Pinneberg
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Das exotische Leben des Johannes Görbing

Straßenbild aus dem Kurdenviertel von Beredjik in der Türkei. Die Fotografie stammt aus dem Jahr 1918

Straßenbild aus dem Kurdenviertel von Beredjik in der Türkei. Die Fotografie stammt aus dem Jahr 1918

Foto: Johannes Görbing, Pinneberg Museum / HA

Der Rellinger sammelte auf Reisen Exponate, die im Museum Pinneberg bewahrt werden, darunter viele Fotos aus der Fremde.

Pinneberg.  Durch seinen Gartenteich staksen Flamingos. Auf einem anderen Bild steht ein bärtiger Mann im Anzug vor einem Terrarium, hält eine Echse auf seinem Arm. Die Aufnahme zeigt den Rellinger Apotheker und Agrarexperten Johannes Görbing (1877–1946). Die Schwarz-Weiß-Fotos zeugen von einem exotischen Leben.

„Görbing war eine schillernde Persönlichkeit und ein Wissenschaftler mit einer ausgeprägten Vorliebe für abenteuerliche Reisen und verschiedenste Wissensgebiete“, sagt Ina Duggen-Below, Leiterin des Pinneberg Museums. Dort wird sein Nachlass bewahrt. Darunter befinden sich eine umfangreiche Mineraliensammlung, Reisefotografien aus dem Nahen Osten sowie Exponate aus den Bereichen der Vor- und Frühgeschichte, der Antike, der Volkskunde und Ethnographie.

Sammlung lag 50 Jahre vergessen im Keller

Görbings Sammlung besticht durch Vielfalt, Umfang und Qualität der Einzelstücke. „Der Charakter dieser Sammlung, der auf die fürstlichen Kunst- und Wunderkammern zurückgeht, entspricht der Tradition der Zeit Görbings“, sagt Duggen-Below. Aus diesen Sammlungen entstanden die heutigen Spezialmuseen. Die Museumspräsentation nimmt den historischen Charakter auf, indem die Objekte in den originalen Sammlerschränken präsentiert werden.

Nach Görbings Tod 1946 im Alter von 69 Jahren übergaben Nachkommen seine Sammlung 1950 der Stadt Pinneberg. Ihr Ansinnen war es, sie als Schausammlung zu präsentieren. Ein Museum gab es damals nicht. Stattdessen lagerten die etwa 3000 Mineralien, mehrere Hundert Edelsteine, Glasgefäße, die vermutlich aus dem ersten bis dritten Jahrhundert nach Christus stammten, Kleinplastiken, antike Münzen und Schmuck aus aller Welt bis zum Jahr 2000 im Keller des Rathauses.

Ina Duggen-Below brachte die völlig in Vergessenheit geratene Sammlung wieder ans Tageslicht. Ein Rathaus-Mitarbeiter hatte sie darauf hingewiesen, dass im Keller noch ein paar „olle Steine“ lägen. Die entpuppten sich als wertvolle Sammlung an Edelsteinen und seltenen Mineralien – verborgen unter einer zentimeterdicken Staub- und Dreckschicht. Die Reinigung war keine leichte Aufgabe. „Einige Steine mussten trocken gesäubert werden, andere mit Ultraschall, und manche durften gar nicht angefasst werden“, erinnert sich die Kunstpädagogin.

Hilfe erhielt sie damals von Jürgen Schlüter, einem Sachverständigen für Mineralien vom Mineralogischen Institut der Universität Hamburg. Er erkannte, dass nicht nur die Stücke sehr wertvoll, sondern auch die Fundorte bedeutsam waren, da sie teils gar nicht mehr existierten – wie die namibische Mine Tcumeb oder ein englisches Bergwerk in Cornwall. Die Mineralien stammen von Fundorten auf der ganzen Welt.

