Pinneberg
Kreis Pinneberg

Neue Vorwürfe gegen Stadtwerke-Chef in Pinneberg

Sven Hanson, seit 2016 Geschäftsführer der Pinneberger Stadtwerke, steht seit Wochen in der Kritik von Verdi und Teilen der Belegschaft.

Sven Hanson, seit 2016 Geschäftsführer der Pinneberger Stadtwerke, steht seit Wochen in der Kritik von Verdi und Teilen der Belegschaft.

Foto: HA

Brief von Mitarbeitern geht hart mit Geschäftsführer Sven Hanson ins Gericht. Gewerkschaft sieht Befürchtungen bestätigt.

Pinneberg. Die Pinneberger Stadtwerke kommen nicht zur Ruhe, beim städtischen Energieversorger rumort es weiter. Ein neues Schreiben aus der Belegschaft wirft dem Geschäftsführer Sven Hanson wiederholt Versagen in der Leitung des Unternehmens vor, der Aufsichtsrat müsse endlich handeln. Doch auch in diesem Gremium sind in kurzer Folge zwei Mitglieder zurückgetreten. Zudem kritisiert ein ehemaliger Untergebener Hansons aus seiner Zeit als Geschäftsführer der Stadtwerke Norderney seinen Ex-Chef hart.

Die neuen Vorwürfe reihen sich nahtlos in die kritische Vorgeschichte ein. Denn nachdem bereits die Gewerkschaft Verdi den Stadtwerke-Geschäftsführer mit Vorwürfen zu seinem rigiden Führungsstil und dem angeblich schikanierenden Verhalten gegenüber dem Betriebsrat schwer belastet hat, geht die öffentliche Schlammschlacht weiter.

Stimmung wie auf einem „sinkenden Schiff“

Nachdem bereits zuvor ein laut Verdi wenig glaubhaftes Schreiben aus der Belegschaft die Solidarität mit dem Chef beschwor, tauchte nun ein neuer Brandbrief der Mitarbeiter auf. In dem Schreiben, das dem Abendblatt vorliegt, heißt es unter anderem, die Stimmung bei den Stadtwerke-Mitarbeitern sei wie auf einem „sinkenden Schiff“ – „rette sich, wer kann.“ Der anonyme Autor, dessen Beschreibung vom Stadtwerke-Betriebsrat als authentisch eingeschätzt wird, arbeite „seit langer Zeit“ im Unternehmen, und zwar „richtig gern“. Doch dann, so heißt es in dem Brief, „kam er...“

Mit „er“ ist Geschäftsführer Sven Hanson gemeint, seit 2016 Chef. Ihm wird in dem Brief die Personalflucht in der Führungsriege der Stadtwerke angelastet. Denn seit Hanson das Ruder übernommen habe, seien sowohl die Stellen des technischen Leiters und seines Stellvertreters als auch die des kaufmännischen Leiters nach ihrem Ausscheiden über Monate hinweg unbesetzt geblieben.

Leitende Funktionen lange unbesetzt

Auch der Leiter der Netzdokumentation sei wegen Hanson nicht mehr im Unternehmen. Der neue technische Leiter, so heißt es aus der Belegschaft, habe frisch gekündigt. Zuvor habe er sich schon – angeblich wegen Querelen mit Hanson – „arbeitsunfähig“ gemeldet.

Laut dem Mitarbeiterbrief gehe diese Arbeitnehmerflucht auf das Konto des Geschäftsführers. Zum Beweis hängt dem Schreiben ein Foto des internen Stellenmarktes an – mit vielen Gesuchen am Schwarzen Brett. Laut den anonymen Verfassern begründe Hanson die Weggänge allerdings damit, dass sich „Highperformer“ bessere Unternehmen suchten, während die „Lowperformer“ bei den Stadtwerken blieben.

Arbeitszeitmodell ruft Kritik hervor

In dem Schreiben wird wiederholt das neue, unter Hanson eingeführte feste Arbeitszeitmodell mit Zeiterfassung kritisiert. Wie berichtet, hatte Hanson die bisher geltende Gleitzeitregelung gekippt, der Betriebsrat akzeptierte seinen neuen Vorschlag nicht – deshalb gibt es jetzt starre Arbeitszeiten, die, so heißt es in dem Brief weiter, viele Mitarbeiter vor Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie stellen würden.

Auch wird dem Geschäftsführer vorgeworfen, einen schwerbehinderten Mitarbeiter schikaniert zu haben, indem er ihn nicht mehr auf dem Betriebsgelände parken ließ. Hanson erwidert auf Abendblatt-Anfrage, „die vorübergehende Untersagung des Befahrens des Betriebsgeländes ist aufgrund einer Feststellung zur Fahrtauglichkeit unseres Betriebsarztes ausgesprochen worden und hatte ausschließlich fürsorgliche Gründe.“

Zwei Aufsichtsratmitglieder treten zurück

Angeprangert wird in dem Schreiben aber auch, dass Hanson Abläufe geändert habe, die vorher funktioniert hätten, er habe teure Berater bestellt, schiebe Projekte an, die nur halb fertig würden. Am Ende wird der Ruf nach einem Handeln des Aufsichtsrates inklusive der Bürgermeisterin Urte Steinberg laut.

