Pinneberg
Schleswig-Holstein

Insolvenz statt Rettung für Uetersener Firma

Da präsentierte er sich als großer Retter; Sven Rother in der großen Produktionshalle der Uetersener Maschinenfabrik, die er kurz zuvor übernommen hatte.

Da präsentierte er sich als großer Retter; Sven Rother in der großen Produktionshalle der Uetersener Maschinenfabrik, die er kurz zuvor übernommen hatte.

Foto: Burkhard Fuchs

Uetersener Zerspanungstechnik und Vorrichtungsbau ist Geschichte. Eigentümer Sven Rother räumt Büros und Produktion leer.

Uetersen.  Nun ist auch die Uetersener Zerspanungstechnik und Vorrichtungsbau (UZV) GmbH Geschichte. Das Unternehmen ist zahlungsunfähig. Ob der Betrieb wieder anlaufen kann, muss der vom Gericht bestellte Insolvenzverwalter Klaus Pannen klären. „Ich prüfe jetzt, ob noch Anlagevermögen vorhanden ist und wie die Auftragslage aussieht“, sagte er am Dienstag auf Abendblatt-Nachfrage nach einem ersten Gespräch mit Gewerkschaft und Betriebsrat. Zurzeit sind alle Mitarbeiter krankgeschrieben.

Am Montag hat Sven Rother, der Inhaber und Geschäftsführer jener Firma, die er erst im März dieses Jahres aus der insolventen Uetersener Maschinenfabrik herausgekauft hatte, beim Amtsgericht Pinneberg erneut Insolvenz angemeldet.
Nach Angaben des Betriebsrates und der IG Metall soll er am Wochenende sämtliche beweglichen Teile aus den Werkzeugschränken mitgenommen und auch die Computer abgebaut und abtransportiert haben. „Selbst wenn wir arbeiten wollten, können wir jetzt nicht mehr arbeiten“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Kay Alexander Garbers im Namen der 28 Beschäftigten, die seit mehr als zwei Monaten kein Gehalt mehr bekommen hätten.

Damit hat sich die Situation bei der UZV innerhalb weniger Tage weiter zugespitzt. Wie berichtet, hat die Gewerkschaft erst vor einer Woche nach einer Mitgliederversammlung Klage eingereicht, um die ausstehenden Gehälter bei Rother einzufordern. Der hat unter dem Dach der Rother Beteiligungsgesellschaft mbH in Kaltenkirchen ein halbes Dutzend Firmen mit etwa 120 Mitarbeitern in ganz Schleswig-Holstein aufgekauft, die in Zahlungsschwierigkeiten geraten waren. So auch die Fertigung der früheren Uetersener Maschinenfabrik Hatlapa , die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert hätte. 2013 hatte der finnische MacGregor-Konzern den gesamten Schiffszuliefererbetrieb Hatlapa übernommen, der vor zehn Jahren noch etwa 450 Mitarbeiter beschäftigt hatte. Ende Februar dieses Jahres meldete MacGregor die Fertigung insolvent, die sie zuvor aus dem Hatlapa-Bereich mit Entwicklung, Vertrieb und Marketing ausgelagert hatte.

Im Mai versprach Rother, Tarifgehälter zu zahlen

Die noch etwa 90 Maschinenschlosser standen plötzlich auf der Straße, bis auf einmal der Maschinenbauingenieur Rother als Retter auftauchte und zumindest 30 Ex-Hatlapa-MacGregor-Mitarbeitern eine neue berufliche Perspektive zu geben schien.

Alle Mitarbeiter würden tariflich bezahlt, betonte Rother noch im Mai gegenüber dem Abendblatt und pries die tolle Mannschaft, die das künftige Aushängeschild seiner Gruppe sein würde. Auch wenn die Mitarbeiter sich bereit erklärten, zwei Jahre lang 38,5 statt der tariflich geregelten 35 Stunden pro Woche ohne Lohnausgleich zu arbeiten, um der Firma in der Anfangszeit bessere Marktchancen zu geben, hatten Belegschaft und Gewerkschaft „ein gutes Gefühl“, wie IG-Metall-Sekretär Kai Trulsson damals dem Abendblatt sagte.

