Pinneberg
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Fall Seibert: Was Weggefährten jetzt sagen

Foto: Claas Greite

Grüne und Kreisjugendring erinnern sich gut an den heutigen Chef der Jüdischen Gemeinde, der laut „Spiegel“ ein Betrüger sein soll.

Pinneberg.  Am heutigen Dienstag hat Wolfgang Seibert (71), seit 2003 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg, einen Termin bei seinem Anwalt. Grund ist ein am Sonnabend erschienener, mehrseitiger, gründlich recherchierter Artikel im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, der Seiberts Vergangenheit als Betrüger hochholt und seine jüdische Identität für nichtig erklärt. Starke Vorwürfe, unterlegt mit Fakten und Dokumenten (das Abendblatt berichtete).

Erneuter Anruf bei Seibert. Auf Nachfrage meint der, ein Nachweis der eigenen Identität sei für sein Amt „nicht so entscheidend. Ich sollte doch nach dem bewertet werden, was ich jetzt mache!“ Seine jüdische Herkunft lasse sich beweisen: „Der ,Spiegel‘ hat da sehr nachlässig recherchiert.“ Bis der mutmaßliche Skandal aufgeklärt sei, habe er seinen Rücktritt angeboten, „der wurde aber von der Gemeinde abgelehnt, und auch der Landesverband hat zu mir gesagt: Du musst bleiben!“

Beim Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Bad Segeberg war am Montag telefonisch niemand erreichbar, der das hätte bestätigen können. Und Alissa Fuhlbrügge, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Elmshorn, sagt: „Man muss Seibert erst mal die Chance geben, sich dazu zu äußern.“

Die „Spiegel“-Autoren schreiben, Seibert habe seine jüdische Herkunft erfunden und die eigene Biografie mit immer neuen Geschichten angereichert, die nicht zusammenpassen. Mal sei er als Christ aufgetreten, mal als Angehöriger der Sinti und Roma und dann als Mann jüdischen Glaubens.

Der Sozialpädagoge Ingo Waschkau, Geschäftsführer des Kreisjugendrings, hat 1989 mit Seibert zu tun gehabt. „Ich habe ihn als Christen und Sinti oder Roma kennengelernt“, erinnert er sich. Damals, kurz nachdem Waschkau zum Kreisjugendring gestoßen war, sei Seibert gerade als Betrüger aufgeflogen, weil er mehr als 10.000 Mark aus der Kasse genommen hatte. Der „Spiegel“ schreibt, Seibert habe schon zuvor eine Gefängnisstrafe abgesessen, weil er bei der Büchergilde Gutenberg Bücher und Schallplatten für mehr als 1000 Mark nicht bezahlt hatte.

„Wolfgang Seibert konnte damals nicht erklären, wo das Geld hingekommen war“, erinnert sich Waschkau. Der Kreisjugendring sei daraufhin in eine Krise gerutscht, bis der Kreis Pinneberg das fehlende Geld erstattet habe. „Von heut’ auf morgen war Wolfgang Seibert dann verschwunden.“ Aufgetaucht sei er erst wieder 2003, als er Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde wurde.

„Ich habe ihn als freundlichen, umgänglichen Menschen erlebt, der viele Geschichten erzählt hat“, sagt Waschkau. Die Sache mit der Veruntreuung sei für den Kreisjugendring zwar erledigt. „Es blieb aber ein persönlicher Rest, denn da steckt viel Enttäuschung hinter.“ Seibert habe sich 2013 in einem Brief entschuldigt. Waschkau sei ihm fortan mit einer gewissen Distanz begegnet. Darüber, dass der Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde früher als Christ in Erscheinung getreten sei, habe er sich „keine Gedanken gemacht“, sagt Waschkau.

Auch bei den Grünen griff Seibert in die Kasse

Auch Jens Ewald, Kreisvorstandssprecher der Grünen, kennt den Mann, der viele spannende Geschichten erzählen kann: „Das ist allgemein bekannt, dass das ein schräger Vogel ist. Da waren wohl ein paar Sachen, aber als er Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde wurde, dachte man: Dann ist ja wohl jetzt alles okay sein.“ Ewald fragt sich gleichwohl, ob es gut sei, „jemanden in so einem Amt so zu zerreißen und 30 Jahre alte Geschichten ans Licht zu zerren“. Über die religiöse Orientierung von Wolfgang Seibert hat sich auch Thorsten Berndt, ehemaliger Kreisgeschäftsführer der Grünen, keine tieferen Gedanken gemacht. Bei den Grünen im Kreis Pinneberg hatte Seibert – auch das steht im „Spiegel“ – 43.000 Mark veruntreut. Viel wichtiger war Berndt, „dass er Reue gezeigt hat“.

Oft wird aber auch Gutes über Seibert und die Arbeit mit ihm berichtet. Zum Beispiel von der Wedeler Friedensaktivistin Irmgard Jasker: „Wir haben sehr gut mit ihm zusammengearbeitet. Wir werden versuchen, mit ihm zu reden.“

Der Pinneberger Propst Thomas Drope sagt: „Ich hatte nie einen Zweifel daran, dass Herr Seibert Jude ist. Bisher habe ich sehr vertrauensvoll mit ihm zusammen gearbeitet. Zum Beispiel in Gottesdiensten zum Gedenken an die Reichspogromnacht. Dieses Jahr werden wir am 11. November wieder einen gemeinsamen Gottesdienst machen.“

Die Nachricht, Seibert sei ein Hochstapler, habe ihn verwirrt, sagt Drope. „Es ist erschütternd, was der ,Spiegel‘ schreibt. Ich habe Herrn Seibert telefonisch nicht erreicht. Ich muss erst mal mit ihm reden.“ Seibert wisse sehr viel und könne sehr gut erklären, sagt Drope: „Seine Vorträge in unserer Reihe Akademie Theologie kommen immer sehr gut an. Sie dient der Verständigung.“