Pinneberg
Wedel

Valerie warnt: Die Elbe kann gefährlich sein

Valerie Vidal (15) steht mit ihrem Dummy in Wedel an der Elbe. Das Thema für ihre nächste Forschungsarbeit hat sie schon im Kopf: Was haben die Schiffe auf der Elbe mit dem Sandabtrag im Strandbad zu tun?

Valerie Vidal (15) steht mit ihrem Dummy in Wedel an der Elbe. Das Thema für ihre nächste Forschungsarbeit hat sie schon im Kopf: Was haben die Schiffe auf der Elbe mit dem Sandabtrag im Strandbad zu tun?

Foto: Thomas Pöhlsen

Schülerinnen untersuchen Auswirkungen der Schiffe auf die Sicherheit am Strand mit einem Dummy und gewinnen bei „Jugend forscht“.

Wedel.  „Die Warnungen vor den Gefahren am Elbstrand sind nicht ausreichend.“ Das steht für Valerie Vidal fest. „Es muss bessere Hinweise auf die Wellen geben, die von den großen Schiffen ausgelöst werden und durch die Menschen vom Strand ins Wasser gerissen werden können.“ Die bereits aufgestellten Schilder mit dem Hinweis „Baden verboten“, sie reichen aus ihrer Sicht nicht aus.

Die Forderungen der Schülerin fußen auf einer Forschungsarbeit, die sie zusammen mit ihre Mitschülerin Masha Galling am Gymnasium Rissen angefertigt hat. Die jungen Rissenerinnen reichten ihre Arbeit beim Wettbewerb „Jugend forscht“ ein und konnten damit den 2. Platz in der Kategorie Physik auf der höchsten Ebene erringen, nämlich beim Bundeswettbewerb.

Eine Meldung im Hamburger Abendblatt hatte Valerie Vidal und Masha Galling inspiriert. Darin ging es um zwei Mädchen, die durch den von einem Schiff ausgelösten Sog in die Elbe gezogen worden waren. Wie in Wedel stehen in Hamburg nur Schilder, die auf das Badeverbot in der Elbe hinweisen.

Im Rahmen eines Projekts sollten die damaligen Neuntklässlerinnen eine wissenschaftliche Forschungsarbeit anfertigen. Beide haben ein Faible für die Naturwissenschaften. Die Messlatte war durch die Schule hoch gelegt worden, denn die Arbeit sollte gut genug sein, um bei „Jugend forscht“ eingereicht werden zu können.

Wasserbau-Ingenieure und Lotsen geben Tipps

Valerie Vidal und Masha Galling suchten sich den Wittenbergener Strand als Forschungsfeld aus. Sie kauften bei einem Internet-Auktionshaus eine Schaufensterpuppe, um möglichst realistisch den Ernstfall simulieren zu können. Die Puppe musste beschwert werden, um dem Gewicht eines Kindes zu entsprechen. Mit dem Bundesamt für Wasserbau in Wedel und mit der Hamburger Lotsenbruderschaft nahmen die beiden Nachwuchsforscherinnen Kontakt auf, um sich dort Tipps für ihr Untersuchungsdesign zu holen.

Von der Wasserschutzpolizei wurden ihre Forschungsarbeiten begutachtet. Sie stellten zudem im Uferbereich Schilder mit Hinweisen auf ihre wissenschaftliche Arbeit auf. Sie befürchteten, Spaziergänger könnten sonst die Puppe im Wasser mit einem lebenden Menschen verwechseln, der gerettet werden muss, und Polizei sowie Feuerwehr alarmieren.

Dank einer Schifffahrts-App wussten die Rissenerinnen, wann welche Schiffe ihr Forschungsfeld passieren würden. Dann maßen sie mit ihrer Schaufensterpuppe, wie groß bei der Vorbeifahrt unterschiedlicher Schiffsklassen bei Ebbe und Flut in der Elbe die Sogkraft auf den menschlichen Körper ist. Des Weiteren untersuchten sie, wie viel Wasser durch die Schiffe in Form von Sog und Schwell auf den Strand trifft. Dabei berücksichtigen sie auch den Einfluss von Tide und Windgeschwindigkeit sowie Tiefgang, Geschwindigkeit und Größe der vorbeifahrenden Schiffe. Mithilfe einer Kofferwaage ermittelten sie, mit wie viel Kraft ihre Puppe jeweils in Richtung Flussmitte gezogen wurde.

