Pinneberg
Neuendorf

Rudolf Pallesen baut Fahrräder nach Maß

Seit 26 Jahren fertigt Rudolf Pallesen Fahrräder nach Maß in seiner Manufaktur in Neuendorf

Seit 26 Jahren fertigt Rudolf Pallesen Fahrräder nach Maß in seiner Manufaktur in Neuendorf

Foto: Anne Dewitz / HA

In der kleinen Manufaktur in Neuendorf werden die Rahmen aus Stahl von Hand gefertigt. Die Kunden kommen aus ganz Europa.

Neuendorf.  An einer Wand in der Werkstatt hängen Postkarten und Fotos. Sie wurden aus dem Iran, dem Sudan oder aus China geschickt und stammen von Kunden, die vom Fahrradsattel aus die Welt erkunden. Sie haben sich bei Rudolf Pallesen ein Fahrrad nach Maß anfertigen lassen. Eines, das robust ist und ein treues Gefährt auf langen Reisen, auch durch unwirtliches Gelände. „Ich freue mich immer, wenn ich solche Grüße bekomme“, sagt der 52-Jährige. Dann packe auch ihn gelegentlich das Reisefieber. Seit 26 Jahren fertigen Pallesen und sein Team unter dem Namen Norwid Rennräder, Trekking- und Reiseräder, Mountainbikes oder das persönliche Traumrad in der kleinen Manufaktur in Neuendorf (Kreis Steinburg) an der Grenze zu Elmshorn an – alle nach Maß.

Für den Rahmen benutzen sie Stahl statt Aluminium. „Das ist zwar etwa dreimal so schwer wie Aluminium, hat aber auch nur ein Drittel der Biegefestigkeit“, sagt Pallesen. Das heißt, dass ein Rahmen aus Aluminium voluminöser, wuchtiger aussieht, wenn er stabil sein soll. Stahl hält auch deutlich länger. „Ein Tourenrad wiegt fertig 15 bis 16 Kilogramm. Davon entfallen nur drei Kilogramm auf den Rahmen.“

Jedes Fahrrad ist eine Maßanfertigung. Pallesen misst Körpergröße, Gewicht und Schrittlänge bei seinen Kunden aus. „Weil jeder Mensch anders ist, haben wir noch nie ein Rad genauso gebaut wie das andere“, sagt er. Auch das Alter des Kunden spielt eine Rolle. „Ein 60-Jähriger sitzt anders auf dem Rad als ein 20-Jähriger von gleicher Statur.“

Was er noch wissen muss: Wo soll das Rad eingesetzt werden? Welche Fahreigenschaften sind gewünscht? Soll das Rad sportlich sein oder bequem? „Es macht natürlich einen Unterschied, ob der Kunde bei den Cyclassics an der Spitze mitfahren möchte, auf Weltreise geht oder am Wochenende Ausflüge in die Natur machen möchte“, sagt der zweifache Vater. Er notiert sich, womit das Rad ausgestattet sein soll und wie der Kunde auf dem Rad sitzen möchte.

Einige Ansichtsexemplare stehen im vorderen Teil der Werkstatt. Sie sollen in erster Linie einen Eindruck vermitteln. Das Rad wird dann ganz persönlich für den Kunden gebaut. In dem ehemaligen Apfelhof arbeiten absolute Fahrrad-Experten. Von diesen speziellen Fahrradschmieden gibt es in Deutschland nur wenige. „Rahmen zu bauen ist nicht Teil der Ausbildung zum Zweiradmechatroniker, wie es heute heißt“, sagt Pallesen. Es werde eigentlich nur noch in der Meisterausbildung vermittelt. Er selbst hat seit seinem 16. Lebensjahr in einem Fahrradladen in Elmshorn geschraubt und nach einer Ausbildung bei den Stadtwerken Elmshorn sich in Süddeutschland zum Rahmenbauer ausbilden lassen.

Ist die Wahl gefallen, beginnen die Säge- und Fräsarbeiten. Es werden zum Beispiel Kanäle in das Rohr eingearbeitet, die später die Bremszüge führen. Geselle Tim Schönheit, der seit fünf Jahren bei Norwid arbeitet, setzt eine dunkle Brille auf und wirft den Lötbrenner an. Der 30-Jährige heftet die Rohre zusammen. Besonders elegante Stahlrahmen werden in einer besonderen Technik gefertigt: Die Rohre werden mit einer Auftragslötung verbunden, bei der das zähflüssig aufgetragene Silberlot in sorgfältiger Handarbeit zu einem nahtlosen Übergang geschliffen wird.

An anderer Stelle in der Werkstatt wird geschmirgelt und gefeilt. Der Rahmen kann in mehr als 200 Farben beschichtet werden. Matt, glänzend oder mit Metallic-Effekt, zusätzlich in diversen Lasurtönen oder mehrfarbig mit fließenden oder scharfen Übergängen. Wenn der Rahmen seine Farbe erhalten hat und alles so versiegelt ist, dass es nicht rosten kann, werden die ausgewählten Komponenten wie Sattel, Lampen und Gepäckträger montiert. Das Ganze hat seinen Preis. Zwischen 1500 und 3000 Euro kostet der handgefertigte Rahmen, 3000 und 6000 Euro nach komplette Fahrrad nach Maß.

Die Kunden von Norwid kommen aus ganz Europa. Auch junge Menschen zählen zur Kundschaft. „Manchmal weiß ein Student oder Azubi den Wert eines solchen Rades mehr zu schätzen, als ein Banker“, sagt der Fahrradbauer.

Etwa 170 individuelle Rahmen fertigt Pallesen mit fünf Gesellen und einem Auszubildenden pro Jahr. „Wenn das leidige Thema Fahrraddiebstahl nicht wäre, könnten wir noch mehr verkaufen“, sagt Pallesen. Insbesondere Pendler seien davon betroffen. Durchschnittlich 20 Stunden braucht er für die Herstellung eines Rahmens. „Unsere Lieferzeit beträgt aktuell vier bis fünf Monate“, sagt Pallesen. Deshalb bestellen viele seiner Kunden ihr Rad schon im Herbst oder Winter, damit es pünktlich zur Saison fertig ist.

Es gibt aber auch noch eine schnellere und günstigere Variante. „Auf Wunsch können wir den Rahmen nach unseren Vorstellungen in Tschechien fertigen lassen“, sagt Pallesen. Dann ist das Rad in vier bis sechs Wochen lieferbar und kostet zwischen 2000 und 4000 Euro. Mehrere Händler in Deutschland vertreiben die Norwid-Räder.

Pallesen schwingt sich in seiner Freizeit auch gern auf den Sattel. Zu seinem 50. Geburtstag gönnte er sich eine vierwöchige Tour durch Neuseeland. Mit seinem Sohn Björn-Ole (24) nahm er auch schon an der Transalp teil, dem härtesten Mountainbike-Etappenrennen über die Alpen. Und in diesem Sommer haben sie sich die Vätternrundan, eine 300 Kilometer lange Radrundfahrt in Schweden, vorgenommen.