Pinneberg
Berlin/Halstenbek

Wie meine Mama den Bundespräsidenten traf

Gloria Boateng (l.) aus Halstenbek mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, dessen Frau Elke Büdenbender und ihrer 19-jährigen Tochter Saraphina, die zurzeit als Hospitantin in der Abendblatt-Redaktion in Pinneberg arbeitet.

Gloria Boateng (l.) aus Halstenbek mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, dessen Frau Elke Büdenbender und ihrer 19-jährigen Tochter Saraphina, die zurzeit als Hospitantin in der Abendblatt-Redaktion in Pinneberg arbeitet.

Foto: Gloria Boateng / DoroNowa

Lehrerin Gloria Boateng aus Halstenbek bekommt Bundesverdienstkreuz von Frank-Walter Steinmeier. Beobachtungen ihrer Tochter.

Berlin/Halstenbek.  24 Ordensträger. Und mittendrin strahlt Gloria Boateng aus Halstenbek. Die bunten Farben ihres Kleides sind so typisch für sie. Sie repräsentieren ihre frohnatürliche Einstellung. Ihr aufregendes Leben. Und ihre Herkunft. Nun trifft meine Mama den Bundespräsidenten!

Für ihre außerordentliche Leistung erhält die 40 Jahre alte Ghanaerin mit 23 anderen im Bildungsbereich Engagierten die höchste Auszeichnung des Staates – das Bundesverdienstkreuz. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt: „Jeder Einzelne der Ordensträger trägt etwas zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei.“ Bildung sei nicht nur wichtig, sondern wegweisend. „Grundlegend für unsere Gesellschaft und die Zukunft unseres Landes. Grundlage unserer Demokratie.“ Steinmeiers Händedruck ist kurz und fest. Später wird der Bundespräsident die Programmhefte all seiner Besucher signieren.

Bildung ist ein Geschenk

Gloria Boateng ist stolz, diese Auszeichnung entgegenzunehmen. „Es ist eine Ehre und Anerkennung für all die Arbeit, die wir geleistet haben, den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen zu bekommen“, sagt sie stellvertretend für alle Ordensträger in ihrer Dankesrede. Seit 30 Jahren lebt die gebürtige Ghanaerin in Deutschland. Und seit ich denken kann, kämpft sie für ein „besseres“ Deutschland. Selbst ist sie mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen und in ständig wechselnden und schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Sie weiß aus eigener Erfahrung, was Bildung für ein Geschenk ist und was sich mit ihr alles erreichen lässt.

Neben ihrem Beruf als Deutsch- und Techniklehrerin an einer Hamburger Stadtteilschule gründet sie im Jahr 2008 den Verein SchlauFox. Er unterstützt Kinder und Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen auf ihrem Bildungsweg; viele von ihnen kommen aus einem anderen Land. Die Helfer des Vereins unterstützen bei der Schulbildung, vermitteln Hamburger Kultur oder kochen mit den Schützlingen. Und das sind nur einige Beispiele.

„Wer gehen will, kann gehen. Ich bleibe!“

Für diese Arbeit trägt SchlauFox bereits viele Auszeichnungen. Unter ihnen ist zum Beispiel die „Hamburger Tulpe“, die seit dem Jahr 1999 von der Körber-Stiftung verliehen wird. Anlass sind Projekte, in denen jungen Hamburgern mit und ohne Migrationsgeschichte geholfen wird.

Ich bin ziemlich aufgeregt während unseres Besuchs beim Bundespräsidenten. Meine Mama überhaupt nicht. Dafür hat sie schon zu viel erlebt. Und was Ehrungen angeht, kann sie auf einen gewissen Erfahrungsschatz zurückblicken. So hat sie im Jahr 2016 die „Goldene Bild der Frau“ erhalten oder 2011 die Integrationsmedaille, verliehen von der Bundestagsabgeordneten Aydan Özuguz. Und jetzt das Bundesverdienstkreuz. Frank-Walter Steinmeier aus nächster Nähe ist ein außerordentlich sympathischer Mensch, der an diesem Tag sehr fröhlich wirkt.

Verein wuchs auf mehr als 180 Ehrenamtliche

„Wie du in den Wald hinein rufst, so schallt es auch wieder heraus“: Dieses schöne Sprichwort – ihr Lebensmotto – hat mir meine Mutter bei jeder Gelegenheit mit auf meinen Weg gegeben, und sie tut es heute noch. Und auch dieses: „Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen deine Schatten hinter dich.“ So handelt sie auch selbst, sei es als Lehrerin, sei es im Verein. Der ist schnell gewachsen. Acht festangestellte Mitarbeiter wirken dort heute mit. Und mehr als 180 Ehrenamtliche.

Nun steht meine Mutter im Schloss Bellevue und sagt stellvertretend für und an alle Ehrenamtlichen: „Engagement braucht eine gute Grundlage, eine friedliche, demokratische Gesellschaft.“ Das Bundesverdienstkreuz nehme einen in die Pflicht, „den Weg, den wir bisher gegangen sind, weiterzugehen“. Und: „Durch unsere Sprachen, Mentalitäten, Kulturen und – ja – sogar Lebensmittel schaffen wir Deutschlands Diversität. Ich bin Deutschland. Wir alle sind Deutschland.“ Jetzt klingt sie sehr bestimmt. „Deutschlands Gegenwart und Zukunft hat ein Gesicht: Diversität. Ich gehöre dazu, wir alle gehören dazu. Wer dagegen ankämpft, führt einen Kampf, der nicht zu gewinne ist. Wer gehen will, kann gehen. Ich bleibe!“

Meine Mutter hat auch ein Geschenk für den Bundespräsidenten mit nach Berlin gebracht: ihre Autobiografie mit dem Titel „Mein steiniger Weg zum Erfolg. Wie Lernen hilft, Hürden zu überwinden, und warum Aufgeben keine Lösung ist“, heißt sie. Gerade ist die Neuauflage erschienen. „Vielleicht haben Sie ja mal Zeit, das Buch zu lesen“, sagt sie an den Bundespräsidenten gerichtet und lacht.