Pinneberg
Appen

Das Projekt Erntezeit feiert sein rundes Bestehen

Erste Ernte: Jule Vickery und ihre Tochter Philippa, damals sieben, im Jahr 2010.

Erste Ernte: Jule Vickery und ihre Tochter Philippa, damals sieben, im Jahr 2010.

Foto: Erntezeit

Das Erntezeit-Projekt auf dem Schäferhof in Appen feiert Jubiläum – und hat in den Jahren seines Bestehens auch Nachahmer gefunden.

Appen.  Gemeinsam gärtnern macht glücklich – und liegt voll im Trend. Das beweisen mehrere Vorhaben, die in den vergangenen Jahren im Kreis Pinneberg in die Tat umgesetzt worden sind. Keimzelle ist das Projekt Erntezeit, das vor zehn Jahren auf dem Appener Schäferhof an den Start ging. Das runde Bestehen wird am Sonntag mit einem Fest auf dem Acker begangen.

Initiatorin ist die Schenefelderin Jule Vickery (46), die zusammen mit ihrem Ehemann Henry zwei Jahre lang in ihrer Heimatstadt erfolglos nach einem Feld für ihr Landbau-Kollektiv gesucht hatte. Bei 20 Landwirten hatte die Schenefelderin angefragt, um ein Feld zu pachten, alle winkten ab. Als Retter erwies sich Peter Schaumann, der damalige Geschäftsführer der Lebenshilfen im Kreis Pinneberg. Er bot den Vickerys ein Feld am Rande des Schäferhofs in Appen-Etz an.

Mit 60 Jahren fing vor zehn Jahren alles an

„Wir haben uns damals gesagt, dass wir das ein Jahr machen und dann Bilanz ziehen“, erinnert sie sich. Diese Bilanz fiel mehr als positiv aus – und ein Jahrzehnt später ist das Projekt fester Bestandteil im Leben vieler, vieler Menschen geworden. 1,5 Hektar ist das Gelände in Appen-Etz groß, davon wird jeweils die Hälfte von dem Kollektiv bewirtschaftet. Mit 60 Gärten fing vor zehn Jahren alles an. Inzwischen sind es 125. Die Standard-Beete sind jeweils 25 Meter lang, zwei Meter breit. Auch Maxi-Beete sind verfügbar, die dann drei Meter breit sind. 198 Euro Saisonbeitrag werden für ein Standard-, 295 Euro für ein Maxi-Beet fällig. Die extra gegründete Erntezeit GbR schließt dazu Nutzungsverträge mit den Pächtern ab. Wie immer sind fast alle Parzellen vergeben. Acht Gärten sind auf dem Schäferhof noch zu haben.

Eine ähnliche Quote besteht an den beiden anderen Standorten, die in dem Jahrzehnt dazukamen. In Neugraben-Fischbek ist ein Ableger mit 45 Gärten entstanden, wovon aktuell neun frei sind. In Münster wurden 120 Parzellen angelegt, davon sind aktuell drei unbesetzt. Das Konzept ist überall gleich.

Es werden 25 verschiedene Gemüsesorten angebaut

Angebaut werden 25 verschiedene Gemüsesorten – etwa Petersilie, Möhren, Kürbis, Zucchini, Basilikum, Tomaten, Schnittsalat, Mais, Sommerblumen, Rucola, Bohnen, Zwiebeln, Kartoffeln, Porree, Rote Bete, Fenchel, Kohlrabi, Mangold, Dill, Spinat und Zuckererbsen. Außerdem gibt es mehrere Wunschreihen. „Wir stellen das Sortiment jedes Jahr auf den Prüfstand, die Klassiker bleiben gleich“, berichtet die Initiatorin. Das Saatgut, das im Saisonbeitrag inkludiert ist, stammt vom Demeterverband, die Pflanzen von Bioland. Auch für die Wunschsaatreihen bieten die Initiatoren Saatgut zum Kauf an. „Wir legen Wert auf gesunde Ernährung“, sagt die 46-Jährige, die außer dem ökologischen Aspekt ihres Projektes auch auf eine gesellschaftspolitische Komponente hinweist. „Bei uns sind alle Altersgruppen und alle beruflichen Schichten vertreten, der Top-Manager ackert neben dem Hartz-IV-Empfänger.“

