Pinneberg
Wedel

Die Erfinderin eines gelben Kultobjekts

Die gelbe, runde Telefonzelle wurde von Barbara Simon erdacht und gestaltet

Die gelbe, runde Telefonzelle wurde von Barbara Simon erdacht und gestaltet

Foto: Wolfram Steinberg / picture alliance / Wolfram Stein

Die Architektin Barbara Simon schuf das Brücke-Museum, die eckenlose Telefonzelle und vieles mehr. Heute lebt sie in Wedel.

Wedel.  Im Hamburger Bucerius Kunst Forum läuft zurzeit eine Ausstellung mit Werken von Karl Schmidt-Rottluff. Viele Arbeiten des deutschen Expressionisten kamen dafür aus dem Brücke-Museum aus Berlin. In dem in der Nähe des Grunewalds gelegenen Gebäude hängen auch Bilder von anderen Mitgliedern der Künstlergruppe wie Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Emil Nolde, Otto Mueller und Fritz Bleyl. Mit entworfen hat den Bau eine Frau, die heute in Wedel lebt: Architektin Barbara Simon.

Wer Simons Wohnung betritt, dem streckt erst einmal jemand die Zunge heraus. Auf einer der Türen klebt ein großes Poster von Albert Einstein. Es ist eine Erinnerung an ihren verstorbenen Mann, der früher in der Kunsthalle alte Bücher restauriert hat. Er war ein großer Fan des unkonventionellen Physikers. Als er, an Demenz erkrankt, in ein Pflegeheim in Uetersen zog, klebte sie ihm den Einstein an die Tür, damit er sein Zimmer besser finden konnte.

Simon beginnt, von früher zu erzählen. Der Maler Schmidt-Rottluff und seine Ehefrau Emy hatten keine Erben, sie schenkten der Stadt Berlin viele Bilder und spendeten eine Million Mark. Die Politik revanchierte sich mit dem Bau des Brücke-Museums. Damals, in den 60er-Jahren, arbeitete Barbara Simon im Berliner Bauamt. Ihr Chef, Stadtbaudirektor Werner Düttmann, kam zu ihr, unterrichtete sie von dem Plan und sagte: „Simonchen, du machst das jetzt!“ Also ging die Frau, die zuerst Innenarchitektur und dann auch noch Hochbau studiert hatte, an die Arbeit.

Schmidt-Rottluff war „ein ganz reizender älterer Herr“

Sie verfolgte dabei klare Prinzipien: „Die Besucher müssen fast im Dunkeln stehen, die Bilder brauchen viel Licht von oben.“ Auch die Eichenholzstühle, die heute noch im Museum stehen, hat sie entworfen. An einem kalten Januartag im Jahr 1967 war Richtfest. Den schon damals betagten Schmidt-Rottluff und seine Frau hatte man extra auf Styroporplatten gestellt, damit ihre Füße nicht so kalt wurden. Auch bei anderer Gelegenheit ist sie dem Künstler begegnet und kam zu der Erkenntnis: „Er war ein ganz reizender älterer Herr.“ Simon hat zahlreiche Fotos, Pläne und Zeitungsausschnitte aus der Zeit aufbewahrt. Ein besonders kurioses Stück ist die Einladung zum Richtfest, die ihr Düttmann und Schmidt-Rottluff signiert haben. Sie war zugleich als Verzehrbon gedacht mit heraustrennbaren Abschnitten: für einen Doppelkorn, zwei Bier und eine Mahlzeit.

„Ich war immer auf Achse“, sagt die noch heute temperamentvolle 79-Jährige über ihr abwechslungsreiches Leben. Lange hat sie Postämter entworfen und nach neuen Sicherheitsvorschriften umgebaut. Auch an einem Gestaltungswettbewerb für das damalige Logo der Briefbeförderer, ein neues Posthörnchen, nahm sie erfolgreich teil.

Dann hatte sie genug von der Behörde und wollte in die freie Wirtschaft. Sie schaltete eine Stellenanzeige im Abendblatt – und hatte Erfolg. Eine Hamburger Architektin, die ihr Büro in der Nähe der Elbchaussee hatte, engagierte sie prompt und unkonventionell, versuchte aber auch, ihr die eigenen Schulden unterzuschieben. Simon kündigte und war froh, sich schon bei der Landeszentralbank beworben zu haben. Einer der Aufträge dort führte sie in die Kammerspiele, die umgebaut werden sollten. Simon war in dem Gremium mal wieder als einzige Frau unter lauter Männern dabei. Als die Prinzipalin Ida Ehre dann kam und allen Kerlen die Hand gab, ihrer Geschlechtsgenossin aber nicht, war die mächtig sauer.

„Du darfst nicht zicken, lieber tricksen“, ist ein Motto, mit dem sie in ihrem Berufsleben gut gefahren ist. Sie hatte ein Faible für das Ungewöhnliche und entwarf das runde Telefonhäuschen TelH78, eine Mensa für die Technische Universität in Berlin und gestaltete drei Berliner U-Bahn-Stationen neu. Eine davon ist die am Fehrbelliner Platz, der danach zu einem der zehn schönsten Plätze der Stadt gewählt wurde. „Meine Kollegen hielt mich für verrückt, als sie den Entwurf gesehen hatten“, erinnert sie sich.

Auch aus ihrer Berliner Zeit stammte der Auftrag, einen Konferenztisch für den Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy 1961 zu entwerfen. Wieder war Düttmann mit „Simonchen, mach mal schnell“ zur Stelle. Der Tisch wurde rechtzeitig fertig. Ziemlich fertig wirkte auch der damalige regierende Bürgermeister Willy Brandt, der auf den Balkon des Schönebergers Rathauses mehr schwankte als ging und dabei von den Bodyguards sicherheitshalber am Gürtel gepackt wurde. Für Simon war das Rathaus ein besonderes Gebäude, denn im Keller war sie einst mit Tee begrüßt worden, nachdem sie mit ihrer Familie ausgebombt worden war.

Simon war schon in Rente – sie lebt seit 1996 in Wedel –, als sie an der Schauspielschule an der Oelkersallee in Hamburg einen Schauspielkursus belegte. Neben ihr saß dabei oft der Revolverheld-Gitarrist Niels Kristian Hansen: „Der ruderte immer so mit den Armen“, weiß sie noch. Nach dem Ende des Kurses hatte sie das Theaterfieber gepackt. In Holm schloss sie sich einer Theatergruppe an und stand 2015 in Agatha Christies „Kurz vor Null“ als Lady Tressilian auf der Bühne. Sie muss lachen: „Ich wurde schnell ermordet, da musste ich mir nicht so viel Text merken.“

Viele von Barbara Simons Tricks haben erstaunlich gut funktioniert.