Pinneberg
Serie

In Quickborn rollt ein Sonderzug durchs Moor

Das Ehepaar Franziska und Dan Zelck mit der Torfbahn. 

Das Ehepaar Franziska und Dan Zelck mit der Torfbahn. 

Foto: Burkhard Fuchs

Mit der Torfbahn unterwegs im Himmelmoor: Ein Bericht über eine ebenso lehrreiche wie entschleunigende Fahrt.

Erster Eindruck: Holzklasse, Pritschenkomfort. Aber immerhin ist die kleine Schmalspurbahn überdacht, fährt es mir durch den Kopf. Denn eine Regendusche nach der anderen begleitet an diesem Tag meinen Ausflug mit der Torfbahn durch das Quickborner Himmelmoor. Es ist meine allererste Tour über die etwa 5400 Meter lange Strecke, die gut 150 Jahre lang dem industriellen Torfabbau diente. Bis zum Sommer 2018, da war Schluss (wir berichteten).

Heute sind es nur noch Ausflügler und Touristen, die diese etwas holprige Tour im Schritttempo durch das Moor machen. Das Moor soll sich unterdessen wieder erholen und wachsen. Jahrzehntelang war der Torfabbau schwere, harte Zwangsarbeit, erst für Kriegsgefangene der beiden Weltkriege, später für Strafgefangene aus Neumünster, die hier bis Ende der 1980er-Jahre Torf zum Heizen stechen mussten. Das ist das Glück der später Geborenen, fällt mir der Spruch eines Altkanzlers ein.

Die 18-PS-Lokomotive fährt nur Schrittgeschwindigkeit

Dann ruckelt der kleine Zug hinter dem stillgelegten Torfwerk los. Franziska Zelck steht in Blaumann und Gummistiefeln seitlich auf der kleinen Diesellok, legt mit dem Schwungrad den Gang ein und drückt den Gashebel nach unten. Ganz langsam, fast gemächlich setzt sich die kleine Bahn mit den Holzwaggons in Bewegung. „Keine Bange, wir fahren nur sechs Kilometer pro Stunde schnell. Wir haben extra die 18-PS-Diesellok gedrosselt“, erklärt Dan Zelck, Franzis Ehemann, der mit mir hinten auf der Pritsche sitzt, während vorn seine Frau das gut zwei Tonnen schwere, blau strahlende, eiserne Ungetüm fest im Griff hat.

Kein Wunder, dass sie das so souverän macht. Von Beruf ist die Frau gelernte Verkehrsmeisterin bei der Hamburger Hochbahn. Wenn irgendwo in Hamburg ein Busfahrer mit seinem Gelenkbus steckenbleibt, komme Franziska Zelck zur Hilfe. Dann fahre sie den Bus notfalls wieder rückwärts auf die Straße zurück, erklärt ihr Mann stolz. Auch er ist beruflich ein Hochbahner.

Hier im Moor springt er an jeder Verzweigung der Gleise kurz vom Waggon ab, läuft an der fahrenden Lok vorbei und stellt per Hand die Weiche. Und weiter geht’s.

Ihre Freizeit haben die gebürtigen Rostocker dem Moor verschrieben. Nicht nur dem Himmelmoor, auch wenn das plötzliche Ende der Torfbahnfahrten vor ein paar Jahren der Grund dafür gewesen sei, dass sie 2015 von Hamburg nach Quickborn gezogen sind, erzählt Dan Zelck, während uns kleine Rauchschwaden und das dumpfe Motorengeräusch umwehen.

Und das ergab sich so: Der damalige Betriebsleiter des Torfwerks, Klaus-Dieter Czerwonka, musste nämlich aus versicherungstechnischen Gründen seine öffentlichen Lorenfahrten durchs Moor einstellen, für die sich seit 1982 jedes Jahr etwa 3500 Menschen hatten begeistern können. Sie schätzten es sehr, das ungefähr 200 Hektar große Moor nicht zu Fuß erkunden zu müssen. Bahnenthusiasten mit ehemaligen Lokführern der AKN gründeten daraufhin eine Arbeitsgemeinschaft, die diese Fahrten wieder aufnahm. Und inzwischen leitet das junge Ehepaar Zelck die Arbeitsgemeinschaft.

