Pinneberg
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Pinnebergs Lost Places suchen eine Zukunft

Foto: Sebastian Becht

Bauamtsleiter nennt sie „Orte des Übergangs“. Ob DRK-Heim, Kaserne, Güterbahnhof: Pläne liegen schon in der Schublade.

Pinneberg.  Risse im Mauerwerk. Wildwuchs. Überall Schmierereien und zerbrochenes Glas. Jemand hat sein altes Sofa entsorgt. Direkt neben den Gleisen. Pinnebergs Güterbahnhof ist ein Dorado für Fotografen mit Vorliebe für sogenannte Lost Places. Orte also, die verlassen vor sich hingammeln. Davon gibt es auch in der Kreisstadt einige. Doch das wird sich ändern. Investoren verändern das städtebauliche Gesicht Pinnebergs. Die verlorenen Orte werden bald keine mehr sein.

Beispiel Ex-Kaserne: Im Stadtteil Eggerstedt, wo bis 2003 noch Soldaten marschierten, wohnen schon jetzt viele Neubürger. Die Parkstadt gilt als städtebauliches Vorzeigeprojekt. Zwar bemängeln Kritiker hohe Preise, die Vermarktung lief dennoch gut. 250 Wohneinheiten, ein Kindergarten und eine Internationale Schule sind bereits entstanden. Spielplätze ebenfalls. Trotz der Bautätigkeit gibt auch in dem neuen Stadtteil Pinnebergs noch immer Lost Places. Wer den Weg durch den ehemaligen Kaserneneingang in Richtung Privatschule nimmt, erblickt alten Gebäudebestand. Die Scheiben sind eingeschlagen, die Türen vernagelt. Nicht ohne Grund: Verlassene Orte sind oft Anziehungspunkte für Brandstifter. Und für Kinder und Jugendliche, denen im Inneren Gefahr droht. Gleich nebenan ist das Jugendzentrum Komet.

Eigentümer müssen Bauruinen sichern

Das gilt auch für die alte Kasernensporthalle, die nur einige Hundert Meter von der Internationalen Schule entfernt steht. Das Gelände gehört dem Bildungsträger Wabe, der eine Erweiterung seines Campus-Projekts plant. Im Inneren ist der Hallenboden an mehreren Stellen durchgerottet. Alte Sportgeräte stehen in den Nebenräumen. Nachdem Jugendliche sich durch eingeschlagene Fenster Zutritt verschafft hatten, wurde die Ruine mit einem Zaun gesichert. Für das Absperren verfallender Gebäude ist laut Pinneberger Stadtverwaltung allein der jeweilige Besitzer zuständig. „Die Verkehrssicherungspflicht liegt bei den Eigentümern. Ob und in welcher Weise die ihre Grundstücke und die darauf befindlichen Gebäude sichern, obliegt ihnen“, sagt Rathaussprecherin Maren Uschkurat.

Wann der marode Gebäudebestand auf dem Areal der früheren Eggerstedt-Kaserne verschwunden sein wird, weiß sie derzeit nicht genau. „Abriss und Baubeginn sind abhängig von der Zeitplanung des Vereins Wabe“, so Uschkurat. Zum ursprünglichen Campus-Konzept des Bildungsträgers gehört unter anderem der Bau einer Akademie. Auch ein Hotelprojekt ist in Planung.

Blick an den Stadtwald Fahlt: Dort rottet ein vor Jahren geräumtes Seniorenheim vor sich hin. Investoren dürften sich angesichts der ruhigen und dennoch zentralen Lage bereits jetzt die Finger lecken. „Das Gelände des früheren DRK-Heims befindet sich im Geltungsbereich des B-Plans 150 für das Rehmenfeld, der derzeit aufgestellt wird“, sagt Uschkurat auf die Frage nach dem Horizont. „Zurzeit ist dort Wohnbebauung angedacht, eine endgültige Entscheidung hierzu gibt es jedoch nicht“, so die Rathaussprecherin weiter. Sie gehe davon aus, dass der Abriss des Altenheims und ein Neubau voraussichtlich noch 2019 möglich gemacht würden. Bis dahin sei die Stadt als Eigentümer für die Absicherung der zunehmend verfallenden Gebäude verantwortlich. Der Kommunale Servicebetrieb der Stadt überprüfe das Grundstück regelmäßig.

Nach ihren Vorstellungen von Stadtentwicklung befragt, verweist die Pinneberger Bürgermeisterin Urte Steinberg darauf, dass die Stadt in den meisten Fällen nur Rahmenbedingungen schaffen kann. Konkrete Zeitpläne seien die Sache der Investoren. „Für alle genannten Areale gibt es bereits Pläne. Da wir als Stadt aber nicht der Bauherr sind, können wir den konkreten Abrisszeitpunkt der alten Gebäude nicht bestimmen. Das ist Aufgabe der Investoren.“

Doch zurück zum Güterbahnhof, der seit vielen Jahren vor sich hin rottet. Im Zuge der Umgestaltung des Bahnhofsumfeld nebst Bebauung der ebenfalls weichenden ILO-Hallen soll dort ein Gewerbepark entstehen, wo jetzt der alte Bahnsteig zerbröselt. Eines der größten städtebaulichen Projekte überhaupt in Pinneberg. Den Zuschlag hat das Hamburger Büro Matrix bekommen. 360 Wohneinheiten entstehen dort, wo bis 1990 noch die ILO-Motorenwerke beheimatet waren. Das Gesamtprojekt umfasst rund 75.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, wovon ein Drittel für Gewerbe vorgesehen ist. Baubeginn des ersten Bauabschnitts, der den Abriss des Güterbahnhofs einschließt, soll im ersten Halbjahr 2019 sein. Die Rede ist von einer Investition jenseits von 100 Millionen Euro. 2024 soll das Mühlenauquartier fertig sein – und der Güterbahnhof Geschichte.

Pinnebergs Bauamtsleiter Klaus Stieghorst sieht die Entwicklung mit Freude: „Die Flächen kennzeichnen Orte des Übergangs von einer alten, nicht mehr gefragten Nutzung zu neuen Projekten, die für die derzeit dynamische Stadtentwicklung Pinnebergs stehen“, sagt er. Kritiker, etwa aus Reihen der Grünen, werden genau hinsehen. Sie fordern maßvolle Stadtentwicklung, vernünftige Verkehrsplanung und eine soziale Infrastruktur, die mithalten kann.