Alles verflogen. Rother zeigte sich vorige Woche im Abendblatt-Gespräch enttäuscht von der Uetersener Belegschaft, die nicht so anpacken würde, wie er sich das vorgestellt habe, versprach aber, die ausstehenden Löhne von rund 200.000 Euro zu bezahlen. Allerdings müsste die IG Metall ihm mit weiteren Gehaltseinbußen entgegenkommen.

Die IG Metall reichte eine Klage ein

Im September habe Rother von Abstrichen von bis zu zwei Entgeltgruppen gesprochen, sagte dazu IG-Metall-Sekretär Trulsson. Doch darauf wollte sich die Gewerkschaft erst dann einlassen, wenn er zuvor die ausstehenden Gehälter zahlte, was bis zur letzten Woche eben nicht der Fall war, sodass die IG Metall Klage einreichte.

Nun hat Rother selbst Insolvenz angemeldet und ist damit der Gewerkschaft zuvorgekommen, die auf der Mitgliederversammlung vorige Woche darüber beraten hatte, dies aus Sicherheitsgründen selbst zu tun, damit die Kollegen zumindest drei Monate weiter ihren Lohn bekämen. Das gilt nun für sie von dem Zeitpunkt an, an dem das offizielle Insolvenzverfahren eröffnet wird, was voraussichtlich im November geschehen werde, so Klaus Pannen. Er habe gut 30 Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet, sagt der Elmshorner Anwalt. Rother habe ihm zugesichert, im Laufe der Woche die Auftragsbücher vorzulegen. Zudem werde er jetzt prüfen, ob und welche Maschinen und Geräte noch da seien, die zum Betriebsvermögen gehören, erklärt Pannen.

Betriebsratsvorsitzender Garbers ist schwer enttäuscht von Rother. „Ich habe zuletzt Ende August mit ihm gesprochen. Seitdem herrscht Funkstille.“ IG-Metall-Mann Trulsson wundert sich über das Vorgehen. „Das ist schon ein komisches, nicht seriöses Geschäftsgebaren, das ich so noch nicht erlebt habe.“ Eigentlich hätte Rother erst Insolvenz anmelden melden müssen, bevor er die Gehälter nicht zahlt, und nicht umgekehrt. Und dass er das gesamte Inventar abtransportiert habe, komme einer Betriebsstilllegung gleich.

Bürgermeisterin ist vom Investor „schwer enttäuscht“

Rother war telefonisch am Dienstag nicht zu erreichen, um die sich zuspitzende Entwicklung bei der UZV zu kommentieren.

Uetersens Bürgermeisterin Andrea Hansen ist ebenso wie die Belegschaft schwer enttäuscht von diesem neuerlichen Scheitern der Uetersener Maschinenfabrik. Noch im Mai war sie nach einem Firmenbesuch mit Politikern aller Fraktion bei der UZV vom Investor Sven Rother überzeugt. Jetzt sagt sie: „Die ganze Stadt hat seit Jahren mit der Hatlapa-Belegschaft gelitten und gehofft. Die Krise im Maschinenbau hat nichts einfacher gemacht. Aber wer Arbeitnehmer beschäftigt, muss ihnen auch den Lohn für ihre Arbeit zahlen. Denn die Miete setzt ihnen ja auch niemand aus.“ Die IG Metall habe sich auch in schwierigen Zeiten stets sehr verantwortungsbewusst gezeigt, so die Bürgermeisterin. „Jetzt ist das Arbeitsgericht gefragt. Was aus dem Unternehmensrest wird, liegt in den Händen des Arbeitgebers und des Insolvenzverwalters.“

Der SPD-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Thomas Hölck aus Haseldorf spricht unterdessen von „zweifelhaften Methoden des Investors Rother“. „Sollte es stimmen, dass Rother seit September keine Gehälter mehr zahlt und in den Büros die PCs abgebaut hat, ist das ein absolut indiskutables Verhalten“, heißt es in einer Erklärung. Den gesamten Sachverhalt und das Gebaren des Investors kommentiert Hölck mit folgenden Worten: „Das sind Unternehmermethoden aus dem Frühkapitalismus.“