Pinneberg
Bokholt-Hanredder

Uriges Holzmobiliar aus alten Weinfässern

Die Tischler Thore Ingwersen (l.) und Florian Wieberneit fertigen in Bokholt-Hanredder Möbel aus alten Weinfässern, hier als Bar und Flaschenregal. 400 Eichenfässer haben sie bereits verbaut

Die Tischler Thore Ingwersen (l.) und Florian Wieberneit fertigen in Bokholt-Hanredder Möbel aus alten Weinfässern, hier als Bar und Flaschenregal. 400 Eichenfässer haben sie bereits verbaut

Foto: Burkhard Fuchs / HA

Zwei junge und findige Tischler haben sich mit der Geschäftsidee „Urmodern“ in Bokholt-Hanredder selbstständig gemacht.

Bokholt-Hanredder.  Die Werkstatt liegt eher unscheinbar an der Straße Offenau in Bokholt-Hanredder, direkt vor den Toren Elmshorns. Eine große, hohe Produktionshalle ohne Fenster, in der früher mal Fahrzeuge standen. Doch hinter den dicken Wänden verbirgt sich eine Möbeltischlerei, die in ganz Norddeutschland einmalig sein dürfte. Mit Florian Wieberneit und Thore Ingwersen arbeiten dort zwei gelernte Tischler, die sich ganz auf die Verarbeitung eines Materials spezialisiert haben, das im kalten Norden kaum eine Rolle spielt: Sie stellen aus alten Weinfässern todschicke, urige Möbel her. „Urmodern“ nennen die beiden Jungunternehmer aus Langeln und Horst ihre Geschäftsidee, die ihnen in den eineinhalb Jahren ihrer Existenzgründung bereits Kunden aus ganz Deutschland beschert hat.

Ein Urlaub in Südfrankreich brachte ihn auf die Geschäftsidee, erzählt Wieberneit. Da war er erst 17 Jahre alt und hatte seine Tischlerlehre noch nicht mal begonnen. „Ich sah dort Stehtische aus Weinfässern und war sofort fasziniert“, erinnert sich der Möbeltischler. „Das hat was, dachte ich mir. Die Fässer strahlen Charakter und Geschichte aus.“ Die Idee setzte er dann gleich neben der Lehre in einem Horster Betrieb zunächst nebenberuflich um. Wieberneit besorgte sich alte Weinfässer und verkaufte sie als Deko-Stücke in Form von Stehtischen, Regentonnen und Pflanzenkübeln. Mehr konnte er nicht abends und am Wochenende neben der Lehre aus dem einzigartigen Material machen.

Doch das änderte sich, nachdem er und sein Kompagnon Ingwersen, der in Moorrege gelernt hatte, ihren Gesellenbrief in der Tasche hatten. Beide kannten sich von der Berufsschule in Elmshorn und planten schon länger, sich beruflich zusammenzutun. Jetzt wollten sie aus den oft 100 Jahre alten Weinfässern richtige Möbel machen. Die Werkstatt in Bokholt suchten sie sich aus, weil sie zentral zwischen ihren beiden Wohnorten liegt und bezahlbar ist.

Die Weinfässer besorgen sie sich überwiegend von Küfern aus Süddeutschland und Winzern im südlichen Rheinland, die sie ausgemustert haben. Denn nachdem der Wein dreimal im Eichenfass für zwei, drei Jahre lagerte, nimmt der Rebensaft kein Geschmacksaroma mehr von dem Holz auf, in das er nur fünf Millimeter tief eindringt, erklärt Wieberneit. Das Weinfass ist praktisch aufgebraucht und hat für den Winzer keinen Wert mehr. „Nur noch Hochprozentiges wie Whisky könnte darin gelagert werden.“

So kommt es zum zweiten Leben der Weinfässer in der Werkstatt an der Offenau. Meist verarbeiten sie das Standard-Eichenfass, das 225 Liter fasst und für Bordeaux- und Burgundweine verwandt wird und deshalb auch den französischen Begriff Barrique für das Fassmaß trägt. Diese Fässer böten sich gut für den Bau von Sitzmöbeln oder Barschränken an, erläutert Wieberneit.

Die Bar koste, je nachdem ob sie offen, mit Tür, für Weinlagerung, mit Gläserhalterung oder mit Beleuchtung gefertigt wird, zwischen 250 und 400 Euro. Der Eichenfass-Stuhl liegt bei 350 Euro und wiegt rund 50 Kilogramm. Aufwendiger zu fertigen ist ein massiver Eichentisch, der schon mal 1600 Euro kosten kann. „Unsere Möbel sind schon etwas kostspielig“, sagen die findigen Möbeltischler. „Aber das Material ist hochwertig, und es steckt sehr viel Arbeitszeit darin.“ Für einen Tisch brauchen sie bis zu 30 Arbeitsstunden. Und es sind auch meist Unikate, Sonderanfertigungen ganz nach den Wünschen ihrer Kunden, auch wenn sie für Stühle und Bars Standardangebote im Repertoire haben.

Arbeitsplatte für die Küche aus einem Weinfass

Denn das Besondere ihrer Handwerksarbeit besteht darin, bei einem Tisch aus den fünf bis sieben gebogenen Weinfassstreben, die sich Dauben nennen, eine gerade Oberfläche hinzubekommen. Die gepressten und geschliffenen Dauben, die sie zuvor feinsäuberlich aus dem Fass herausgesägt und zurechtgeschnitten haben, müssen dann fugenfrei zusammengesetzt und verleimt werden. „Das ist nicht ganz so einfach“, sagt Tischler Ingwersen. Der früher im Fass gelagerte Rotwein gibt dem Holz zudem eine wunderschöne Maserung.

Für größere Möbel verwenden die beiden Tischler auch schon mal Eichenfässer, die 2500 oder gar 10.000 Liter fassten, und nutzen deren große ovale Deckel als Tischoberfläche.

Ihre Kundschaft fänden sie vor allem auf Möbel- und Gartenmessen wie „Bauen und Wohnen“ in Flensburg oder jüngst der Lebensart-Messe in Elmshorn. Für ein Küchenstudio fertigen sie gerade Arbeitsplatten aus Weinfässern für 400 Euro den laufenden Meter. „Wir versuchen uns gerade einen Kundenstamm aufzubauen.“ Gern würden sie ihre massiven Möbel aus uraltem Holz zur Gartensaison als wetterfeste Möbel anbieten. „Aber“, sagt Wieberneit, „wir wollen Schritt für Schritt wachsen.“

„So ein Barschrank spricht eigentlich jeden an und sollte auch vom Budget her bei jedem reinpassen“, ist ihre Geschäftsdevise. Die aufwendigeren Möbel seien dann etwas für Leute, die das Besondere und Spezielle suchen, wo der Eichentisch auch ohne Tischdecke auskommt und die Möbel mit der urigen, modernen Einrichtung zusammenpassen sollen.