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Kreis Pinneberg

Mäuselöcher im Elbdeich gefährden Mensch und Tier

Hans-Günter Wolff weist auf die Löcher und Gräben, die Wühlmäuse im Elbdeich bei Hetlingen geschaffen haben. Es müsse schnell und umfangreich gehandelt werden, fordert er.

Hans-Günter Wolff weist auf die Löcher und Gräben, die Wühlmäuse im Elbdeich bei Hetlingen geschaffen haben. Es müsse schnell und umfangreich gehandelt werden, fordert er.

Foto: Thomas Pöhlsen

Bürger sorgen sich um ihre Sicherheit in der Haseldorfer Marsch. Behörden tun das Problem zunächst ab. Wie sie schließlich handeln.

Hetlingen.  Silvia Kleinwort und Jens Körner sind gebürtige Hetlinger. Sie haben erleben müssen, dass 1976 der Elbdeich am Holmer Berg brach und das Wasser die Haseldorfer Marsch überflutete. Die Bundeswehr flog damals mit Hubschraubern Hetlinger aus, weil die Straße nach Holm nicht mehr passierbar war. Mehr als 2000 Nutztiere ertranken in den Wassermassen oder verendeten als Folge der Überflutungen. Viele Marschbewohner empfanden es damals als ein großes Wunder, dass keine Menschenleben zu beklagen waren.

Warnung: "Wir haben ein Mäusejahr"

„Der Deich ist unsere Lebensversicherung.“ Das steht für Jens Körner und Silvia Kleinwort fest. Dritter bei einem Vor-Ort-Termin am Deich ist Hans-Günter Wolff, der regelmäßig am Deich spazieren geht. Sie sind äußerst beunruhigt über den Zustand des Deiches, der einen alles andere als wehrhaften Eindruck macht.

Reichlich Mäuselöcher sind zu finden, die wiederum mit Gräben verbunden sind, die die Nager gezogen haben. „Wir haben ein Mäusejahr“, erklärt Körner. Wenn er mit seinem Hund am Deich spazieren geht, bekommt er immer wieder gefangene Tiere vor die Füße gelegt. Das gab es in den vergangenen Jahren nicht.

Bürger üben Kritik und fordern Maßnahmen

Daneben gab es zahlreiche Maulwurfshügel, die vor Kurzem abgetragen wurden. Und es sind tiefe Löcher zu sehen, die vermutlich Hunde auf der Suche nach vierbeiniger Beute in den Deich gebuddelt haben. „Hier besteht Handlungsbedarf“, steht für Hans-Günter Wolff fest. Er hat per E-Mail einen Brandbrief an den für die Sicherheit des Landesdeiches zuständigen Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) Schleswig-Holstein geschrieben und noch ein paar Beweisfotos mitgeschickt. Kritik am Zustand des Deiches übten auch Silvia Kleinwort und ihr Mann Hinnerk in einem Brief an die Behörde.

Jens Körner und und sein Sohn Julius wählten in ihrer Funktion als Gemeindevertreter den politischen Weg. Auf ihre Initiative hin wurde im November im Sport-, Kultur- und Umweltausschuss beschlossen, einen Alarmruf an die Behörde abzusetzen. Darin forderte die Politik den Landesbetrieb zur umgehenden Beseitigung der Missstände auf. „Wir wollen wissen, wie und wann der Landesbetrieb tätig wird und wie er auf Ausnahmesituationen wie die derzeitige reagiert“, sagt Julius Körner.

Lapidare Antwort der Behörden verärgert

Und die Behörde? Hetlingens Bürgermeister Michael Rahn (Freie Wahlgemeinschaft) hat den Beschluss zum Anlass genommen, während einer Gremiensitzung mit Vertretern übergeordneter Behörden nachzufragen. Er bekam die lapidare Auskunft, dass die nächste Sturmflut das Problem schon lösen werde. Das Elbwasser laufe in die Mäuselöcher, die Tiere ertrünken.

„Das ist zu wenig“ kritisiert Rahn, „es muss etwas passieren.“ Schließlich durchlöcherten nicht nur die Mäuse den Deich, sondern es seien auch Bisams und Ratten anzutreffen, und Hunde buddelten ihre Löcher. Außerdem weise auch die zweite Deichlinie umfangreiche Schäden auf.

Ähnliche Mäuseplage vor vier Jahren

Bereits vor ungefähr vier Jahren, damals saß Jens Körner noch dem gemeindlichen Sport-, Kultur- und Umweltausschuss vor, hatte es eine ähnliche Mäuseplage gegeben, berichtet er. Damals hatte es mit LKN-Vertretern einen Vor-Ort-Termin gegeben, und die Behördenvertreter sicherten umfangreiche Schädlingsbekämpfung zu. „Hier geht es um Katastrophenschutz. Da muss doch der Natur- und Tierschutz hintanstehen“, sagt Körner.

Erneuter Klagebrief – nun vom Bürgermeister

Bürgermeister Rahn wies in einer E-Mail an das LKN noch einmal auf das Problem hin. Und nun scheint die Behörde die Nöte der Hetlinger anzuerkennen. Doch den Vorwurf der Untätigkeit will sich Siegfried Bornholdt, bei der Landesbehörde im Geschäftsbereich Küstenschutz und Häfen für Neubau, Instandhaltung und Betrieb an der Unterelbe zuständig, nicht machen lassen.

Auf Abendblatt-Anfrage verweist er darauf, dass die Behörde bereits mit Giftweizen, der mithilfe von Legeflinten in die Löcher eingeführt wird, die Mäuse bekämpfe. Diese Aktionen sollen fortgesetzt werden. Die Auskunft, die dem Bürgermeister anfangs gegeben worden ist, kann er nicht nachvollziehen.

Wie der Mäuse-Boom zu erklären ist

Zwei warme Sommer und ein milder Winter haben zu einer Explosion der Mäusepopulation geführt, sagt Bornholdt. Eine Katastrophe ist der Ungezieferbefall in seinen Augen allerdings nicht. Wühlmäuse graben bis zu einer Tiefe von 20 Zentimetern, die Kleischicht auf dem Deich misst 1,20 Meter.

Zudem weist er auf sogenannte Julen hin, die auf der Landseite der Deiche aufgebaut werden sollen. Dies sind Holzmasten mit Querbalken, auf denen sich Greifvögel niederlassen und nach vierbeiniger Beute Ausschau halten können. „Das ist unsere Luftabwehr“, sagt Bornholdt. In der Haseldorfer Marsch gibt es zwar seit mehreren Jahrzehnten Julen. Doch es sollen wesentlich mehr werden, sodass alle 50 Meter ein Greifvogel einen Ausguck beziehen kann.