Pinneberg
Wedel

Kraftwerk Wedel: Wurde Autolack verätzt?

Das Wedeler Kraftwerk sorgt vor allem bei Anwohnern immer wieder für Ärger

Das Wedeler Kraftwerk sorgt vor allem bei Anwohnern immer wieder für Ärger

Foto: picture alliance / dpa

Staatssekretär des Energiewendeministeriums: Es gibt keine weiteren Untersuchungen am Wedeler Kraftwerk. Bürgerinitiative erwägt Klage.

Wedel.  Nächste Runde im Streit um den Partikelausstoß aus dem Wedeler Vattenfall-Kraftwerk: Staatssekretär Tobias Goldschmidt aus dem Energiewendeministerium in Kiel hat sich am Donnerstag zunächst mit Vertretern der Bürgerinitiative (BI) „Stopp! Kein Mega-Kraftwerk Wedel“ zum Ortstermin getroffen, dann mit Bürgermeister Niels Schmidt diskutiert. Die Einschätzungen lagen danach weit auseinander. Für den Staatssekretär ist die Sachlage klar, er sieht die Problem eher „im zwischenmenschlichen Bereich“. „Wir sind in Kiel abgeblitzt“, sagte BI-Sprecherin Kerstin Lueckow. Und Schmidt äußerte „ein gewisses Verständnis für die Position der Landesregierung.“

Qualität und Quantität des Partikelregens ließen nach

Auslöser des Besuchs ist ein Beschluss des Wedeler Rates aus dem Januar, wonach das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) als zuständige Aufsichtsbehörde aufgefordert wird, „den Verursacher der Lackschäden an den Autos am Elbhochufer zweifelsfrei festzustellen“. Das LLUR ist dem Ministerium des Grünen Robert Habeck untergeordnet.

Der Wedeler Politik erteilte Goldschmidt eine klare Abfuhr: Es gibt seitens des Landes keine weiteren Untersuchungen. Die vom Ministerium geforderten Minderungen des Ausstoßes zum 31. August des vergangenen Jahres sind für ihn umgesetzt worden. „Qualität und Quantität des Ausstoßes haben nachgelassen“, sagte Sven Helmig vom LLUR, der Goldschmidt begleitete. Dabei bezieht er sich hauptsächlich auf Untersuchungen des TÜV Nord, aber auch des Kraftwerksbetreibers, die nach der Wiederinbetriebnahme der Anlage erfolgt waren. Untersucht wurden auch mögliche Ätzschäden, die durch die Partikel aus der Anlage an den Automobilen entstanden sind. In einem 28-tägigen Versuch konnten keine Schäden entdeckt werden. „Die Partikel lassen sich mit normalem Reinigungsaufwand entfernen, der Lack war nicht beschädigt“, meinte Hellmig.

Was die Menge der ausgestoßenen Partikel angeht, hat die BI-Sprecherin allerdings ganz andere Beobachtungen gemacht. „Es ist eine Katastrophe, was hier seit Februar runtergekommen ist“, sagte Kerstin Lueckow. Die Argumentation in Sachen Ätzschäden kann sie auch nicht nachvollziehen. „Wir haben doch während der Begehung mit dem Staatssekretär gesehen, welche Schäden an den Autos entstanden sind.“ Bei ihrer Recherche ist Kerstin Lueckow übrigens auf Berichte aus dem Jahr 2014 über das Kohlekraftwerk Bergkamen gestoßen. „Weißer Partikelausstoß, blaue Schäden an dem Autolack – das ist genau so wie bei uns“, sagte sie.

Vattenfall hatte auf den Wedeler Ratsbeschluss mit einem neuen Gutachten reagiert. Demnach hat „weder Verschlucken der Partikel noch Kontakt mit der Haut, der Schleimhaut oder den Augen (...) negative gesundheitliche Auswirkungen“, so der von dem Energieriesen bestellte Gutachter Joachim Haselbach. Der Experte schrieb im Wesentlichen die bisherigen Gutachten zusammen und arbeitete die neuen TÜV-Ergebnisse ein.

An diesem Gutachten hat Kerstin Lueckow nun einige Kritikpunkte. Zum Beispiel sind lediglich 26 von 116 Seiten der Bewertung veröffentlicht worden. Untersuchungen, auf die sich der Gutachter Joachim Haselbach bezieht, sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht worden und damit für die Bürger nicht überprüfbar. Der BI fehlen weiterhin Untersuchungen der tatsächlich ausgestoßenen Partikel sowie eine Beweissicherung der Schäden an Autolacken im Umfeld des Kraftwerks.

„Wir haben uns mit Vattenfall in Verbindung gesetzt, und selbstverständlich bekommt jeder das vollständige Gutachten, der es haben möchte“, erklärte Goldschmidt dazu.

„Das ist doch kein normales Leben mehr hier“, schimpft unterdessen Kerstin Lueckow angesichts des immer wiederkehrenden Partikelregens. Doch den Kampf will die BI nicht aufgeben und gegebenenfalls gegen das Energiewendeministerium und Vattenfall vor Gericht ziehen.

Der Bürgermeister sieht in einer gerichtlichen Auseinandersetzung auch eine Chance. Niels Schmidt: „Vielleicht ist das der einzig mögliche Weg der Klärung.“