Pinneberg
Kreis Pinneberg

Mittelaltersiedlung im Neubaugebiet entdeckt

Archäologe Leif Schlisio mit zwei Keramiken, die auf dem Feld in Lutzhorn ausgegraben wurde. Die größere ist wohl aus dem Lehm der Umgebung gebrannt worden. Die kleinere, aufwendiger hergestellte stammt aus Süddeutschland und beweist, dass die Holsteiner bereits im Mittelalter regen Handel betrieben.

Archäologe Leif Schlisio mit zwei Keramiken, die auf dem Feld in Lutzhorn ausgegraben wurde. Die größere ist wohl aus dem Lehm der Umgebung gebrannt worden. Die kleinere, aufwendiger hergestellte stammt aus Süddeutschland und beweist, dass die Holsteiner bereits im Mittelalter regen Handel betrieben.

Foto: Burkhard Fuchs

Lutzhorn ist wohl 300 Jahre älter als gedacht. Archäologen des Landesamtes graben zurzeit frühmittelalterliche Hof- und Dorfstruktur aus.

Lutzhorn/Schleswig.  Die Erde ist aufgewühlt, mehrere Sandhügel sind aufgeschüttet, quadratische Löcher gegraben – die Gemeinde Lutzhorn gleicht im Norden des Lindenweges einer kraterartigen Mondlandschaft. Hier, wo ursprünglich bald zwölf neue Einfamilienhäuser stehen sollen, wird zurzeit fachmännisch der Geschichte des Dorfes auf den Grund gegangen. Offenbar ist das Dorf im Nordosten des Kreises Pinneberg, das heute rund 800 Einwohner zählt, viel älter als jene 764 Jahre, seitdem es in den Geschichtsbüchern erwähnt ist.

Bei Grabungen im Neubaugebiet ist eine rund 1000 Jahre alte mittelalterliche Siedlung entdeckt worden, deren Fundstücke das Archäologische Landesamt jetzt mit fünf Experten sichert, ausgräbt, im Detail beschreibt und nach Schleswig zur Aufbewahrung und für weitere Forschungszwecke bringt. „Wir haben hier etwas ganz Besonderes gefunden“, sagt der Archäologe Leif Schlisio, der die Ausgrabungen in Lutzhorn leitet. „Wir haben es hier mit der größten mittelalterlichen Siedlung aus der Zeit der Sachsen zu tun, die es in Holstein gibt. Das ist von sehr hohem wissenschaftlichem Wert.“

Auf dem etwa ein Hektar großen Gebiet hätten sie seit Beginn der Ausgrabungen im April jetzt acht Gebäude, sieben Brunnen und drei Feuerstellen freigelegt, erklärt Schlisio. Es war nicht nur ein bäuerlicher Betrieb mit einer Speisekammer unter der Erde. Vielmehr verfügten die Bewohner von Ur-Lutzhorn über weitere Fertigkeiten und Produktionsstätten, wie sich durch die Funde belegen lässt.

So stellten sie in einem der Gebäude Textilien und Kleidung her, wie sich anhand eines uralten Gewichts eines Webstuhls beweisen lässt. Zudem gab es eine vollausgestattete Schmiede mit einer Art Hochofen, mit dem die Lutzhorner des 10. bis 12. Jahrhunderts Eisenverhüttung betrieben. Für Schlisio sind das Anzeichen dafür, dass es sich hier nicht nur um eine große Hofstelle gehandelt haben kann, in der eine Großfamilie über mehrere Generationen lebte. „Möglicherweise ist das, was wir hier ausgegraben haben, der Ausschnitt des ganzen frühmittelalterlichen Dorfes.“

Die Häuser waren Holzkonstruktionen, wie sich an den vorhandenen Löchern für die Holzpfosten zeige. Sie waren bis zu 100 Quadratmeter groß und mit Flechtwerk, Holzplanken und Lehm gedämmt. Innen wärmten sich die Menschen an Feuerstellen, die geschlossene Öfen gewesen sein könnten, erläutert Archäologe Schlisio. Und sie wurden im Laufe der Jahrhunderte mehrfach neu errichtet, wie anhand der Strukturen und Erdfärbungen genau zu erkennen sei.

Die Zeit der Entstehung dieser Siedlung macht Schlisio an den gefundenen alten, zerbrochenen Gefäßen fest, die nun – alle Einzelteile nach ihren Fundstellen beschrieben – archiviert und zusammengesetzt werden. Auch eine alte Silbermünze hat Schlisios Team entdeckt, die das Konterfei von Bernhard I. oder II. abbilde. Damit müssen sie aus der Zeit der beiden Sachsenherzöge stammen, die von 973 bis 1059 von Stade bis Lüneburg an der Elbe herrschten. Die Münze wurde in Jever bei Wilhelmshaven geprägt.

Die weitere Analyse und Forschung, die sich jetzt anschließe, könnte genaue Aufschlüsse darüber bringen, wie die Menschen damals gelebt haben. „Das ist ein Griff mitten ins Leben. Uns interessiert weniger, wie die Könige gelebt haben, sondern wie der Alltag der Menschen aussah, wie sie gewohnt und gearbeitet haben“, erklärt Schlisio.

Er begreift seine Aufgabe heute als eine Art „Rettungs-Archäologie“. Bei jedem Neubaugebiet und Bauvorhaben werde das Archäologische Landesamt eingeschaltet, ob es Einsprüche dagegen hätte. Das war in diesem Fall bei Lutzhorn der Fall, weil alte Urkunden hier eine frühmittelalterliche Siedlung vermuten ließen. Ein Verdacht, der sich dann bei den Suchgrabungen des Landesamtes im vergangenen Herbst bestätigte.

Die Kosten für die Ausgrabungen, die bei 125.000 Euro liegen, muss die Gemeinde tragen. „Da gilt das Verursacherprinzip“, erklärt Schlisio. Für Lutzhorns Bürgermeister Hans-Jürgen Kublun ist das gut angelegtes Geld in die eigene Vergangenheit. „Das ist jetzt ein Stück Dorfgeschichte, das hier neu entdeckt worden ist. Wir sind jetzt ein Stück älter geworden“, sagt Kublun mit Hinweis auf die Funde, die bis ins zehnte Jahrhundert, also drei Jahrhunderte weiter als das bislang angedachte Gründungsdatum von 1255, zurückreichen.

Wer jetzt eines der 1000 Quadratmeter großen Baugrundstücke erwerbe und es im kommenden Jahr bebaue, „baut auf historischem Grund“, sagt Kublun stolz. Im Herbst, wenn der ausführliche Bericht der Archäologen vorliegt, soll dieser in der Gemeinde öffentlich vorgestellt werden.