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Wie eine Autorin aus Holm den Obdachlosen in Hamburg hilft

Susanne Groth, freie Journalistin aus Holm, hat den Verein Leben im Abseits gegründet.

Susanne Groth, freie Journalistin aus Holm, hat den Verein Leben im Abseits gegründet.

Foto: Anne Dewitz

Nächste Woche erscheint das neue Buch von Susanne Groth. Sie recherchierte zwei Jahre in der Obdachlosenszene – und gründete einen Hilfsverein.

Holm.  Was genau bedeutet Obdachlosigkeit? Was heißt es, ein Leben auf der Straße zu führen? Welche Hilfsorganisationen gibt es und was leisten professionelle und ehrenamtliche Helfer Tag für Tag, um obdachlosen Menschen zu einem würdevolleren Dasein zu verhelfen? Diesen Fragen ist die freie Journalistin Susanne Groth aus Holm in zweijähriger Recherche auf den Grund gegangen. In ihrem Buch „Unter dem Radar – Leben und Helfen im Abseits“, das am 10. Oktober erscheint, vermittelt die 56-Jährige anhand berührender Interviews und eindrücklichen Porträtfotos einen Einblick in die Obdachlosigkeit in Hamburg. „Jeder kann in diese Abwärts-Spirale geraten“, sagt sie. Das Buch zeige aber auch, mit wie viel Leben, Stärke und Kreativität sowohl die Betroffenen, als auch die Helfer ihrem Alltag begegnen.

Im Jahr 2016 hat Susanne Groth gemeinsam mit dem Düsseldorfer Fotografen Markus Connemann den Bildband „Abseits – Vom Leben am Rande der Gesellschaft in Hamburgs Mitte“ herausgebracht. Hierfür interviewte und porträtierte sie die Gäste des CaFée mit Herz, einer Tagesstätten-Einrichtung für obdachlose und bedürfte Menschen. „In dieser Zeit bekamen wir erstmalig Einblicke in die Thematik der Obdachlosigkeit und Armut“, sagt Susanne Groth. Schnell wurde ihr klar, dass sie in ihrem Bildband nur einen kleinen Teil der Problematik aufgegriffen haben.

Groth macht die unsichtbaren Helfer in ihrem Buch sichtbar

„Obdachlosigkeit hat nicht nur viele Gesichter, sondern auch die Vielfalt an unterschiedlichen Hilfseinrichtungen ist der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, in einem weiteren Buch nicht nur obdachlosen Menschen eine Stimme zu geben, sondern auch die unsichtbaren Helfer berichten zu lassen, die tagtäglich unermüdlich für obdachlose Menschen im Einsatz sind.“ In ihrem Buch kommen Sozialarbeiter, Einrichtungsleiter und Polizeibeamte, die sich auf der Reeperbahn als bürgernahe Beamte um die Gefallenen kümmern, zu Wort.

Im Auftrag der Sozialbehörde Hamburg wurden aktuell 1910 Menschen gezählt, die in Hamburg auf der Straße leben. „Im Vergleich zu einer im Jahr 2009 durchgeführten Studie sind das 86 Prozent mehr Menschen, die ein Dasein auf der Straße fristen“, sagt die Autorin. Groth geht davon aus, dass die Dunkelziffer vielfach höher sein dürfte. Im November 2018 wurde festgestellt, dass 5008 wohnungslose Menschen in öffentlich-rechtlichen Unterkünften der Stadt leben, 63 Prozent der Menschen bereits länger als ein Jahr. Mit steigender Altersarmut wird die Zahl in den kommenden Jahren noch steigen. Da ist sich die Holmerin sicher.

Winternotprogamm sollte durchgehend öffnen

Besorgt blickt sie der kalten Jahreszeit entgegen. Im Winternotprogramm werden in der Zeit von November bis März zusätzliche Schlafplätze geschaffen. „In Hamburg ist es aber oftmals bereits vor November oder auch im April noch frostig kalt“, sagt Groth. Zudem müssten die Menschen zwischen 10 und 17 Uhr die Unterkunft verlassen. Ein Umstand, den Groth wie viele Helfer in der Obdachlosenszene kritisieren.