Aus dem Projekt entwickelt sich Berufswunsch

Die Schiffe teilten sie in drei Kategorien ein, die ihre Puppe unterschiedlich stark ins Wasser zogen. Ergebnis: Geringe Gefahr geht von Schiffen von 20 bis 100 Meter Länge aus, mittlere Gefahr von Schiffen von 100 bis 30o Meter Länge, und besonders starke Sogkraft haben die Schiffe, die mehr als 300 Meter lang sind.

In einem zweiten Schritt wollten Valerie Vidal und Masha Galling wissen, inwieweit am Strand stehende Mensschen in der Lage sind, dem Sog zu widerstehen. Dazu gingen sie in ein Schwimmbad und baten Kinder, Jugendliche und Erwachsene um Hilfe. Wieder kam die Kofferwaage zum Einsatz, mit der die Kraft der Schwimmer gemessen wurde.

Außerdem nahmen sie Messungen im Strömungskanal des Schwimm-Olympiastützpunkts in Hamburg-Dulsberg vor. Die Ergebnisse fasst Valerie Vidal wie folgt zusammen: „Bei kleineren Schiffen haben Erwachsene und Jugendliche keine Probleme. Kinder können sich nur 30 Sekunden auf den Beinen halten.“ Selbst bei mittelgroßen Schiffen könnten sich Erwachsene und Jugendliche nur eine halbe Minute halten. „Kinder haben gar keine Chance und werden ins Wasser gerissen“, so die Schülerin. Bei großen Schiffen mit mehr als 300 Meter Länge könnten sich Erwachsene und Jugendliche nur zehn Sekunden halten.

Heraus kam eine 17-seitige Arbeit, in der die jungen Frauen unter anderem mit Diagramm und Zeichnungen die Ergebnisse darstellen. Die Ausarbeitung wurde von den Juroren als so fundiert angesehen, dass den Rissenerinnen über Regional- und Landeswettbewerb der Sprung zum Bundeswettbewerb von „Jugend forscht“ gelang.

Demnächst werden sie nach Berlin fahren, um aus den Händen der Bundeskanzlerin ihre Auszeichnung entgegenzunehmen.

Die Ergebnisse lassen sich auf viele Strände an der Elbe, etwa auf den im unmittelbar benachbarten in Wedel, übertragen, das ist für Valerie Vidal klar, die außer der Leidenschaft für die Naturwissenschaften auch noch die Liebe zur Musik pflegt. Sie spielt Bratsche bei den Jungen Streichern Hamburg, dem Orchesterensemble der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg, und nimmt Gesangsunterricht, Schwerpunkt Klassik und Musical.

Valerie Vidals Ehrgeiz ist mit der erfolgreichen Teilnahme bei „Jugend forscht“ geweckt worden. Zumal viele der Schüler, gegen die die Rissenerin beim Bundeswettbewerb antrat, deutlich älter waren als sie. „Vielleicht mache ich mit einem neuen Thema noch einmal mit“, sagt die 15-Jährige. Möglicherweise befasst sie sich dann ebenfalls mit Sog und Schwell der großen Schiffe auf der Elbe, allerdings unter einem anderen Gesichtspunkt. Valerie Vidal hat von dem Sandabtrag vom Strand gehört, wie er an vielen Ufern des Flusses vorkommt. Besonders stark ist der in Wedel im Bereich des Strandbades.

Und mit der Forschungsarbeit könnte es für Valerie Vidal schon einen ersten Hinweis auf den späteren Berufsweg geben. Die ambitionierte Schülerin sagt: „Vielleicht mache ich ein Ingenieurstudium für Wasserbau oder im Bereich Umwelt.“