„Wir sind praktisch jeden Tag im Himmelmoor. Das entspannt uns total“, erklärt Dan Zelck diese ungewöhnliche Leidenschaft, die das Paar schon durch halb Europa geführt hat, nämlich zu allen 107 Mooren und Torfbahnen, die es auf dem Kontinent gibt. Gerade seien sie aus ihrem Urlaub im Dartmoor in der südwestenglischen Grafschaft Devon zurückgekehrt, berichtet Zelck. Jene weltberühmte Sumpflandschaft, die schon die deutschen Fernsehzuschauer der Edgar-Wallace-Filmreihe in Angst und Schrecken versetzte und in der Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Figur dem Rätsel des Hundes von Baskerville nachspürte.

Aber nicht nur im altehrwürdigen Moor auf der britischen Insel kann der unbedarfte Besucher regelrecht im Moor versinken. Das ist auch heute noch im Himmelmoor möglich, warnt Dan Zelck und beweist das am Ende des letzten Abbaugebiets eindrucksvoll. Mit einem kräftigen Stoß rammt er einen zweieinhalb Meter langen Holzstock fast kinderleicht in den Boden, bis fast nichts mehr davon zu sehen ist. „Aber keine Angst, eine Moorleiche ist hier noch nicht gefunden worden“, beruhigt Zelck schmunzelnd.

Vorsicht: Im Unterholz tummeln sich Giftschlangen

Die Besucher sollten nichtsdestotrotz lieber auf den ausgewiesenen Wegen und Pfaden bleiben. Zu ihrer eigenen Sicherheit. Das gelte auch für Hunde, die unbedingt angeleint werden sollten. Ansonsten könnten sie im Unterholz von einer der vielen Kreuzottern gebissen werden, die sich hier im Zuge der Renaturierung des Himmelmoores wieder zahlreich angesiedelt haben. Erst in diesem Frühjahr sei wieder ein Hund am Schlangengift gestorben, berichtet Dan Zelck.

Wir haben an der letzten Kurve, quasi am Ende der Torfbahnstrecke Halt gemalt, die hier nach dem langjährigen Torfwerkchef „Czerwonka-Schleife“ heißt. Mehr als 40 Jahre lang hat der inzwischen 74-Jährige hier das Sagen gehabt. „Auch heute noch ist er jeden Tag im Moor“, sagt Zelck. Czerwonka hat das junge Paar offenbar liebgewonnen und in vier Jahren in alle Feinheiten des Torfabbaus und Maschinenführens eingearbeitet. Die Liebe zur einzigartigen Flora und Fauna des Moores musste er Franziska und Dan Zelck nicht extra beibringen. Die haben sie längst und sehr verständig und eloquent verinnerlicht. Wie ein gelehrter Wissenschaftler erklärt Zelck, warum der Torf wasserdicht, nährstoffarm und sauer ist.

In 12.000 Jahren hat das Moor sich vom Torfabbau erholt

Durch den Torfabbau ist das Moor von zwölf auf anderthalb Meter Höhe abgetragen worden. Jetzt erholt es sich allmählich wieder. Aber das dauert. Es wächst nur einen Millimeter pro Jahr, wäre also in 12.000 Jahren wieder auf dem Niveau von vor 200 Jahren nach der letzten Eiszeit. Auch der Sonnentau wächst hier wieder, Moorfrösche quaken, Kraniche und Kiebitze brüten in Bodennähe. Eigens angelegte Dämme sollen helfen, das Regenwasser aufzufangen und zu sammeln. In 50 bis 80 Jahren sollte das Moor seine ursprüngliche Naturlandschaft wieder weitgehend zurückerlangt haben, schätzt Zelck. „Zumindest sollten wir dann wieder die typischen Moor-Charakteristika vorfinden können“, glaubt er.

Wir erreichen nach gut zwei Stunden Bahnfahrt wieder den Ausgangspunkt, waren Wind und Regen ausgesetzt. Und haben eine einzigartige Naturlandschaft genossen, die wunderschön und offensichtlich wieder im Umbruch ist. „Das Moor verändert fast täglich sein Gesicht“, sagt Zelck.

Seine ausführlichen Beschreibungen von Flora und Fauna, gespickt mit allerlei Anekdoten und Vorführungen bei den kurzen Stopps entlang der Strecke sorgen für eine ausgesprochen kurzweilige Unterhaltung. Die Torfbahnfahrt durchs Himmelmoor ist auf jeden Fall weiterzuempfehlen. Wer bequemer sitzen möchte, sollte sich ein Sitzkissen mitbringen.