versuchen es die Wiener noch einmal auf dem Straßenstrich am Fischmarkt. Da bleibt auch die Polizei nicht außen vor. So kommt bei einer Ausweiskontrolle ein österreichischer Zuhälter auf ihn zu und droht: „Herr Inspektor, machen’s mi net an, i bin an Messerstecher.“ Daraufhin holt Tinner seine Dienstwaffe aus der Tasche des Parka, hält sie dem Mann gegen die Brust und imitiert den Dialekt des Zuhälters: „Und i bin a Schiaßer.“

Paul Tinner ist ehrgeizig, will zur Kriminalpolizei, gern zu einem Sonderdezernat. Beim „besten Einbruchsdezernat in Deutschland“ ist seine Bewerbung erfolgreich. So jagt er eineinhalb Jahre einen Einbrecher, von dem er anfangs nur die Fingerabdrücke hat. Nach und nach kann die Identität eines Chilenen gelüftet werden. Ohne Kommissar-Zufall hätte die Suche jedoch wesentlich länger gedauert. Bei der routinemäßigen Überprüfung einer Wohnung auf St. Pauli läuft ihm der Serieneinbrecher in die Arme. An Ende gehen 160 Einbrüche auf das Konto des Südamerikaners.

Die Einbrecherjagd findet ein jähes Ende, als Innensenator Alfons Pawelczyk die gesamte Dienststelle nach Korruptionsvorwürfen auflösen lässt. Es stellt sich später heraus, dass an den Vorwürfen nichts dran ist, so Tinner mit einem Anflug von Bitternis.

Es geht zur Drogenfahndung und dort ist Sisyphusarbeit angesagt. Über die Ebene der Kleindealer kommen die Beamten selten hinaus. Auf dem Spielbudenplatz und in Asylbewerberheimen werden viele Geschäfte von Schwarzafrikanern abgewickelt. „Die haben Paranoia, lassen alles stehen und liegen, wenn sie etwas meinen zu wittern“, erklärt der leidenschaftliche Kripomann. Einmal gelingt es, einen der führenden Köpfe mit mehreren Kilogramm Heroin zu schnappen. Dabei hilft ein nigerianischer Kollege, der über das BKA zur Ausbildung nach Hamburg gekommen ist. Er kann in eine von Landsleuten geführte Organisation eingeschleust werden, wird dazu mit Rolex, Goldkettchen und schicken Anzügen ausgestattet.

Tinner lässt sich nicht davon frustrieren, dass wenn ein Dealer geschnappt wird, gleich ein anderer dessen Arbeit übernimmt. Oder der Strom der Drogen trotz Beschlagnahmen nie abreißt. Hamburg war und ist für ihn der Drogenumschlagplatz Nummer eins in Nordeuropa. „Das liegt am Hafen, über den die Ware reinkommt.“

Im Laufe seiner Dienstzeit hat er viel Leid erleben müssen

Im Laufe seiner Dienstzeit hat er viel Leid erleben müssen. Beim Jugendschutz sind es die jungen Mädchen, die von Zuhause oder aus Heimen abgehauen sind. Auf dem Kiez geraten sie in die Fänge der Zuhälter und werden zur Prostitution gezwungen. Elendig leben und sterben die Heroinabhängigen. Falls wieder ein Drogentoter gefunden wird, ist auch immer ein Beamter des Rauschgiftdezernats dabei. Wenn er danach wieder einem Dealer gegenüber steht, hat er sich zurückhalten müssen.

Während der Arbeit sind viele Freundschaften geschlossen worden, die er auch jetzt im Ruhestand noch pflegt. Besonders gefreut hat ihn eine Nachricht, die er vor kurzem von einem Carabinieri aus Südtirol bekommen hat. Der hatte sich das Buch besorgt und mit Begeisterung gelesen.

Das Buch hat er unter Pseudonym geschrieben und in der Zeitung möchte er seinen wahren Namen auch nicht wiederfinden. Es gibt immer noch Menschen, die er eingebuchtet hat, und bei denen es möglich ist, dass sie ihm Böses wollen, sagt der heute 78-Jährige.

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