Das Elend in den Notunterkünften sei kaum auszuhalten. Es herrsche eine aggressive Stimmung, Läuse und Krätze seien weit verbreitet, die Menschen häufig sehr krank. Sie wollte am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, dort zu übernachten. „Nach drei Stunden habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin abgehauen“, sagt Susanne Groth. Sie setzt sich dafür ein, dass Obdachlose ohne Auflagen eine feste Bleibe bekommen, nach dem Prinzip „housing first“, ein Konzept, das in Finnland, Kanada und Österreich angewandt wird.

Groth erhielt den Annemarie-Dose-Preis

Das Thema Obdachlosigkeit ließ Groth, die in Hamburg für Ströer, einem Vermarkter von Online- und Außenwerbung arbeitet, nicht mehr los. Sie reduziert ihre Arbeitszeit und gründet zusammen mit sechs Mitstreitern im November 2017 den Verein Leben im Abseits. „Während unserer Lesungen fragten uns die Gäste, wie sie helfen können und richtig mit Obdachlosen umgehen“, sagt Groth. Das gab die Initialzündung für die Gründung.

Der Verein will zum Thema Obdachlosigkeit aufklären, über die unterschiedlichen Hilfsangebote für Obdachlose informieren und die Zusammenarbeit von nachhaltig tätigen Einrichtungen in der Obdachlosenhilfe fördern und Berührungsängste im Umgang mit Obdachlosen abbauen. „Wir führen Kampagnen und Projekte, Lesungen, Ausstellungen und Projekttage an Schulen durch“, sagt sie. „Mit unserem Sozialfond leisten wir schnelle und unbürokratische finanzielle Hilfe, um obdachlose Menschen bei der Rückkehr ins Regelsystem zu unterstützen.“ Ihre Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den Annemarie-Dose-Preis 2019 für innovatives Engagement vom Hamburger Senat.

Jürgen S. lebte mehr als 30 Jahre auf der Straße

Und es kann sich etwas ändern, wie das Beispiel des obdachlosen Jürgen S. (62) zeigt. „Er lebte mehr als 30 Jahre auf der Straße“, sagt Susanne Groth. Sie hatte den Einzelgänger oft an seinem Stammplatz auf der Reeperbahn am Hamburger Berg getroffen und das Gespräch mit ihm gesucht. Sie wollte ihm helfen, neue Papiere zu beantragen. „Davon wollte er erstmal nichts wissen“, sagt sie. Irgendwann rief er Susanne Groth an und bat um Hilfe. „Wir sind dann mit einem Sozialarbeiter zur Behörde, haben ein Bankkonto eingerichtet und eine Krankenversicherung besorgt.“ Jürgen S., glühender St. Pauli-Fan, kam erstmal in den Fanräumen des Vereins unter bis eine Wohnung für ihn gefunden ist. Er kann beim Fußballverein aushelfen, wird dafür bezahlt.

„Unter dem Radar – Leben und Helfen im Abseits“ ist ab 10. Oktober für 17,90 Euro in einer ersten Auflage von 1000 Stück beim Verein unter kontakt@leben-im-abseits.de bestellbar oder in den Fan-Shops von St. Pauli, bei Stadtkutter, Weidenallee 13, oder im Amsterdam Headshop, Reeperbahn 155. Die Hälfte des Erlöses geht in den Sozialfonds. Susanne Groth stellt am 10. Oktober von 19 Uhr an beim FC St. Pauli im Millerntor (Ballsaal Süd), Harald-Stender-Platz 1, in Hamburg ihr neues Buch „Unter dem Radar – Leben und Helfen im Abseits“ vor. Die Premiere wird begleitet von einer Diashow, einem Gespräch mit einem Interviewpartner, dem Lesen einzelner Interviews sowie einer Berichterstattung der Autorin. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, das Buch zu kaufen. Die Ausstellung „Abseits - Vom Leben am Rande der Gesellschaft in Hamburgs Mitte“ in der Bücherhalle Billstedt, Möllner Landstraße 31, ist noch bis 17. Oktober zu sehen.