Pinneberg
Elmshorn

Er ist Erfinder der vergessenen Berufe

Museumsleiterin Bärbel Böhnke und Künstler Manuel Zint im Industriemuseum Elmshorn mit der Hubertuslampe, die in Raunächten Schutz vor Bösem bot – angeblich

Museumsleiterin Bärbel Böhnke und Künstler Manuel Zint im Industriemuseum Elmshorn mit der Hubertuslampe, die in Raunächten Schutz vor Bösem bot – angeblich

Foto: Anne Dewitz / HA

Manuel Zint stellt Ergebnisse seiner fiktiven Feldforschung im Industriemuseum Elmshorn vor. Ausstellung wird am 4. Februar eröffnet.

Elmshorn.  Der Holzschnitt im Stile eines Jost Amman zeigt den Beinschläger. Ein Handwerk, das längst vergessen ist, versichert Manuel Zint. „Er zerschlug Tierknochen zu Staub, mischte ihn mit Gold und verkaufte das als Tiermedizin“, sagt der Itzehoer Künstler. Nur weil die Werkzeuge mit Zaubersprüchen versehen waren, habe sich die heilende Wirkung entfalten können. „Warum der Beinschläger in den heutigen Ausgaben über alte Berufsstände von Hans Sachsen nicht mehr zu finden ist, kann ich mir nicht erklären“, sagt Zint und verzieht dabei keine Miene.

„Opera Oblivia“ – unter diesem Begriff werden in der fiktiven künstlerischen Feldforschung Tätigkeiten und Berufsstände kategorisiert, die dem vollständigen Vergessen anheimgefallen sind. Sie sind Gegenstand der kommenden Kunstausstellung im Industriemuseum Elmshorn, die am Sonntag, 4. Februar, eröffnet wird. Zints Exponate geben Einblicke in Lebens- und Arbeitswelten vergangener, vielleicht nie da gewesener Zeiten.

Der Objekt- und Installationskünstler legt den geschichtlichen Hintergrund für seine Werke gern in die Zeitspanne zwischen 1850 und 1915. Für ihn eine spannende Zeit, weil es Quellen gibt, aber nicht zu viele. „Die Zeit bleibt etwas schwammig“, sagt Zint. Und seine Erfindungen bleiben damit glaubwürdig. Alles danach sei zu gut dokumentiert für Illusionen.

„Der große Pantoplastiker“ heißt beispielsweise eine seiner Installation. Die Arbeit stellt eine Jahrmarktsmaschine aus dem Jahr 1893 vor, erläutert deren Funktionsweise und Stellung in der Gesellschaft. Weder Maschine noch die dazugehörige Geschichte sind real. Angeblich diente die Maschine der Abbildung von Personen und der Anfertigung einer Büste. Eine andere Maschine macht mithilfe von Verstärkern den Gesang der Vogelspinne im Terrarium hörbar. Texte „informieren“ den Betrachter über biologische und technische Zusammenhänge.

Eine andere Installation beschreibt den Werdegang einer Künstlerin, die von brennender Leidenschaft getrieben und durch Farbenblindheit und nachlassende Sehkraft gebremst, selbstbewusst und erfolglos versucht hat, sich als Malerin im 20. Jahrhundert zu etablieren. Als Restbestand ihres Schaffens werden drei Gemälde präsentiert: ein Portrait der Dame und zwei ihrer angeblichen Werke.

25 Objekte hat Zint geschaffen, sechs werden ausgestellt. Alle beziehen sich auf fantastische Berufe wie den des Steintafelsetzers. Er verdiente sein Geld damit, negative Astralstrahlung durch das Aufstellen von Steintafeln mit den zehn Geboten Moses zu kompensieren. Zu sehen sein werden Jagdgeräte der Waldfischer und „Quellen“ ihrer Techniken. „Sie jagten Murvel – Riesenmaulwürfe – wegen der Felle und Stoßzähne“, sagt Zint. Prähistorische Knochenfunde dienen als Beweis. Auch über die Kunst der Eisblumenmaler können sich Besucher informieren.

Zint verdichtet seine Feldforschung zu Geschichten, die es so hätte geben können. Es ist ein Balanceakt. Es liegt dem 43-Jährigen nichts daran, Tatsachen zu verkaufen. „Sie sollen anregen, zu hinterfragen“, sagt er. In Zeiten alternativer Fakten und Fake-News sei ein kritischer Blick gefragt. Wie glaubwürdig etwas erscheint, hänge auch von Ort und Art der Präsentation ab. „Stellen Sie etwas auf einen Sockel, erscheint es wahrhaftiger“, sagt der gebürtige Westfale, der freie Kunst an der Kunstakademie Münster studierte und Meisterschüler bei Lili Fischer war.

Wie überzeugend Zint sein kann, davon können sich Besucher am 25. Februar um 14, 15 und 16 Uhr überzeugen, wenn er in die Rolle des Beinschlägers schlüpft. Was ist real, was erfunden? „Die Besucher sind selbst gefordert, wenn es darum geht, die Funktionen von Werkzeugen auf Kärtchen zu schreiben“, sagt Museumsleiterin Bärbel Böhnke. Die Vorschläge kommen an eine Pinnwand. Wer rät, erfährt auch, ob es sich um Zints Erfindung oder einen Gegenstand aus dem Museumsfundus handelt.

Sonderausstellung Opera Oblivia: Eröffnung am So 4.2., 11 Uhr, geöffnet bis Mo 2.4., Di–Sa 14–17 Uhr, So 11–17 Uhr, Eintritt 4 Euro, Kinder frei