Die älteste Teilnehmerin ist laut der Schenefelderin inzwischen älter als 80 Jahre, die jüngsten werden mit dem Projekt so langsam erwachsen. Vickery: „Als wir anfingen, waren meine drei Kinder ganz klein. Inzwischen sind sie 12, 14 und 16 Jahre alt.“ Laut der 46-Jährigen sind viele Familien mit Kindern auf dem Acker aktiv, aber auch Paare und Singles sind unter den Gärtnern. Und längst nicht alle Nutzer kommen aus der Stadt und haben dort keinen Garten. „Es gibt viele, die sich Zuhause keinen Gemüsegarten anlegen wollen. Die kommen lieber zu uns, weil sie den Erholungsfaktor schätzen und gerne unter Gleichgesinnten sind.“

Keine Probleme Nachfolger für freie Flächen zu finden

Einige „Erntezeitler“ sind von Beginn an dem Projekt treu. Andere setzen mal ein oder zwei Jahre aus, kommen dann wieder. Wieder andere haben sich nach einiger Zeit „vom Acker gemacht“. Laut Vickery liegt die Fluktuation bei 40 Prozent. Dennoch haben die Initiatoren keine Probleme, Nachfolger für freiwerdende Gärten zu finden. „Die allermeisten kommen über Mund-zu-Mund-Propaganda zu uns.“

Ende April werden die Gärten übergeben. Zuvor wird das Gelände durch ein Lohnunternehmen gepflügt und geeggt. Dank eines angeschafften Traktors kann auch das Säen und Pflanzen – natürlich außer den Wunschreihen – maschinell erfolgen. Die Hege, Pflege und natürlich die Ernte obliegt den Pächtern, die abends und an den Wochenenden weitere Aufgaben wie etwa Unkraut jäten übernehmen sollten. Am Ende steht die Ernte, die bislang reichlich ausfiel – auch im heißen Sommer des Vorjahres. Die Saison endet im November.

Im Jubiläumsjahr hat die Saison gerade begonnen – und das wird zusammen mit dem Geburtstag am Sonntag zwischen 15 und 18 Uhr auf dem Acker am Schäferhof gefeiert. Eingeladen sind die jetzigen und die ehemaligen Gärtner sowie Unterstützer. Geboten werden Infos rund ums Projekt, ein großes Kinderprogramm und ab 16 Uhr ein Festakt.

Voll im Trend: Zahlreiche Projekte im Kreis Pinneberg drehen sich ums Gärtnern

Im Kreis Pinneberg gibt es einige Initiativen, die sich für das urbane Gärtnern auch in der Stadt starkmachen. In Schenefeld wurde beispielsweise der Verein Schenefelder Beete 2017 gegründet. Ziel ist es, öffentliche Flächen attraktiver zu gestalten und durch den Anbau von Obst und Gemüse, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Zudem sollen Lebensräume für Bienen geschaffen werden. Zum Auftakt wurden auf einer Fläche an der Bürgerwiese drei Hochbeete und eine Beerenhecke angelegt. Weitere Standorte könnten folgen. Weitere Infos unter www.schenefelder-beete.de. In der Rolandstadt nimmt sich die Initiative „Wedel im Wandel“ seit zwei Jahren auch dem Thema „essbare Stadt“ intensiv an. So hat die Gruppe, die bewusst keinen Verein gründen möchte, sich unter anderem für Hochbeete auf dem Spielplatz am Hans-Böckler-Platz eingesetzt. Diese wurden kürzlich wieder von Initiatoren und Interessierten bepflanzt. Zudem gab die Gruppe den Anstoß für eine städtische Karte, worauf frei zugängliche Obstbäume verzeichnet sind. Weitere Infos unter www.wedel-im-wandel.de Urban Gardening – die essbare Stadt heißt ein Projekt in Elmshorn, das der Verein Freundeskreis Knechtsche Hallen im Kranhaus-Hinterhof, Schloßstraße 8, ins Leben gerufen hat. Hier kann jeder mitmachen. Immer dienstags von 14 bis 18 Uhr und sonnabends von 10 bis 14 Uhr wird gesäet, gejätet, geerntet und kann beim Gärtnern mit anderen ins Gespräch kommen.