Pinneberg
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Verdi erhebt schwere Vorwürfe gegen Stadtwerke-Chef

„Unter der neuen Führung regiert die ANgst, und es werden Abmahnungen wie Knöllchen verteilt“, sagt Andreas Riedl von der Gewerkschaft Ver.di.

„Unter der neuen Führung regiert die ANgst, und es werden Abmahnungen wie Knöllchen verteilt“, sagt Andreas Riedl von der Gewerkschaft Ver.di.

Foto: HA / Sarah Stolten

Gewerkschaft Verdi: Sven Hanson wolle in Pinneberg den Betriebsrat mundtot machen – mit Gehaltskürzung und Kündigung.

Pinneberg.  Der Chef der Pinneberger Stadtwerke, Sven Hanson, pflegt offenbar einen Führungsstil, der intern zu schweren Verwerfungen geführt hat. Menschen, die mit ihm zusammenarbeiten, bezeichnen ihn als knallhart. Mittlerweile hätten die Verwerfungen bereits das Arbeitsgericht in Elmshorn beschäftigt, sagt Andreas Riedl von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Hanson gehe nämlich massiv gegen Arbeitnehmervertreter vor. Einem von ihnen sei quasi gekündigt und dem Chef des Betriebsrates das Gehalt um 1500 Euro netto monatlich gekürzt worden, weitere Kürzungen für die kommenden Monate seien ihm bereits angekündigt worden, sagt Andreas Riedl weiter.

Nach Abendblatt-Recherche ist das Gehalt des Betriebsratschefs tatsächlich gekürzt worden, weil er wegen umfangreicher Betriebsratstätigkeit seine sonstige Arbeit nicht mehr im gewohnten Umfang erledigen konnte. Das habe er, formal korrekt, in Form von Stichworten in einer Nachweisliste festgehalten und seinen Chef Hanson auch deutlich darauf hingewiesen.

Bei den betriebsinternen Verhandlungen, bei denen er anwesend sein musste, habe es sich um Einstellungs- und Kündigungsverfahren und eine Betriebsvereinbarung über ein Arbeitszeitmodell gehandelt.

"Arbeitnehmervertretung soll mundtot gemacht werden"

Der Betriebsratschef ist im Unternehmen bekannt für einen ruhigen, sachlichen Verhandlungsstil. Die Gewerkschaft Verdi habe inzwischen die Stadtwerke aufgefordert, ihm das volle Gehalt zu zahlen, sagt Andreas Riedl. Sollte darauf nicht eingegangen werden, würden die Gehaltszahlungen rückwirkend vor dem Arbeitsgericht eingeklagt.

Ein weiteres Mitglied des Betriebsrates und des Aufsichtsrates befindet sich, wie Andreas Riedl sagt, in einem Kündigungsprozess. Damit und mit der Gehaltskürzung bei dem Betriebsratsvorsitzenden habe Hanson „eindeutig eine rote Linie überschritten“, heißt es in einem Schreiben der Gewerkschaft. „Wir erkennen hier einen klaren Fall von Union Busting: Das heißt, die Arbeitnehmervertretung soll mit Repressionen mundtot gemacht werden, denn sie ist der letzte Schutzwall für die Belegschaft.“ Die Stadtwerke haben rund 100 Mitarbeiter. Mittlerweile, das ist aus der Belegschaft zu hören, sehen sich einige Mitarbeiter nach neuen Jobs um.

Stadtwerke-Geschäftsführer Hanson sieht das anders. Er hat auf die Vorwürfe hin eine Pressemitteilung verschickt. Titel: „Verdi verbreitet falsche Informationen“. Es seien weder willkürliche Kürzungen des Gehalts des Betriebsratsvorsitzenden vorgenommen worden, noch gebe es eine Kündigung gegen ein Betriebsratsmitglied. Letzteres bestätigt auch Riedl, denn der Betriebsrat habe der Kündigung nicht zugestimmt, weshalb sich jetzt das Arbeitsgericht damit beschäftige.