Fotos von Görbings Reisen waren schwer beschädigt

Noch schlimmer war es um etwa 300 Negative bestellt – Glasplatten und Zelluloid. Sie waren durch einen Wasserschaden fast zerstört worden. „Die Fotoschicht löste sich bereits von den Kontaktabzügen“, sagt Duggen-Below. Deren Rückseiten waren detailliert beschriftet. Auch ein Notizbuch war stark in Mitleidenschaft gezogen worden. In ihm hatte Görbing jedes Foto aufgeführt. Der erste Eintrag stammt vom 8. April 1918, der letzte vom 25. Oktober 1918. „Durch den Wasserschaden sind viele Einträge zerstört worden“, sagt sie. Einiges ließ sich aber doch noch entziffern.

Görbing war als Apotheker während des Ersten Weltkrieges beim Generalstab. 1918 führte ihn seine Arbeit auch in den Nahen Osten – er war als Sachverständiger für Ernährungsfragen mit dem Asienkorps in Damaskus und Aleppo stationiert. Dort unternahm er viele Exkursionen und dokumentierte seinen Aufenthalt anhand von Fotos.

Sie zeigen Straßen und Menschen in den syrischen Städten Aleppo, Damaskus und Hama am Orontes sowie Grabungsstätten in Karkemisch an der heutigen türkisch-syrischen Grenze. Ein anderes Bild zeigt eine Station der Hedschasbahn, die von Damaskus bis Mekka führte.

In Palästina und Syrien hatte Görbing die Hungersnot gesehen, und in seiner Heimat erlebte er die Nahrungsnot des eigenen Volkes. Gleich nach Kriegsende beschloss er, sein ganzes Leben dem Ackerbau zu widmen. Er beschäftigte sich mit der Frage, wie sich landwirtschaftliche Erträge steigern ließen. So wollte er der schwierigen Versorgungslage entgegenwirken.

1925 richtete die Düngemittelwirtschaft und Kalkindustrie an der Tangstedter Straße in Rellingen umfangreiche Versuchsanlagen ein. Görbing testete dort die Wirkung von Düngemitteln und zog schließlich 1926 mit seiner Familie in den Ort. Das Haus an der Tangstedter Straße steht immer noch und fällt durch die besondere Dachkonstruktion auf. Sie besteht nicht aus Dachbalken, sondern trägt sich mit leicht gekrümmten Lamellen in Rautenform. Hier war auch das Institut für Bodenkunde und Pflanzenernährung untergebracht. „Vermutlich hat er das selbst entworfen“, sagt Duggen-Below. Als gefragter Agrarexperte war er Ende der 20er-Jahre neun Monate des Jahres auf Reisen, um Landwirte zu beraten. Seine Frau Ida kümmerte sich derweil um die drei gemeinsamen Kinder.

Experten für Görbing- Forschung gesucht

Mittlerweile konnte der Foto-Nachlass mithilfe der Elbe Werkstätten digitalisiert werden. Finanziert wurde dies durch die Fielmann AG. 272 Fotos wurden auf Digicult, einem Verbund von Museen zur digitalen Erfassung von Museumsbeständen, veröffentlicht und so für die Nachwelt gesichert. Davon konnte etwa die Hälfte zugeordnet werden. „Wir wissen aber, dass Görbing eine Reise auf dem Euphrat unternommen hat. Darüber fehlen uns Informationen“, sagt die Museumsleiterin.

Duggen-Below stößt an ihre Grenzen, denn in dem kleinen Stadtmuseum gibt es außer der Museumsleiterin kein Personal. Dabei bieten die Fotos noch einige Forschungsansätze. Informationen zu den Bildern sind lückenhaft, und Görbings Reiseroute wäre noch zu rekonstruieren. Welchen Forschungsauftrag hatte Görbing eigentlich, der ja in offizieller Mission unterwegs war? Und wo sind die Forschungsberichte verblieben? Um Antworten auf diese und weitere Fragen zu finden, sucht sie nun dringend Projektpartner, die mit diesem Material weiterarbeiten können.