Pinneberg
Tierschutz

Ein Verein gibt Straßenhunden ein Zuhause

Ingrid Schäffer mit einiger ihrer Schützlinge

Ingrid Schäffer mit einiger ihrer Schützlinge

Foto: Anne Dewitz

Der Verein Lost Animals in Groß Nordendehat in einem Jahr seit seiner Gründung schon 103 Tiere in eine Familie vermittelt.

Groß Nordende.  103 Hunde haben ein schönes Zuhause gefunden. Das ist die Bilanz von Lost Animals nach einem Jahr. Der Tierschutzverein mit Sitz in Groß Nordende hat sich zum Ziel gesetzt, inländische und ausländische Hunde zu retten. Eine Truppe von Tierschützern, die schon für andere Tierschutzorganisationen tätig waren, hat sich zusammengeschlossen und im August vergangenen Jahres die Arbeit aufgenommen.

Bislang zählt der Verein acht Mitglieder. Insbesondere in Russland, Rumänien und der Ukraine sei die Not groß. Von dort kommen die Straßenhunde. „Wir nehmen Tiere auf unsere Pflegestellen auf, versorgen und sozialisieren sie und suchen für sie geeignete Familien, damit sie ein Leben lang glücklich sein können“, sagt Ingrid Schäffer, Erste Vorsitzende und Mitbegründerin des Vereins.

Wer auf der Internetseite ein Tier gesehen hat, für das er sich interessiert, nimmt zunächst Kontakt mit dem Verein auf. Nach einem ersten Gespräch mit Vereinsmitgliedern kann das Tier besucht werden. Bei Interesse einer Übernahme schauen sich die Tierschützer, ob das neue Heim geeignet ist. Wenn nichts dagegen spricht, kann der Hund in sein neues Zuhause einziehen. Dies geschieht in Verbindung mit einem Tierschutzvertrag und gegen eine Gebühr von 350 Euro. „Drei Viertel des Geldes bekommt der Vermittler im Ausland, der die Kosten für den Transport nach Deutschland per Flugzeug oder Transporter, für Impfungen und das Chippen des Hundes auslegt“, sagt die Tierpsychologin, die noch zwei Ausbildungen zur Hundetrainerin und Tierheilpraktikerin absolviert. Ansonsten arbeiten die Tierschützer vor Ort ehrenamtlich.

Zurzeit arbeitet der Verein hauptsächlich mit drei Vermittlern in Russland zusammen, die Schäffer alle persönlich aus ihrer Zeit bei Mira Hundehilfe Moskau kennt. Bei dem Tierschutzverein war sie Mitbegründerin, doch anders als ihre Mitstreiterin fand sie, die Hilfe sollte nicht nur für Straßenhunde aus Russland gelten. „Wir haben uns dann im Guten getrennt.“

Die Straßenhunde werden vor Ort ärztlich untersucht und erhalten ein Gesundheitszeugnis, ehe sie auf eine Pflegestelle kommen. „Wir haben aktuell sechs Pflegestellen, könnten aber weitere gebrauchen“, sagt Schäffer, die selbst insgesamt schon 90 Pflegehunde vorübergehend bei sich aufgenommen hat. Das Futter bezahlt sie – wie alle „Pflegeeltern“ – selbst. In den Pflegestellen werden die Tiere auf das Leben in ihrer künftigen Familie vorbereitet. Außerdem lernt Schäffer den Charakter des Tieres kennen, sieht, ob es besonders ängstlich oder hormonell gesteuert ist.

„Aurelio zum Beispiel stammt aus einem italienischen Tierheim, wo er von den anderen Welpen wahrscheinlich unterdrückt wurde“, sagt Schäffer. Als der Mischling zu ihr kam, hasste er Welpen. Tavia, die von einer Hütehündin auf La Gomera abstammt, verteidigt aus geprägt ihr Territorium. Und Frodo aus Rumänien schnappte gern mal zu. Die Drei haben bei Schäffer ein dauerhaftes Zuhause gefunden, die ihnen die schlechten Gewohnheiten weitgehend abtrainiert hat. Das Rudel bietet neuen, noch ängstlichen Pflegehunden wie dem Kleinspitzwelpen Leo Sicherheit. Am liebsten würde Schäffer ihn behalten. Aber darüber müsste sie noch mit ihrer Schwiegermutter, die ebenfalls im Haus wohnt, verhandeln, sagt sie und lacht.

In Deutschland müssen die Straßenhunde noch viel lernen, sei es auf ihren Namen und Kommandos zu hören, an der Leine zu gehen, stubenrein zu sein, im Auto mitzufahren oder Treppen zu steigen. „Die meisten Hunde werden es nicht kennen, dass sie allein in einer Wohnung oder einem Haus bleiben müssen. Sie kennen es zwar, ohne den Menschen zu sein, aber in Hundegesellschaft“, sagt sie. Und die Schützlinge sind nicht gleich stubenrein. „Erstaunlicherweise lernen sie das schnell, und ein großer Teil der Hunde ist stubenrein, obwohl sie nie in einem Haus gelebt hat.“

In ihrem bisherigen Leben hätten die Hunde mit dem Menschen überwiegend schlechte Erfahrungen gemacht. „Sie wurden häufig verscheucht, mit Steinen beworfen, geschlagen, angekettet, tagelang nicht gefüttert“, sagt Schäffer. Einige Tiere müssten erst mal das Gute in ihrem neuen Herrchen kennenlernen. Für den Bindungsaufbau seien die ersten vier Wochen in der neuen Familie besonders wichtig. „Man darf die Tiere nicht bedrängen“, sagt Schäffer. Irgendwann siege die Neugier.

„70 Prozent der Adoptanten haben Katzen“, sagt Schäffer. In jedem Fall sollten die Tiere anfangs nicht zusammen allein gelassen werden. Gut, dass es Therapiekatze Candice gibt. „Sie ist darauf trainiert, nicht gleich davonzulaufen, wenn ein Hund auf sie zustürmt“, sagt sie. Wie bestellt, kommt Candice um die Ecke getigert. Welpe Leo bestürmt sie sofort und will spielen. Geduldig lässt sie sich abschnuppern, tollt mit ihm, doch als Leo zu grob wird, ruft sie ihn mit einer Ohrfeige zur Ordnung. Leo ordnet sich unter. So lernt er den Umgang mit Katzen, was die Chancen auf eine dauerhafte Familie erhöht.