Dieses neunköpfige Aufsichtsgremium hat allerdings gerade mit sich selbst zu tun. Sowohl der Vorsitzende Dietrich Drechsler (CDU) als auch sein Stellvertreter Herbert Hoffmann (SPD) haben ihre Posten niedergelegt. Beide Vorgänge hätten aber nichts mit Hanson zu tun, sagt Dietrich Drechsler auf Anfrage. Während Drechsler nach 16 Jahren nicht mehr das Gefühl gehabt habe, das Vertrauen der Ratsversammlung zu genießen („Da wurde eine rote Linie überschritten“), hatte sein Stellvertreter Hoffmann erklärt, er trete aus gesundheitlichen Gründen zurück.

Gremium spricht sich wohl für Verbleib von Hanson aus

Darüber hinaus wolle der Aufsichtsrat die Vorgänge um Sven Hanson nicht kommentieren. Nach Abendblatt-Informationen stärkt das Gremium dem Geschäftsführer trotz der Querelen aber eher den Rücken. Bevor sich am Mittwoch der Hauptausschuss in nichtöffentlicher Sitzung mit der Vertragsverlängerung des Stadtwerke-Chefs befasst, sollen die verbliebenen sieben Mitglieder einen Verbleib Hansons mit knapper Mehrheit befürwortet haben.

Fast zeitgleich zur neu aufflammenden Kritik der Pinneberger Stadtwerke-Belegschaft melden sich auch ehemalige Mitarbeiter von Sven Hanson in einem Brief an die Gewerkschaft zu Wort. Ein Angestellter der Stadtwerke Norderney, bei denen Hanson zuvor als Geschäftsführer wirkte, schreibt: „Eigentlich war zu erwarten, dass Herr Hanson bei den Stadtwerken Pinneberg nach gleichem Strickmuster verfährt.“

Ehemalige Mitarbeiter sehen gleiches Muster

Im ersten Jahr schaue er „nach Anerkennung und Bewunderung unter seinen Mitarbeitern“. Danach bilde er „eine kleine privilegierte Fangruppe“. Im Umkehrschluss, heißt es weiter, suche er „nach ungeblendeten Mitarbeitern, die er nach Schonfrist zur Strecke bringen will“. Bei Widerspruch falle für den Arbeitnehmer das „Todesurteil – mit Abmahnungen, Drohungen und Mobbing bis in den privatesten Bereich“. Mit ähnlichen Vorwürfen hatte sich Verdi an die Öffentlichkeit gewandt.

In dem Brief von Hansons alter Wirkungsstätte heißt es außerdem: „Absurde, unpraktikabele, widersprüchliche und oft nicht umsetzbare Dienstanweisungen werden per E-Mail versandt. Unverständliches Kopfschütteln bei Mitarbeitern führt einige konsequent zum Burn out.“ Bedenklicherweise, schreibt der Norderneyer Mitarbeiter weiter, „geht es bei seiner Personalführung nicht um Rentabilitätsverbesserung“.

Hanson sagt, das seien „zahlreiche Falschdarstellungen“

Hanson selbst wollte auf Abendblatt-Anfrage zu den Polemiken keine Stellung nehmen. „Angesichts des unsachlichen Tons und der zahlreichen darin enthaltenen Falschdarstellungen, will ich nur in gebotener Kürze antworten.“ Demnach sagte er zum Vorwurf der Mitarbeiterflucht: „Aktuell sind drei offene Stellen und acht Ausbildungsplätze ab dem 1. August 2020 am schwarzen Brett“. Das sei weder hohe Fluktuation noch ein volles Schwarzes Brett. Überdies hänge „die Dauer von Einstellungen bei mitbestimmten Unternehmen immer auch von der Mitwirkung des Betriebsrates ab“, so Hanson. Die unbesetzten Leitungsfunktionen nehme er folglich nicht allein auf seine Kappe.

Verdi-Gewerkschaftssekretär Andreas Riedl sieht in den beiden Brandbriefen die Befürchtungen der Gewerkschaft bestätigt, „dass Herr Hanson in den Unternehmen, denen er vorsteht, stets nach dem gleichen Muster verfährt, beratungsresistent und nicht kritikfähig ist“. Mit dieser Anlage könne man kein Unternehmen führen. „Erst recht kein mitbestimmtes Unternehmen“, sagt Riedl, „denn dazu wird Demokratiefähigkeit, Selbstreflexionsfähigkeit und die Fähigkeit benötigt, stets den Interessenausgleich zu suchen und zu finden.“

Insofern beobachte Verdi mit Sorge, „dass einer schwachen Führungsperson die Geschicke der Stadtwerke in die Hand gelegt wurden, die, wie einst Kapitän John Edward Smith die Titanic trotz diverser Eiswarnungen mit voller Fahrt voraus den Nordatlantik durchpflügen ließ, nun den Stadtwerkedampfer in Richtung Eisberg rauschen lässt“.