Pinneberg
Nach "Spiegel"-Bericht

Jüdische Gemeinde: Vorsitzender tritt nach Vorwürfen zurück

 Wolfgang Seibert (71) war seit 2003 Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg.

Wolfgang Seibert (71) war seit 2003 Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg.

Foto: Bertold Fabricius

Der "Spiegel" bezeichnete ihn als Hochstapler. Nun gibt Wolfgang Seibert zu, kein Nachfahre von Auschwitz-Überlebenden zu sein.

Pinneberg.  Wolfgang Seibert tritt als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Pinneberg zurück. Das geht aus einer kurzen Pressemitteilung des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinde in Schleswig-Holstein hervor.

Gleichzeitig ließ Seibert über seinen Kieler Anwalt Alexander Hoffmann, der unter anderem auch Nebenkläger beim NSU-Prozess vertrat, eine dreiseitige Erklärung in seinem Namen veröffentlichen. Der Rücktritt ist Folge eines am vergangenen Wochenende erschienen Artikels im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, in dem der 71-Jährige unter anderem als „Hochstapler“ bezeichnet wird.

Seibert ist kein stiller Typ. Wenn es um seine jüdische Gemeinde in Pinneberg oder um den Kampf für Menschenrechte und gegen Rechtsradikalismus geht, dann ergriff der Vorsitzende stets das Wort. Für seine Gemeindemitglieder, für Freunde und für Journalisten war er stets zu erreichen. Er gilt als meinungsstark, als einer, der seine Werte vertritt und sich dafür notfalls sogar in Gefahr begibt. Doch in den vergangenen Tagen blieb Wolfgang Seibert still. Sehr still.

"Spiegel": "Seibert ist kein Jude, dafür ein Lügner"

Dabei wiegen die Vorwürfe, die der „Spiegel“ in dem Bericht erhob, schwer. Zu schwer, um sie unbeantwortet stehen zu lassen. Seibert sei kein Jude, dafür ein mehrfach wegen Betrugs und Unterschlagung verurteilter Lügner. Seine Großeltern seien nicht, wie er behauptet, Auschwitz-Überlebende. Seit Freitagnachmittag ist nun klar: Wolfgang Seibert tritt zurück. Dazu äußern wollte er sich auf Anraten seines juristischen Beistandes nicht.

„Wolfgang Seibert will nicht, dass die Gemeinde, die er mit so viel Herzblut aufgebaut hat, beschädigt wird“, erklärt Walter Blender als Vorsitzender des Landesverbandes den Rücktritt, den der Pinneberger selbst angeboten habe. Blender betont im Abendblatt-Gespräch, dass an dem Vorwurf, Seibert sei gar kein Jude, nichts dran sei. „Wir haben das als Landesverband gewissenhaft geprüft“, so Blender. Es liege demnach eine Bescheinigung vor, die amtlich bestätigt sei.

Seibert ist kein Nachfahre von Auschwitz-Überlebenden

Zudem weisen Blender und Seibert die Unterstellung zurück, dass Seibert Gemeindegeld unterschlagen haben könnte. Die Kasse werde jährlich geprüft, in all den Jahren habe es keine Beanstandungen gegeben, lässt Seibert durch seinen Anwalt mitteilen. Zudem habe er keinerlei Zugriff auf Gelder, die der Landesverband erhalte, heißt es weiter. Blender bestätigt das. Warum Seibert trotz seiner Verdienste, die Blender im Gespräch erneut hervorhebt und die dem 71-Jährigen zuletzt auch Preise einbrachten, nun gehen muss? Es gibt einen Vorwurf, den die beiden nicht ausräumen können.

Seibert hat in einem gewichtigen Punkt überzogen: Er ist kein Nachfahre von Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz, wie Blender auf Nachfrage bestätigt. Im Anwaltsschreiben heißt es: „In einigen Punkten, Vorträgen, öffentlichen Stellungnahmen oder Darstellungen hat Herr Seibert überzogen. In diesem Zusammenhang fühlten sich Einzelpersonen beleidigt. Dafür möchte Herr Seibert sich hiermit entschuldigen.“

Ob Seibert Mitglied in der Gemeinde bleiben darf oder ihm sogar ein Ausschlussverfahren droht, das überlässt der Landesverband den Mitgliedern vor Ort. „Das muss die Gemeindeversammlung in Pinneberg entscheiden“, sagt Blender. „Es ist richtig, dass er sich falsch verhalten hat.“ Aber ob das nach so vielen Jahren guter Arbeit verhältnismäßig sei, dass er in der Gemeinde, die er selbst mitbegründete, dann nicht einmal mehr beten dürfte, dass müsse man sehen.

Seibert gründete jüdische Gemeinde 2002

Blender zumindest spricht davon, dass er die erhobenen Vorwürfe der vergangenen Tage für unverhältnismäßig hält. „Der Schaden ist enorm, das kann einen Menschen zerstören“, gibt Blender zu bedenken. Klar ist, dass bis zu den vorgezogenen Vorstandswahlen die jüdische Gemeinde Pinneberg mit 250 Mitgliedern kommissarisch durch die Geschäftsführerin des Landesverbandes geleitet wird.

Seibert gründete die Gemeinde 2002 mit und ist seit 2003 ihr Vorsitzender gewesen. Laut seinen eigenen Angaben seien die jetzt öffentlich thematisierten Vorwürfe bereits 2015 in der Gemeinde einmal Thema gewesen. In voller Kenntnis der Vorwürfe sei er zum Vorsitzenden gewählt worden. Die Frage ist, warum nun ausgerechnet jetzt das Thema erneut aufgegriffen wird.

Rabbiner Rothschild wurde 2015 gefeuert

Im „Spiegel“-Bericht wird auch der ehemalige Landesrabbiner Walter Rothschild zitiert. Er wurde 2015 gefeuert. Laut eines Mitgliedes der jüdischen Gemeinde hätten Rothschild und Seibert sich bis auf Blut bekriegt. Rothschild wollte den Pinneberger im Vorstand ersetzen, was misslang. Der Streit ging so weit, dass Seibert Walter Rothschild in Pinneberg ein Hausverbot erteilte. In der Erklärung deutet Seiberts Anwalt an, dass Daten zu Seiberts Vergangenheit, die der „Spiegel“ nennt, seinerzeit dem amtierenden Rabbiner von Schleswig-Holstein im Vertrauen mitgeteilt worden seien. Zur Schlammschlacht, die sich möglicherweise in der Jüdischen Gemeinde abspielt, äußerte sich Blender nicht.