Pinneberg
Elmshorn

Wie viel Event brauchen Azubis von morgen?

Ein Archivbild aus Norderstedt; 20 Unternehmen rollen im European Surgical Institute den roten Teppich aus

Ein Archivbild aus Norderstedt; 20 Unternehmen rollen im European Surgical Institute den roten Teppich aus

Foto: Christopher Herbst

Besondere Aktionen helfen jedenfalls, Nachwuchskräfte zu finden, meinen Experten. Kreis plant mit der Nachtschwärmer-Jobtour eine neue.

Elmshorn.  Der Bewerbermangel auf dem Ausbildungsmarkt macht erfinderisch. Gerade erst hat die Arbeitsagentur Elmshorn Schulabgänger zu einem sogenannten Speed-Dating eingeladen, zu einer Art Hochgeschwindigkeits-Flirt mit dem womöglich künftigen Lehrherren und Chef, da plant der Kreis Pinneberg die nächste und wohl noch spektakulärere Aktion: eine Nachtschwärmer-Jobtour im Mai kommenden Jahres mit stark ausgeprägtem Eventcharakter.

Event ist das Stichwort. Braucht es heute derer Veranstaltungen, damit sich junge Menschen überhaupt noch für einen klassischen Start ins Berufsleben begeistern lassen? Burkhard Stratmann, der in der Kreisverwaltung das Projekt „Rückenwind – Jugendmobilität Westküste“ betreut und nun auch die Nachtschwärmer-Aktion auf die Beine stellt, hält sie zumindest für wichtig und zielführend. „Wir wollen den Schulabgängern was zeigen, und sie sollen gleichzeitig Spaß haben“, sagt er. „Das ist das Modell der Zukunft.“ Denn schließlich solle der Beruf später auch Spaß machen. Stratmann meint: „70 Prozent der Menschen erledigen im Job nur noch ihre Pflicht. Die sagen am Ende ihres Berufslebens: Das war’s nicht. Oder sie haben mit 40 Burn-out.“

Aktion lief schon in Norderstedt und Bad Oldesloe

Gerold Melson, der Sprecher der Arbeitsagentur in Elmshorn, sieht es ähnlich. „Es ist wichtig, in der Bewerbungsphase etwas Attraktives anzubieten“, sagt er, „die Berufswahl muss spannend gestaltet sein, um die Bewerber zu begeistern.“ Events kämen bei der Zielgruppe halt besser an als der klassische Weg.

Es ist ein Weg, den auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Kiel für sinnvoll hält. „Jede Begegnung mehr mit der Ausbildungswelt kann aus Sicht der IHK nur sinnvoll sein“, sagt der Leiter der Elmshorner Zweigstelle, Paul Raab. „Die Jugendlichen, die ein genaues Bild von ihrem Ausbildungsbetrieb haben, werden während der Ausbildung keine Enttäuschung erleben.“

Dass die Wirtschaft den Nachwuchs derart umwirbt, wäre vor einigen Jahren, da die Zahl der Bewerber die der freien Lehrstellen bei Weitem überstieg, noch undenkbar gewesen. Aber die Situation hat sich längst ins Gegenteil verkehrt, Experten sprechen seit einigen Jahren von einem Bewerbermarkt. Im Kreis Pinneberg sind selbst für einen Ausbildungsbeginn in diesem Sommer aktuell – Stand Ende Mai – noch 825 unbesetzte Ausbildungsplätze bei der Arbeitsagentur gemeldet (siehe Kasten). „Heute müssen sich die Betriebe quasi bei den Jugendlichen bewerben“, bringt Burkhard Stratmann es auf den Punkt.

Und da kommt nun die „Nachtschwärmer-Jobtour“ ins Spiel, geplanter Termin am 6. Mai kommenden Jahres. Es ist ein Modell, das der Kreis Pinneberg aus Bad Oldesloe (Kreis Stormarn) und Norderstedt übernimmt, wo es bereits mit Erfolg praktiziert wird. In Elmshorn können die Jobtour-Macher das Cineplex-Kino an der Kurt-Wagener-Straße kostenlos nutzen. Es wird als Treffpunkt dienen, dort soll auch ein Discjockey Musik auflegen. „Von dort werden die Teilnehmer in Shuttlebussen zu zwei Firmen gebracht“, sagt Burkhard Stratmann. Einer der Betriebe soll den Vorstellungen der Jugendlichen entsprechen; sie dürfen vorher Wünsche nennen. Nach einer Pause im Kino geht es dann in eine zweite Firma, die die Organisatoren aussuchen – und zwar mit der Intention, dass die Schüler dort etwas für sie ganz Neues kennenlernen.

Kreis rechnet mit 200 bis 400 Teilnehmern

Noch sucht der Kreis Pinneberg Firmen, die mitmachen. Bei einem ersten Informationstreffen sei das Interesse aus der Wirtschaft groß gewesen, so Stratmann. Nach den Sommerferien werden seine Mitarbeiter und er in die Elmshorner Schulen gehen, um das Projekt vorzustellen. Schüler können sich dann um eine Teilnahme bewerben. Wer angenommen wird, erhält dann im kommenden Frühjahr per Post eine sogenannte VIP-Einladung. Stratmann rechnet mit 200 bis 400 Jugendlichen, die am 6. Mai abends nach Elmshorn kommen. Die Erfahrung aus Bad Oldesloe und Norderstedt lehrt, dass die Teilnehmer das Event sehr ernst nehmen. „Viele von ihnen brezeln sich dafür richtig auf“, sagt der Kreis-Mitarbeiter.

Er wird nicht müde, auch Abiturienten eine Ausbildung ans Herz zu legen: „Eine Berufsausbildung ist ja erst mal eine sichere Bank. Wer studiert hat, hat ja noch keinen Beruf. Er hat sich lediglich einige Jahre lang mit etwas beschäftigt.“