Wedel

Was Ulrich Kloevekorn noch sagen wollte...

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Katy Krause
Ulrich Kloevekorn geht mit seinem Hund Jari jeden Tag eine Runde

Ulrich Kloevekorn geht mit seinem Hund Jari jeden Tag eine Runde

Foto: Katy Krause / HA

Unterwegs in ein Leben nach der Politik: Stadtpräsident Ulrich Kloevekorn (CDU) über Kollegen, Gutachten und eigene Fehler.

Wedel.  Fast ein halbes Jahrhundert ist es her, da wurde Ulrich Kloevekorn Mitglieder der CDU, und kurz darauf betrat er erstmals die politische Bühne in Wedel. Er hat sie bis auf kurze Intermezzi, während der er im Ausland tätig war, nicht wieder verlassen. Bis jetzt. Nun müssen sich seine Kollegen daran gewöhnen, ohne ihn auszukommen. Denn der 74-Jährige tritt zur Kommunalwahl nicht wieder an. „Jetzt ist noch der Zeitpunkt, an dem ich selbst entscheiden und erhobenen Kopfes gehen kann“, sagt Kloevekorn. Er erinnert sich noch an ein Mitglied im Ausschuss, das mit über 80 Jahren an Sitzungen teilnahm und das man zu Entscheidungen wecken musste – ein mahnendes Beispiel für ihn.

Was könnte der Wedeler aber auch noch erreichen? Jahrelang war er im einstigen Werkausschuss aktiv, später im Bauausschuss Mitglied, dessen Vorsitz er zeitweise übernahm. Im Wedeler Rat hatte er gefühlt einen Dauerplatz, und auch in der eigenen Fraktion übernahm er 16 Jahre lang den Job als Vorsitzender. Nachdem Renate Palm (WSI) 2016 ihr Amt als Stadtpräsidentin überraschend niederlegt hatte, fiel die Wahl für den höchsten kommunalpolitischen Posten klar auf Kloevekorn. Er war schon zuvor für die Aufgabe mehrfach im Gespräch gewesen – am lautesten wurde der Ruf, als die SPD-Fraktion nach Streitigkeiten 2013 zerbrach und eine Gruppe sich als WSI lossagte. Renate Palm (zuvor SPD) blieb im Amt, obwohl die Christdemokraten fortan die stärkste Fraktion im Wedeler Rat bildeten und Anrecht auf den Posten gehabt hätten. „Ich bin dankbar, dass man es mir zugetraut hat, aber es hat mich damals nicht gedrängt, die Aufgabe zu übernehmen“, sagt Kloevekorn. Es kam anders, und er musste doch ran.

Seit knapp zwei Jahren sitzt er dem höchsten politischen Gremium der Stadt vor. Sein Platz ist direkt neben dem Bürgermeister. Er muss ihn in drei Monaten räumen, und doch wirkt Kloevekorn nicht wehmütig. Er hat Pläne für die Zeit danach: Mit seiner Frau reisen und Deutschland erkunden („Es gibt so schöne Ecken, und es fehlte immer die Zeit, sie sich anzusehen“), sich um die wachsende Familie kümmern (vier Kinder und sieben Enkelkinder fordern Tribut), mit dem aus einem Tierheim geretteten mittlerweile 14 Jahre alten Familienhund Jari lange Spaziergänge durchs „lebenswerte Wedel“ unternehmen und natürlich auch die Kommunalpolitik weiter beobachten. Allerdings aus der Ferne.

Kloevekorn wirkt, als sei er ganz glücklich, dass er die viele Arbeit, die sein politisches Hobby zunehmend verursachte, abgegeben darf. Im Vergleich zu 70er- oder 80er-Jahren sei viel mehr zu tun, die Anforderungen seien viel höher und die Themen deutlich komplizierter geworden. „Allein die Papierstapel, die Kommunalpolitiker heute pro Woche auf den Tisch bekommen, sind doppelt so hoch geworden.“ All das ehrenamtlich neben dem Hauptberuf durchzuarbeiten sei eine große Herausforderung. Eine weitere Veränderung, die er in der politischen Landschaft Wedels mit Besorgnis beobachtet: „Es gibt weniger Leute im Rat, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.“

Zunehmend verstecke man sich hinter Gutachten. „Versichertendenken“ und „Expertenabhängigkeit“ nennt das der langjährige Kommunalpolitiker, der sich für die Zukunft Wedels wünschte, dass wieder mehr nach besten Gewissen und gemeinsam im Sinne der Stadt entschieden würde. Dass ein Gutachten bei der Entscheidung helfe, hält er für einen Trugschluss. „Bei einem Gutachten kommt das Ergebnis heraus, das ich erwarte“, sagt Kloevekorn und verweist auf Wedels Dauerstreitthema Kraftwerk. „Das ist doch das beste Beispiel. Da sagt das Gutachten der einen Seite, die Partikel seien nicht gesundheitsschädlich, und das Gutachten der anderen Seite bescheinigt genau das Gegenteil.“ Für ihn wäre es immer noch die beste Variante, dass dort heute ein neues Gaskraftwerk stünde, das keinen Dreck produziert.

In anderen Punkten hat Kloevekorn rückblickend seine Einstellung geändert. Dass er sich gegen den Aufbau einer Gemeinschaftsschule in Wedel gestellt hat, bezeichnet er als Fehler. „Die Schule ist heute eine tolle Einrichtung, mein Widerstand damals war falsch“, räumt er ein. Auch aus einem anderen Projekt hat er gelernt. Die Sanierung des Stadthafens würde er jetzt anders angehen. In die Hafen AG würde er mehr Experten vor Ort holen und Bedenkenträger zu Wort kommen lassen. „Da ist einiges zu rosig gesehen worden“, sagt Kloevekorn. Unter anderem hätte niemand damit gerechnet, dass man jedes Jahr den neuen Ponton am Willkomm-Höft wegschleppen müsse, um den Schlick wegzubaggern. „Auch in diesem Fall haben wir uns zu sehr auf Gutachter verlassen.“

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