Pinneberg
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Warum dieser Frau das Lachen nicht vergeht

„Hoho, haha, sehr gut sehr gut, jäehhh“ ruft Irene Thelen-Denk und reißt die Arme zum Jubel in die Luft. Mit verschiedenen Übungen animiert sie die Kursteilnehmer zum Lachen

„Hoho, haha, sehr gut sehr gut, jäehhh“ ruft Irene Thelen-Denk und reißt die Arme zum Jubel in die Luft. Mit verschiedenen Übungen animiert sie die Kursteilnehmer zum Lachen

Foto: Anne Dewitz / HA

Irene Thelen-Denk gibt Kurse an der VHS Pinneberg und zeigt Teilnehmern, wie sie sich einen Lachvorrat anlegen können.

Pinneberg.  Die Frauen sitzen im Kreis. „Ich heiße Frauke und freue mich immer noch über das tolle Hochzeitsfest“, beginnt die Erste die Vorstellungsrunde. Alle lachen. Nicht über Frauke, sondern weil Lachen keinen Grund braucht. „Das ist eines der Prinzipien im Lachyoga“, erklärt Irene Thelen-Denk, gewissermaßen Lach-Expertin. Sie leitet den Lachyoga-Kursus an der Pinneberger Volkshochschule.

Es ist das letzte von mehreren Treffen, ehe es in die Sommerpause geht. Die neun Teilnehmerinnen sind bereits ein eingespieltes Team. Sie wirken gelöst und es braucht nicht viel, sie zum Lachen zu bringen. Vorstellen müssten sie sich nicht, doch die Runde zum Beginn der Lachyoga-Stunde ist ein Ritual.

Ein indischer Arzt hat das Lachyoga 1995 entwickelt

Jede erzählt, worüber sie sich in dieser Woche besonders gefreut hat: Karins Enkeltochter feiert ihren elften Geburtstag, Gela hat Tickets für ihre Lieblingsband ergattert und sich von Herzen darüber gefreut, Verena freut sich für Frauke über das gelungene Hochzeitsfest. Eine nach der anderen erwähnt etwas Schönes, worüber sie gemeinsam lachen. Nur Rutchen, mit 86 Jahren die älteste Teilnehmerin, tut sich heute schwer damit, sich auf etwas Positives zu besinnen. Ihre Beine schmerzen.

Doch die nächste Übung – sie macht sie sitzend, die anderen stehen – bringt auch sie zum Lachen. „Hoho, haha, sehr gut, sehr gut, jäehhh“, rufen alle, klatschen dazu rhythmisch in die Hände. „Lachen öffnet die Herzen“, sagt Irene Thelen-Denk. Und animiert dazu, den „Lachmotor“ anzuwerfen. Auf das „Herzöffnungslachen“ folgen Atemübungen.

Im Zentrum des Lachyoga stehen die Lachübungen, die – zunächst angeleitet – schnell in tiefes, herzhaftes Lachen übergehen. Dazu kommen Entspannungs- und Atemübungen sowie Rituale, die eine kindliche Verspieltheit fördern. Lachyoga wird inzwischen in mehr als 100 Ländern praktiziert. Auch im Kreis Pinneberg wird es immer bekannter.

„Vor vielen Jahren habe ich das Thema Glück im Philosophieunterricht behandelt“, sagt die Pinnebergerin. Dabei stieß sie auf Dr. Madan Kataria. Der indische Arzt hat das Lachyoga 1995 entwickelt und praktizierte es mit Slumbewohnern. „Die Bilder der glücklich gemeinsam lachenden Menschen haben mich nachhaltig berührt.“ Nachdem sie 2012 dann selbst an einer Lachyogastunde teilgenommen hatte, entschied sie sich für eine Ausbildung zur Lachyoga-Leiterin – gemeinsam mit ihrer Schwester Doro. Inzwischen sind beide zertifizierte Lachyoga-Lehrerinnen, unterrichten und bilden andere Lachyogalehrer aus.

Thelen-Denk schiebt mit einem Wisch symbolisch die Wolken zur Seite und atmet tief durch. Die anderen machen es ihr nach. Dann streichen sich alle über ihre Schultern und sprechen gemeinsam das befreiende Mantra „Vergeben, vergessen, leben lassen“. Lachyoga kann optimistischer, lockerer und mutiger machen. „Wir entwickeln auch mehr Mitgefühl uns selbst und anderen gegenüber“, sagt Thelen-Denk.

Durch kurze, pantomimische Lachübungen und kraftvolle Rituale werden Gelöstheit und Freude körperlich ausgedrückt. „Diese kindlich-verspielten Verhaltensweisen können helfen, das oft verlorene innere Kind neu zu entdecken“, so die Lachyoga-Expertin. Dazu müsse der innere Kritiker und Bewerter in die Auszeit geschickt werden. „Wir geben symbolisch unsere linke beobachtende und analysierende Gehirnhälfte an der Garderobe ab und mit ihr bewertende und kritische Gedanken oder Kommentare“, so die Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache, Englisch und Philosophie.

Wer gackernd wie ein Huhn durch den Raum hüpfen, ein „Seufzerblümchen“ pflücken oder beim Atmen wie eine Biene summen soll, muss Hemmungen erst mal überwinden.

„Beim ersten Mal dachte ich, gleich kommen die Männer mit den Zwangsjacken rein“, sagt Verena und lacht. Heute ist sie von der heilenden Wirkung des Lachens überzeugt und kann sich unbefangen auf die Lachübungen einlassen. Nach einer großen Herzoperation hat ihr das intensive Lach- und Atemtraining dabei geholfen, wieder Luft zu bekommen.

Beim Lachyoga werden Glückshormone ausgeschüttet

„Lachyoga ist Atemtherapie pur“ ist Thelen-Denk überzeugt. Außerdem würden Dopamin und Serotonin ausgeschüttet – oft als „Glückshormone“ bezeichnet. „Sie fluten unseren Körper und wirken als Schmerzhemmer. Gleichzeitig baut sich das Stresshormon Cortisol ab. Unser Immunsystem wird gestärkt, der Blutdruck reguliert sich: Wohlige Entspannung setzt ein.“

Bevor es in die Ferien geht, gibt sie den Frauen noch zwei Übungen für den Alltag mit. „Ärgern oder Lachen?“, stellt sie zur Wahl und hält ihre Hände dabei wie Waagschalen in die Luft. Nach einigem Abwägen rufen alle „Lachen“ und reißen bei einem Sprung die Arme in die Luft. Lachen erfüllt den Raum.

Dann legen sich alle einen Lachvorrat an, indem sie erst in die rechte Hand lachen und das Lachen in die Hosentasche packen, dann alles links wiederholen. „Und wenn der kleine Ärger kommt und ihr das Lachen braucht, holt ihr es wieder hervor und werft es euch ins Gesicht“, sagt Thelen-Denk.

Beim „Lachruderboot“, der letzten Übung vor der Endentspannung, sitzen die Frauen hintereinander und lassen sich nach einigen imaginären Ruderschlägen lachend zurückfallen. Das Gefühl, auf einem lachenden Bauch zu liegen, macht Verbundenheit erfahrbar und ist für die meisten der Höhepunkt der Stunde.