Pinneberg
Selbstverteidigung

Krav Maga kann für Jedermann hilfreich sein

Abendblatt-Mitarbeiterin Sarah Stolten (l.) schlägt mit dem linken Unterarm an die Schaumstoffmatte, die von Jasmin Nawroth in Position gebracht wird

Abendblatt-Mitarbeiterin Sarah Stolten (l.) schlägt mit dem linken Unterarm an die Schaumstoffmatte, die von Jasmin Nawroth in Position gebracht wird

Foto: Ulrich Stückler

Abendblatt-Mitarbeiterin nimmt an Nahkampfkursus des Wedeler TSV teil – und erzählt, wie sie lernt und leidet. Wurzeln liegen in Israel.

Wedel.  Ob ich denn viel gegessen hätte, lautet Burkhard Mars’ erste Frage an mich. Ich verneine. „Gut“, sagt Mars. „Nicht, dass gleich das ganze Essen unverdaut auf der Matte liegt.“ Das ist doch mal eine Ansage.

Ich stehe mit Krav Maga-Trainer Burkhard Mars vor der großen Turnhalle des Wedeler TSV und überlege, was ich zuletzt gegessen habe – Brokkolisuppe. Ich hoffe, die grüne Speise bleibt da, wo sie jetzt ist. Denn gleich soll ich am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, jemanden mit einem Nahkampfsystem, das einst für die israelische Armee entwickelt wurde, in die Flucht zu schlagen. Ich starte einen Selbstversuch und mische mich unter die Teilnehmer des Krav Maga-Kursus.

Zur Erläuterung: Krav Maga ist keine Kampfsportart. Es ist ein Nahkampf- und Selbstverteidigungssystem, das ursprünglich aus dem militärischen Bereich kommt. „Seit einigen Jahren dient Krav Maga im zivilen Bereich zum Selbstschutz und dazu, sich aus einer gefährlichen Position zu entfernen“, sagt Trainer Burkhard Mars.

Effektive Techniken aus verschiedenen Kampfsportarten und -Künsten werden gebündelt. Dazu gehören unter anderem Hebel, Tritte und Schläge. „Das System setzt auf einfache Techniken, die auf Reflexen des menschlichen Körpers basieren.“ Und das soll auch der Vorteil an diesem Selbstverteidigungssystem sein. Die Techniken sind schnell zu lernen und sollen lange in Erinnerung bleiben. „Ich will eine Attacke abblocken und am besten mit einer einzigen explosiven Bewegung zum Gegenangriff ausholen“, sagt der 50-Jährige. Und genau das soll ich jetzt machen.

Schon das Aufwärmprogramm hat es ordentlich in sich

Doch bevor Mars die ersten Übungen auf der Matte zeigt, werden wir Kursteilnehmer, unter ihnen Frauen und Männer unterschiedlichen Alters, durch die Halle gescheucht. Mit Sit-ups, Liegestützen und Laufübungen wird uns der Schweiß in die Augen getrieben.

Auch wenn Fitness kein Bestandteil von Krav Maga sei, passe es gut zum Training, so Mars. „Fitness schadet nur demjenigen, der sie nicht hat.“ Nach 30 Minuten ist mein Kopf knallrot, und ich merke, dass ich mein wöchentliches Programm im Studio ausbauen könnte.

Nach einer kurzen Trinkpause geht es ans Eingemachte. Wir lernen, uns aus einem Würgegriff zu befreien. Und so soll es funktionieren: Einen Arm nach oben ausstrecken, den Körper seitlich drehen und den Arm mit Schmackes in Richtung Ellbogen des Gegners ziehen. In Zweierteams üben wir möglichst realitätsnah – einer ist der Angreifer, der andere wehrt ab. Burkhard Mars ist nicht zimperlich und drückt mich mit beiden Händen fest am Hals.

Schließlich fasst ein echter Angreifer einen auch nicht mit Samthandschuhen an. Zuerst zucke ich reflexartig zusammen, doch dann rufe ich die Techniken schrittweise ab und tatsächlich – ich kann mich aus dem Würgegriff befreien. Beim ersten Mal sieht mein Versuch noch eher nach einer fließenden Yoga-Bewegung aus, aber von Mal zu Mal setze ich mehr Kraft ein und kann mich ganz auspowern.

Um Stress zu simulieren, der bei einem realen Konflikt auftritt, pfeift Mars zwischen den Übungen. Für uns Krav Maga-Lehrlinge ist es das Zeichen dafür, uns sofort auf den Boden zu schmeißen und die Hände über den Kopf zu legen. Es folgen Sit-ups, Liegestützen und Froschsprünge. Anschließend wiederholen wir die gelernten Techniken.

Das Bemerkenswerte dabei: Es ist irrelevant, ob mich der Angreifer von hinten am Hals packt oder ob ich dabei auf dem Boden liege – mit den gleichen Griffen komme ich aus unterschiedlichen Lagen und Belastungen heraus. Und das ergeht nicht nur mir so. Egal, ob klein (wie ich) oder groß, ob muskulös oder eher Typ Spargeltarzan – Krav Maga ist ein Training, das jeder machen und anwenden kann. Als nächstes trainiere ich mit Jasmin Nawroth. Krav Maga verleiht ihr ein gutes Gefühl auf der Straße. „Wenn ich abends im Dunkeln ein Stück allein gehen muss, fühle ich mich jetzt selbstbewusster“, so die 35 Jahre alte Wedelerin. „Man wird mit der Zeit immer sicherer.“

Bei der Selbstverteidigungsart Krav Maga ist alles erlaubt

Beim Krav Maga gibt es keine Regeln. „Bei Kampfsportarten gibt es Dinge, die man nicht machen darf. Beispielsweise sind beim Karate Stiche ins Auge verboten, ansonsten wäre der Kampf zu schnell vorbei“, sagt Burkhard Mars. „Aber genau das nutzen wir beim Krav Maga aus.“ Beim Training allerdings gibt es natürlich Vorschriften.

Seit Oktober unterrichtet Burkhard Mars das Selbstverteidigungssystem beim Wedeler TSV. Er selbst macht seit 1987 Kampfsport und Nahkampf. Seit dem Frühjahr ist der Wirtschaftsinformatiker zertifizierter Krav Maga Trainer und wurde vom Meister Alain Cohen aus Israel ausgebildet.

Nach eineinhalb Stunden Selbstversuch bin ich völlig platt. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass es anstrengend wird, aber davon, dass ich am nächsten Tag meine Arme vor lauter Muskelkater nicht mehr heben kann, war nicht die Rede. Und davon, dass ich den nächsten Optiker aufsuchen muss, der mir meine Brille wieder richtet, auch nicht. Aber bei diesem Training bleibt halt keiner verschont – und das ist auch gut so.

Die gelernten Bewegungen habe ich verinnerlicht und ich gehe gestärkt aus dem Kursus raus. Klar, sieht die Situation bei einem echten Angriff noch einmal ganz anders aus, aber wenn ich mich effektiv wehren kann, ist schon viel gewonnen.