Pinneberg
Vattenfall-Kraftwerk

Ätzende Asche? Umweltminister begutachtet Schäden in Wedel

BI-Sprecherin Kerstin Lueckow (Mitte) zeigt Minister Jan Philipp Albrecht (grüne, links neben ihr) die Schäden an Autos.

BI-Sprecherin Kerstin Lueckow (Mitte) zeigt Minister Jan Philipp Albrecht (grüne, links neben ihr) die Schäden an Autos.

Foto: Katy Krause (FMG) / Katy Krause

Jan Philipp Albrecht besuchte Wedel, um sich ein Bild von der Situation zu machen – der Grüne sieht Vattenfall in der Pflicht.

Wedel. Einige erhofften sich einen Durchbruch, andere Verständnis, und wieder andere sprachen von einer Farce: Jan Philipp Albrechts Besuch in Wedel sorgte schon im Vorwege für viel Wirbel. Wohl auch weil es sich um eine Premiere handelte, waren die Erwartungen groß. Bislang hatte sich kein Umweltminister aus Kiel direkt im Wohnviertel am Kohlekraftwerk einen Eindruck verschafft, das Gespräch mit Betroffenen vor Ort gesucht und sich die umstrittenen Schäden persönlich zeigen lassen.

Albrechts Vorgänger Robert Habeck war zwar Ende 2016 auch wegen der Partikelausstöße und ebenfalls auf Einladung seiner grünen Parteikollegen nach Wedel gekommen, er blieb aber im Rathausumfeld. Albrecht wagte sich dagegen mitten hinein.

Kraftwerks-Asche soll für Schäden an Autos verantwortlich sein

Mittwoch, 17.35 Uhr, am Stadtteilzentrum mittendrin: Nach einem kurzen Austausch mit den Wedeler Grünen nimmt Albrecht sich Zeit für die Bürgerinitiative (BI). Es sind viele Anwohner aus dem Kraftwerksumfeld am Tinsdaler Weg gekommen. Einige haben ihre Autos zum Treffen gleich mitgebracht, um dem Umweltminister die Schäden im Lack zu zeigen, die ihrer Ansicht nach durch saure Partikel aus dem Kraftwerk entstanden sind. So wie Willy Boom.

Das einst dunkelgraue Verdeck seines Cabrios ist braun gesprenkelt. Vattenfall habe ihm angeboten, für die Autowäsche aufzukommen, aber dafür sollte er schriftlich auf weitere Forderungen verzichten. „Das hat sich eingeätzt. Das bekommt man so nicht einfach raus“, erklärt er dem Minister. „Und das Schlimmste ist: Für Vattenfall wäre es doch ein Taschengeld, dafür zu bezahlen.“ Albrecht nickt. Nächstes Auto, nächster Fall.

Albrecht sieht Vattenfall in der Pflicht

Nach fünf weiteren Fahrzeugen und 20 Minuten später zieht Albrecht vor den zahlreichen Pressevertretern Bilanz. „Hier gibt es definitiv Beeinträchtigungen, die man sehen kann und die die Leute nachvollziehbar schädigt.“ Allerdings sieht er allein den Kraftwerksbetreiber in der Pflicht. „Vattenfall wäre gut beraten, die Schäden zu regulieren.“ Das macht das Unternehmen allerdings schon lange nicht mehr. Die Wedeler bleiben auf Schäden und Kosten sitzen.

Das Problem: Laut einer Anordnung des Landesamtes für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) darf es solche Schäden nicht geben. Beim LLUR handelt es sich um die zuständige Aufsichtsbehörde für das Wedeler Kraftwerk im Betrieb von Vattenfall. Das LLUR hatte dem Unternehmen nach zahlreichen Partikelausstößen 2017 auferlegt, diese auf ein Minimum zu reduzieren. Zudem sollte der Betreiber des alten Steinkohlekraftwerks dafür Sorge tragen, dass, wenn überhaupt Partikel austreten, diese leicht zu entfernen sind.

Weitere Messungen ausgeschlossen

Da das LLUR dem Umweltministerium untersteht und Albrecht somit der oberste Chef ist, hatten sich einige Betroffene von seinem Besuch viel versprochen. Sie wurden enttäuscht. Zusagen, eine neue Anordnung oder weitere Messungen lehnte Albrecht ab. Es wurde vielmehr deutlich: Knapp zwei Jahre und zahlreiche Gutachten später ist die Situation am Elbhochufer verfahrener denn je. Während sich die Anwohner weiterhin über verdreckte Terrassen, kaputte Wintergärten und Lackschäden an Autos durch die Partikel beschweren, steht die Aufsichtsbehörde auf dem Standpunkt, dass getroffene Maßnahmen nach der Anordnung gefruchtet hätten.

Die Partikel ätzten nicht und hinterließen keine dauerhaften Schäden, heißt es dazu in einer Stellungnahme des LLUR, die zwei Tage vor dem Besuch des Ministers an den Anwalt der BI geschickt wurde. In Feldversuchen sei nachgewiesen worden, dass sich die Proben mit handelsüblichen Mitteln rückstandsfrei entfernen ließen.

Albrecht nahm sich viel Zeit für die Sorgen der Wedeler

Erst erklären, dass es keine Schäden gibt und dann vorbeikommen und sie sich ansehen? „Vor diesem Hintergrund ist der Besuch des Ministers doch wirklich eine Farce!“, kritisierte der SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Hölck aus Haseldorf die Aktion im Vorfeld. Doch das war die Veranstaltung am Ende nicht. Albrecht nahm sich sehr viel Zeit, sogar mehr als vorgesehen.

Nach dem Austausch vor Ort ging es später im Rathaus bei einer öffentlichen Diskussion weiter. Dabei wird der Umweltminister und gelernte Jurist nicht müde, immer wieder nachfragenden Kommunalpolitikern sowie Betroffenen die Rolle der Aufsichtsbehörde zu erläutern. Es gebe rechtliche Vorgaben, wenn das LLUR neue Auflagen verhänge, dürften sie vor Gericht nicht anfechtbar sei – und genau hierin sieht Albrecht das Problem. Derzeit gebe es keine neuen Erkenntnisse und keinen Handlungsspielraum.

Zu einem Versprechen ließ er sich am Ende doch hinreißen: „Seien Sie gewiss, wir nehmen das Problem ernst.“ Zudem stellte er in Aussicht, Gespräche mit Vattenfall hinsichtlich der Schadensregulierung führen zu wollen.