Pinneberg
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Hier wird die Vergänglichkeit zur Kunst

Foto: Katja Engler

Kulturkritik: Die Pinneberger Künstlerin Mioq hat in der Drostei eine sehr gelungene Ausstellung über das Sein und das Hätte eröffnet.

Pinneberg.  Ein Telefon ist ein Apparat, mittels dessen Menschen von Geburt und Tod erfahren, Entscheidungen in die Wege leiten und die Wahl treffen, jemanden anzurufen oder einem anderen Menschen zuzuhören. In der Pinneberger Drostei steht ein weißes, schön unmodernes Bakelit-Telefon mit Wählscheibe am Treppenaufgang zu der neuen, sehr gelungenen Ausstellung der Rellinger Künstlerin Mioq, die 2016 den Kulturförderpreis erhalten hat. Es weist den Weg in eine Tour de force durch die eigene Gedankenwelt, an jeder der 14 Stationen angeregt durch die unaufdringlichen Denkanstöße der Künstlerin, die den freien Fluss persönlicher Assoziationen nicht stören oder manipulieren.

Auf dem Boden der ersten Etage hat Mioq für ihre Installation auf ein Material zurückgegriffen, das sie mehrfach verwenden soll: Granitstein. Ewig, unzerstörbar und extrem hart. Im Gegensatz zu einem menschlichen Schädel, der nach spätestens 120 Lebensjahren zu Staub zerfällt, ist Granit Millionen von Jahren alt. Mioq hat auf jeden Stein einen Buchstaben geschrieben. Zusammen steht darauf: „Bedenke dass auch du sterben musst.“

Die gesamte Ausstellung befasst sich mit dem Leben, dessen Endlichkeit und dem einen oder anderen zeitlich klar zuzuordnenden Erinnerungsstück aus zurückliegenden Jahrzehnten. Dazu gehören das historische Bakelit-Telefon mit Schnur und im Obergeschoss ein abgeblätterter Küchenstuhl, dessen Polsterstoff nur noch an den äußersten Rändern zu erkennen ist. Dort werden vielleicht Gedanken an Omas Küche wach, an den Duft, wenn sie kochte, Gedanken an früher, wo altgediente Dinge weiter benutzt statt weggeworfen wurden.

Wer die Ausstellung von Mioq besucht, der kommt wiederholt und deshalb zwangsläufig in Berührung mit essenziellen Lebensfragen. Vorbei geht es an der Fotografie eines leeren Kissens mit dem Abdruck eines Kopfes. Eine Zelt-Installation, die Mioq aus transparentem schwarzem Stoff errichtet hat, lässt sich durchschreiten, bis der Stoff den Besucher umhüllt und der den Fragen nachgeht, ob er an Gott glaubt, was das Universum ist – und ob er tatsächlich ein lebenswertes Leben führt: „Lebe ich oder tarne ich mich?“

Das Thema der Vergänglichkeit erläutert Drostei-Chefin Stefanie Fricke, indem sie den Begriff Wirklichkeit mit dem der Fotografie in Beziehung setzt. Beide sind Bestandteil des Ausstellungstitels „Morta oder die Wirklichkeit hat noch nie ein Foto gesehen“.

Wirklichkeit sei ein abstrakter, umschreibender Begriff, sagt Fricke. Im Moment des Fotografierens sei sie bereits Vergangenheit geworden. Mioq mache Lust zum Quer- oder Rückwärtsdenken, indem sie mit der eigenen Sterblichkeit ein Thema setze, „das die meisten von uns von sich schieben“, so Fricke.

Bewusst hat Mioq ihren Rundgang vorbei an diversen Installationen, Objekten und Fotografien in bestimmten Farben gehalten: Schwarz ist für sie eine magische, tiefe Farbe, Gelb steckt voller Lebensenergie, Grün ist „eine Farbe, die nichts mehr will“, und Weiß bezeichnet in ihren Augen das Neue, Frische. „Ich sehe das als Puzzlespiel. Und die deutsche Sprache gibt mir die Möglichkeit, facettenreich und mehrdeutig zu arbeiten“, sagt Mioq.

Trotz der Schwere des Thema gelingt es ihr, der Ausstellung einen gewissen Witz zu erhalten: Im Treppenaufgang hängen drei schwarze „Konjunktiv-Beutel“: „Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt glücklicher zu sein“ steht auf einem, „Ich wünschte“ auf einem anderen. Das Ungelebte bekommt hier einen Raum, und das Ende allen Wünschens wird konkret.

Im Obergeschoss geht es mehrfach ans Eingemachte. Schlucken muss man beim Anblick ausgeschnittener Sterbeanzeigen aus der Zeitung, die Mioq lapidar und massenhaft übereinander auf einen alten Zettelhalter aufgespießt hat: „Du fehlst mir Leo, mein Freund“, steht dort zu lesen. Die Anzeige ist vom 14. November 2012.

„Morta... oder die Wirklichkeit hat noch kein Foto gesehen“: Ausstellung von Mioq bis 25.11. Drostei, Dingstätte 23, Mi–So 11–17 Uhr, Eintritt 3, erm. 1,50 Euro