Indessen beschreibt Hanson einen aktuellen Umstrukturierungsprozess, „der mit einem Kulturwandel im Unternehmen verbunden ist“. Die erste Führungseben sei vollständig mit erfahrenen Führungskräften besetzt und verstärkt worden. Hanson: „Die Arbeitnehmervertretung ist in diesen Umstrukturierungsprozess eng und vollständig mit eingebunden.“ Zwischen Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretung finde ein offener und regelmäßiger Austausch statt: „Das unterstreicht den durchgängigen kooperativen Führungsstil in unserem Unternehmen, und an diesem Geist der Kooperation hat sich durch die Umstrukturierung nichts geändert“, schreibt der Geschäftsführer weiter.

Belegschaft hat massive Probleme mit Führungsstil

Verdi-Mann Andreas Riedl bezeichnet die Reaktionen Hansons als „Schönfärberei im typischen Managersprech“. Der Stadtwerke-Betriebsrat hat seiner Beobachtung nach einen hohen Rückhalt in der Belegschaft: „Ich bin in regelmäßigen Abständen bei den Betriebsversammlungen anwesend. Die Atmosphäre dort wird kontinuierlich schlechter“, so Riedl. Mit dem Rechtsanwalt des Betriebsrates sei er sogar wöchentlich im Austausch.

Bis zum Sommer 2016 lag die Leitung der Stadtwerke bei Henning Fuchs, der 28 Jahre an deren Spitze gestanden hatte. In seine Zeit fällt die Zusammenlegung aller Abteilungen in einem Gebäude am Hafen, er baute 45 Prozent Personal ab, ohne jemanden zu kündigen, nannte das „Betriebsoptimierung“.

Mit dem Führungsstil seines Nachfolgers Hanson hat ein Teil der Belegschaft jetzt offenbar massive Probleme, so Andreas Riedl. „Auf der ersten Führungsebene haben sich vier wichtige Führungskräfte aus dem Staub gemacht“, berichtet er. Nach Abendblatt-Informationen sind es Schlüsselstellen für Kaufmännisches, Technik, Bäder und Vertrieb gewesen. Auf der zweiten Führungsebene sei Ähnliches passiert, da hätten zwei Mitarbeiter gekündigt, so Riedl. Er meint: „Unter der neuen Führung regiert die Angst und es werden Abmahnungen wie Knöllchen verteilt.“ Allein neun Abmahnungen gingen nach Abendblatt-Informationen an die sieben Betriebsräte.

Folge der Abgänge: „Arbeit wird durchgereicht, und das führt logischerweise zu Überlastung der übrigen Arbeitnehmer. Die haben gegenüber ihrem Arbeitgeber Überlastungsanzeigen gestellt, wozu sie zum eigenen Schutz verpflichtet sind“, sagt Riedl. Vier solcher Überlastungsanzeigen liegen laut Riedl derzeit vor, Sven Hanson bestätigt zwei und schreibt dazu: „Das ist bei einem Personalstamm von rund 100 Mitarbeitern verglichen mit anderen Stadtwerken wenig.“ Bürgermeisterin Urte Steinberg hält sich komplett heraus, zu internen Personalangelegenheiten der Stadtwerke könne sie keine Stellung beziehen.

Um das im Kündigungsprozess befindliche Betriebsrats- und Aufsichtsratsmitglied auch wirklich loswerden zu können (denn der Betriebsrat hatte der Kündigung ja nicht zugestimmt), sei Hanson vor Gericht gezogen und habe ein sogenanntes Zustimmungsersetzungsverfahren beantragt, sagt Riedl. Das sei Voraussetzung dafür, auch ohne Zustimmung des Arbeitnehmergremiums Mitarbeiter zu kündigen. Ein Gütetermin beim Elmshorner Arbeitsgericht sei ohne gütliche Einigung verstrichen. Der neue Kammertermin sei jetzt auf den 27. Februar festgesetzt.