Pinneberg
Elmshorn/Itzehoe

Vater wegen 557 Missbrauchsfällen vor Gericht

Der Prozess wird am Landgericht Itzehoe verhandelt

Der Prozess wird am Landgericht Itzehoe verhandelt

Foto: Carsten Rehder / picture alliance / dpa

Angeklagter soll sich an Töchtern vergangen haben. Er räumt zum Prozessauftakt kleinen Teil der Übergriffe ein und verharmlost sie.

Elmshorn/Itzehoe.  Wie ein Sex-Monster sieht Frank S. nicht aus. Der 57-Jährige (Vollbart, Halbglatze) mimt am Mittwoch vor der Jugendkammer des Landgerichts Itzehoe den liebevollen Familienvater. Im krassen Gegensatz dazu stehen die Vorwürfe, die Staatsanwältin Dagmar Staack ihm macht: Unglaubliche 557-mal soll sich Frank S. zwischen 2002 und 2009 im Reihenhaus der Familie in Elmshorn an seiner Stieftochter und seiner leiblichen Tochter vergangen haben.

Die Mädchen waren zum Zeitpunkt der ersten Übergriffe neun und elf. Inzwischen sind sie 25 und 27 Jahre alt – und sitzen zum Prozessauftakt als Nebenklägerinnen im Sitzungssaal. Beide ringen um Fassung, als die Staatsanwältin die diverse Seiten umfassende Anklageschrift verliest. Sie beschreibt, wie es beim „Familienkuscheln“ nach dem Sonntagsgottesdienst im Ehebett zu Übergriffen gekommen sein soll. Aber auch im gemeinsamen Zimmer der beiden Mädchen im Dachgeschoss soll Frank S. das Gute-Nacht-Sagen zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse genutzt haben.

Der 57-Jährige, der inzwischen im Kreis Herzogtum-Lauenburg wohnt, machte zum Prozessauftakt viele Worte, räumte jedoch nur wenig ein. „Ja, es gab Übergriffe. Aber was mich an der Anklage stört, ist die utopisch hohe Zahl an Taten. Ich weiß nicht, wie die zustande kommt“, sagt er. Er vermute, dass seine Töchter („Ja, ich nenne sie jetzt noch mal meine Töchter“) auf eine möglichst hohe Entschädigungszahlung aus seien. Nach seiner Erinnerung habe es maximal 15 bis 20 Fälle gegeben. Und die seien weniger gravierend als in der Anklage dargestellt. Alles andere sei „Quatsch“.

Frank L. zahlte den Töchtern bereits ein Schmerzensgeld

Der 57-Jährige schilderte, wie er seine spätere Ehefrau, die drei Kinder in die Beziehung hineinbrachte, über einen Bekannten kennengelernt hatte. „Ich bin ein sehr kinderlieber Mensch, auch wenn jetzt gerade ein anderes Bild von mir vermittelt wird.“ Er sei wie ein Vater für die Kinder da gewesen und habe sie auch mitfinanziert, da der leibliche Vater keine Zahlung geleistet habe. „Es war ein inniges, vertrauensvolles Miteinander.“ Die Mädchen seien frei und forschend gewesen – und hätten ihn bei den Übergriffen „teilweise geführt“, behauptete der Angeklagte. So hätte ihn seine leibliche Tochter sogar explizit dazu aufgefordert, sie im Intimbereich zu streicheln und zu küssen. Er habe nie Gewalt angewendet und niemanden zu etwas gezwungen.

Andere Fälle seien aus Massagen entstanden. „Ich bin kein Sittlichkeitsverbrecher, habe es nicht aus sexuellen Motiven getan. Ich habe es gemacht, weil es sich schön anfühlte“, so der 57-Jährige. Er räumte auch ein, seiner Stieftochter einen Soft-Porno gezeigt zu haben, weil sie Angst vor dem ersten Mal hatte. „Ich habe das damals als pädagogisch wertvoll angesehen, war zu dem Zeitpunkt sogar stolz darauf.“ Ihm sei klar, dass er Grenzen überschritten habe und sich dafür verantworten müsse.

Frank L., der im öffentlichen Dienst arbeitet, hat den Töchtern jeweils 15.000 Euro Schmerzensgeld gezahlt. Das Geld stammt aus dem Verkauf des Reihenhauses. „Ich habe meine Familie verloren, ich habe meine wundervolle Frau verloren“, jammerte der Angeklagte. Er schilderte, wie die Übergriffe zunächst als Familiengeheimnis bewahrt, dann dank Intervention des Ehemanns einer der Töchter bei der Polizei bekannt wurden. Nach dem 57-Jährigen, bei dessen Aussage die beiden Opfer den Saal verlassen hatten, trat die heute 27 Jahre alte Stieftochter in den Zeugenstand. Die Öffentlichkeit wurde dabei ausgeschlossen. Am heutigen Donnerstag sagt die leibliche Tochter des Angeklagten ebenfalls hinter verschlossenen Türen aus. Das Urteil wird Anfang November erwartet.